Verlegen des Gleiskörpers für die Stadtbahn an der Landesstraße 1200 zwischen Scharnhauser Park und Parksiedlung, Im Hintergrund die Stadtbahnhaltestelle Parksiedlung. Quelle: Unbekannt

Von Harald Flößer

210 Jahre lang, von 1784 bis 1994, galt für die Öffentlichkeit: „Kein Zutritt“. Zäune, Hecken, Parkwächter, Hunde oder Soldaten verwehrten Unbefugten das Betreten des Geländes, das heute als Scharnhauser Park bekannt ist. Ostfilderns Stadtarchivar Jochen Bender hat es in einem Satz zusammengefasst: „Hier lustwandelten Edelleute und marschierten Soldaten, hier wurden Araberpferde gezüchtet und Kriegsgeräte entwickelt, hier stand ägyptisches Vieh im Stall und das „Haifisch-Geschwader“ im Hangar. Alles Vergangenheit. Genau 20 Jahre ist es her, dass die Stadt Ostfildern damit begonnen hat, das ehemalige Kasernengelände in einen modernen Stadtteil umzuwandeln. Heute leben hier 8300 Menschen. Außerdem sind um die 1000 neue Arbeitsplätze entstanden. Nur noch wenige Flächen sind unbebaut. Selbst die größten Skeptiker müssen heute einräumen: Die Operation ist gelungen. Der Stadt wurde ein neues Herz eingepflanzt. Ostfildern, 1975 aus dem Zusammenschluss von vier Filderdörfern entstanden, hat eine urbane Mitte bekommen.

Mutige Entscheidung

„Der Scharnhauser Park ist ein Geschenk der Wiedervereinigung“, sagt Ostfilderns Alt-OB Herbert Rösch. Er gilt als der Macher des Siedlungsprojekts, das im weiten Umkreis, ja sogar im ganzen Land seinesgleichen sucht. Die Entspannung zwischen Ost und West hatte zum Abzug der US-Streitkräfte aus den „Nellingen Barracks“ geführt. In einem symbolischen Akt wurde am 2. November 1992 die amerikanische Flagge eingeholt. Und mit einem Mal stellte sich die Frage: Was tun mit der 150 Hektar großen Kasernenbrache inmitten des Stadtgebiets? In der Region herrschte damals große Wohnungsnot. Zusammen mit der Rathausspitze fasste Ostfilderns Gemeinderat den mutigen Beschluss, ein Vorhaben zu starten, das in seiner Dimension eigentlich weit über das Potenzial einer 30 000-Einwohner-Kommune hinausreicht: die riesige Fläche neu bebauen und damit eine moderne Mitte der Stadt schaffen. Eine Mammutaufgabe, die außer Mut viel Verhandlungsgeschick erforderte. Gleich nach dem Abzug der US-Streitkräfte wurde ein europaweiter städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Das Stuttgarter Büro Janson und Wolfrum lieferte mit seinem Siegerentwurf das überzeugendste Konzept, wie sich aus einer Kaserne eine moderne zivile Siedlung bauen lässt. Dafür mussten die allermeisten der 140 Gebäude abgerissen werden. Stehen blieben beispielsweise 18 von 20 Offiziersblocks, die nach einer Sanierung als erstes bezogen wurden.

Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Erst mussten die Eigentumsverhältnisse neu geregelt werden. Die Hälfte der 150 Hektar großen Fläche gehörte dem Bund, für die andere Hälfte hatte das Haus Württemberg dem Bund im Jahr 1950 ein Erbbaurecht eingeräumt. Rösch, der zunächst Erster Bürgermeister war und 1997 die Stelle des erkrankten OB Gerhard Koch übernahm, schaffte es, den Anteil der Bundesrepublik zum Preis von gerade mal 40 Millionen D-Mark zu erwerben. Das war nur möglich, weil ein Großteil der Fläche als minderwertige Schafweide eingestuft wurde. Dem ging ein schier endloses Ringen in sage und schreibe 36 Verhandlungsrunden voraus. „Drei Jahre habe ich dafür gekämpft“, erinnert sich Rösch. Noch schwieriger als mit dem Bund war das Verhandeln mit der Hofkammer des Hauses Württemberg. Letztlich einigte man sich auf einen städtebaulichen Vertrag mit diesen Bedingungen: 65 Prozent der bebaubaren Fläche (insgesamt 70 Hektar) darf die Stadt vermarkten, die restlichen 35 Prozent die Hofkammer.

Der Wohnungsbau war die eine Seite des Projekts. „Von Anfang an war klar: Wir brauchen dafür auch einen Anschluss an das Stadtbahnnetz“, erzählt Rösch. Das sei eine Errungenschaft, von der heute in hohem Maße die gesamte Stadt profitiere, so der 73-Jährige.

Landesgartenschau als Wendepunkt

Der Start war nicht leicht. „Großsiedlungen waren Anfang der 90er-Jahre out“, erzählt Rösch. Umso wichtiger sei es gewesen, von Anfang an Wert auf hohe Qualität zu legen. „Wir mussten im Gegensatz zu anderen Städten mit dem Konversionsprojekt unser Herz entwickeln und nicht die Peripherie. Das muss eine Handschrift haben. Mit Wischiwaschi kommt man da nicht zum Erfolg.“ Als die Bauunternehmen am Anfang nur zögerlich einstiegen, wurden erste kritische Stimmen laut. Doch die Landesgartenschau 2002 brachte den Wendepunkt. „Das war die beste Verkaufsmesse für den Scharnhauser Park“, sagt Rösch heute. Als positiv habe sich erwiesen, dass ein Großteil der Infrastruktur und alle Grünanlagen samt der großzügigen Landschaftstreppe bereits fertig waren, bevor die meisten Neubürger ihre Häuser oder Wohnungen bezogen.

Die Landesgartenschau hatte ihren Preis. Am Ende mussten sich die Stadtoberen für ein Defizit von 5,5 Millionen Euro rechtfertigen. Aber die Rechnung ging voll auf. Denn im Anschluss an die Gartenschau boomte das Geschäft: Der Scharnhauser Park wuchs und wuchs und bescherte der Stadt damit die nötigen Einnahmen.

Heute sind nur noch ein paar Flächen unbebaut. Auf dem früheren Blumenhallen-Areal entstehen noch 100 Wohneinheiten, die die Baugenossenschaft Filder zusammen mit der Newo errichtet. Ein Objekt mit ähnlicher Größe ist nördlich der Nelly-Sachs-Straße auf einem Grundstück der Hofkammer geplant. „Wir werden wie vorgesehen bei rund 9000 Einwohnern landen“, prognostiziert Erster Bürgermeister Rainer Lechner. Auch finanziell habe sich der Scharnhauser Park gelohnt. Auch wenn man gut vier Millionen Euro Fördermittel zurückbezahlen musste, sei das Siedlungsprojekt, in das um die zwei Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Geldern geflossen sind, alles andere als ein Draufzahlgeschäft, betont Lechner.

Weitere Fotos zur Entstehung des Scharnhauser Parks sind zu finden unter http://www.esslinger-zeitung.de/schapa

Wie ist der Scharnhauser Park entstanden? Mit einer Bilderrevue wird Ostfilderns Stadtarchivar Jochen Bender am Dienstag, 16. Mai, ab 19 Uhr im Restaurant „Alte Wache“ darüber berichten. An diesem von den Freien Wählern organisierten Abend wird Bender auch Alt-OB Herbert Rösch zu der wohl spannendsten Zeit der Stadtgeschichte interviewen.

Zeittafel zur geschichte des Scharnhauser Parks

1784: Fertigstellung des Scharnhauser Schlösschens mit Wildgehege im heutigen Scharnhauser Park

1810: Gründung eines kleinen Gestüts beim Scharnhauser Schlösschens durch Kronprinz Friedrich Wilhelm

1817: Errichtung des Königlichen Privatgestüts (Scharnh., Weil, Kleinhohenheim) durch König Wilhelm I.

1928: Aufgabe des Gestütsteils im Scharnhauser Park

1932: Aufgabe des Gestütsteils Weil/Scharnhausen

1933: Beginn des Grunderwerbs für einen Landesverkehrsflughafen Nellingen

1936: Scheitern des Projekts Landesverkehrsflughafen Nellingen

1937: Baubeginn Fliegerhorst Nellingen und Forschungsanstalt Graf Zeppelin

1947: Beschlagnahme des Flugplatzgeländes durch die Amerikaner

1951: Baubeginn der US-Kaserne „Nellingen Barracks“

1992: Abzug der US-Stationierungsstreitkräfte

1992: Städtebaulicher Architektenwettbewerb für den Stadtteil Scharnhauser Park

1993: Athletendorf für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft Stuttgart

1994: Ziviler Bezug der Bestandswohnungen und Entfernen des nördlichen Kasernenzauns

1997: Beginn der Neubautätigkeit im Scharnhauser Park

2000: Einweihung der Stadtbahn

2002: Landesgartenschau im Scharnhauser Park

2003: Erstes Feuerwerksfestival „Flammende Sterne“

2004: Einweihung des Biomasse-Heizkraftwerks

2006: Deutscher Städtebaupreis für den Scharnhauser Park und die Konzeption des Büros Janson + Wolfrum, Stuttgart

2007: Eröffnung des Jugendtreffs „L-Quadrat“

2008: Einweihung des Marktplatzes mit Wohn- und Geschäftsgebäude

2012: Einweihung des Nachbarschaftshauses für Demenzkranke

2017: Fertigstellung Wohn- und Geschäftshaus „Markthalle“ am Kreisverkehr

2017: Aufhebung der Entwicklungssatzung Scharnhauser Park und formeller Abschluss des Siedlungsprojekts

Quelle: Jochen Bender: Geschichte des Scharnhauser Parks 1783 - 2004, Band 1 der Schriftenreihe des Stadtarchivs Ostfildern

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