Susanne Winter erhält von ihrem Mann eine Niere. Diese wird von einem Operationssaal in den zweiten gebracht. Foto: Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

Die Bereitschaft zur Organspende im Südwesten bleibt gering. Die Landesregierung will daher die Widerspruchslösung im Bundesrat neu debattieren. Welche Bedeutung eine erfolgreiche Transplantation haben kann, zeigt die Geschichte eines Ehepaars aus der Region Stuttgart.

Sabine Winter hat eine Niere geschenkt bekommen. Aus Liebe. Im Schnitt warten Schwerkranke neun Jahre auf ein solches Spenderorgan. Bei Sabine Winter waren es zwei Jahre, dann fasste ihr Mann den Entschluss, sein Organ zu spenden. „Er konnte es nicht mehr mit ansehen, wie meine Erkrankung mich leiden ließ.“

Sabine Winter, deren richtiger Name nicht veröffentlicht wird, gehört zu den Menschen, die eine Nierenschwäche – medizinisch Niereninsuffizienz – entwickelt haben. Teils geschieht dies aufgrund Bluthochdruck, Diabetes und Arteriosklerose sowie krankhaftem Übergewicht. Andere sind von einer Autoimmunkrankheit betroffen. Letzteres ist bei Sabine Winter der Fall.

Vor zwei Jahren versagten die Nieren ihren Dienst

Im Alter von 17 Jahren begann sich die Filterfunktion der Organe zu verschlechtern. Knapp 38 Jahre konnte die Erkrankung mithilfe von Medikamenten in Schach gehalten werden, „dann war’s rum“, sagt die 57-Jährige. Die Nieren versagten den Dienst. Und Sabine Winters Name wurde auf die Warteliste für eine Organtransplantation gesetzt.

Nach Angaben der Stiftung Organtransplantation (DSO) konnten im vergangenen Jahr 2022 in Deutschland 3372 Transplantationen durchgeführt werden. Im Jahr zuvor waren es noch etwas mehr, nämlich 3508. Dem gegenüber stehen allein in Deutschland 8500 schwer kranke Patienten, davon 6683 Menschen wie Sabine Winter, die auf eine neue Niere warten.

Weniger Organe aufgrund der Entscheidungslösung

Transplantationsexperten kämpfen daher schon lange für die Einführung einer Widerspruchslösung: Dabei würden Menschen im Falle eines Hirntodes als Organspender gelten, wenn sie dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen haben. In anderen Ländern wie Österreich oder Spanien hat dies zu höheren Transplantationsraten geführt. In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung; demnach ist eine Organentnahme nur dann zulässig, wenn der Spender zu Lebzeiten zugestimmt hat.

Laut DSO kommt es bei einem beträchtlichen Teil der von den baden-württembergischen Entnahmekrankenhäusern gemeldeten potenziellen Organspendern nicht zur Spende. Das liege auch daran, dass oft keine Erklärung des Verstorbenen vorliege: Die Entscheidung liegt dann bei den Angehörigen, die im Zweifel eine Spende ablehnen.

Landesgesundheitsminister will Widerspruchslösung einführen

Schon im Juni verkündete Landesgesundheitsminister Manfred Lucha, er wolle die bundespolitische Debatte über die Einführung der Widerspruchslösung erneut anstoßen: Zusammen mit seinem Kollegen aus Nordrhein-Westfalen hat er einen entsprechenden Antrag im Bundesrat vorgebracht.

Nun wird darüber im Gesundheitsausschuss beraten. Eine Abstimmung wird in den nächsten Sitzungen erwartet.

Derweil gewinnt die Lebendspende in den Transplantationszentren immer mehr an Bedeutung: Das Gesetz erlaubt die Hergabe einer Niere oder ein Teil seiner Leber unter Verwandten und Menschen mit „besonderer persönlicher Verbundenheit“, erläutert Vedat Schwenger, der als Ärztlicher Direktor das interdisziplinäre Transplantationszentrum am Klinikum Stuttgart leitet.

In Stuttgart wurde die 2000. Niere transplantiert

Die Einrichtung gehört zu den größten in Baden-Württemberg. Jedes Jahr werden in Stuttgart rund 60 Nieren transplantiert, darunter rund 25 Lebendspenden. Die Niere der Winters war das 2000. Organ, das seit der Gründung im Jahr 1986 verpflanzt worden ist. „Mehr als ein Viertel davon stammen von Familienmitgliedern, Ehepartnern oder Freunden, die das Leben des Kranken lebenswerter machen wollen“, sagt Vedat Schwenger. Denn mit jedem Jahr an der Dialyse verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Erkrankten. „Es ist ein zeitaufwendiger Prozess, der die Betroffenen körperlich und psychisch schwer belastet“, gibt der Nephrologe zu bedenken.

Unendlich müde sei sie nach solchen Sitzungen, bestätigt Sabine Winter. Zugleich schwindet die Lebenslust, wenn der Körper auf eine Maschine angewiesen ist, damit er seinen Dienst verrichten kann. „Es hat sich alles nur noch um meine Krankheit gedreht.“

Infektionen sind bei Transplantationen die größte Gefahr

Allerdings ist auch die Lebendspende nicht frei von ethischen Bedenken: Denn ein Arzt setzt hier einen Gesunden einem überhöhten Risiko durch eine freiwillige Operation aus. In drei von 1000 Fällen erkrankt der Nierenspender zeitlebens selbst an einer Niereninsuffizienz. Infektionen nach der Transplantation stellen das größere Problem dar, sagt Schwenger. Gleichzeitig zeigen die Langzeitbeobachtungen, dass Lebendspendernieren oft ein Stück weit besser arbeiten: Ein Jahr nach der Transplantation erfüllen von 100 Nieren noch 98 ihren Dienst, nach fünf Jahren sind es noch immer 86. Zum Vergleich: Bei Totspenden sind nach einem Jahr 95 Nieren im Einsatz, nach fünf Jahren sind es 75. „Geht alles gut, kann die Spenderniere 15 Jahre und länger funktionieren“, sagt Schwenger.

„Einfach mal spontan einen Waldspaziergang unternehmen“

Beim Ehepaar Winter ist die Transplantation geglückt. Um eine Abstoßung des neun Organs zu vermeiden, wird Sabine Winter stets auf Medikamente angewiesen sein, die ihr Immunsystem unterdrücken. Aber das nimmt sie für einen halbwegs normales Leben gern in Kauf: „Endlich mit meinem Mann einen Waldspaziergang machen – darauf freue ich mich schon jetzt.“