Das Interview von Herzogin Meghan und Prinz Harry hat das britische Königshaus erschüttert. Foto: AFP/JOE PUGLIESE

Nach dem erschütternden Interview von Prinz Harry und Herzogin Meghan mit der Moderatorin Oprah Winfrey sucht Großbritannien nach Antworten. Der Palast liefert lediglich eine dünne Erklärung – doch was hatte man erwartet?

London - Das Statement ist nur vier Sätze lang. Queen Elizabeth II. nimmt die Vorwürfe „sehr ernst“, will sie aber im privaten Rahmen klären, Meghan, Harry und Archie werden immer „sehr geliebte Familienmitglieder“ bleiben. Wer erwartet hatte, der Buckingham Palace werde sich nach dem erschütternden Interview von Herzogin Meghan und Prinz Harry mit der TV-Moderatorin Oprah Winfrey ausführlich mit Vorwurf für Vorwurf auseinandersetzen, wurde am frühen Dienstagabend eines Besseren belehrt. „Die Firma“ will die Sache intern klären.

Viele Fragen bewegen die Briten: Wer verweigerte Meghan Hilfe, als sie – offenbar akut suizidgefährdet – bei Palastoffiziellen um Unterstützung bat? Welcher Windsor spekulierte vor Archies Geburt darüber, wie braun seine Haut sein werde? Bekam der Urenkel der Queen wirklich deshalb keinen Prinzentitel? Streuten Palastmitarbeiter gezielt Falschinformationen über die Sussexes in den britischen Medien?

Großbritannien ist auch zwei Tage nach der Ausstrahlung noch erschüttert – und polarisiert: Es gibt die, die mit Harry und Meghan fühlen, andere werfen dem Paar vor, die royale Familie durch den Schmutz zu ziehen. Und das ganze Land diskutiert: Wie rassistisch ist das Vereinigte Königreich?

Die wichtigsten Entwicklungen nach dem Oprah-Interview – und wie es jetzt weitergeht:

Das Statement aus dem Palast

Dass es innerhalb der Mauern des Buckingham Palace derzeit alles andere als entspannt zugehen dürfte, kann sich vermutlich jeder vorstellen. Wie soll das Königshaus reagieren auf die Enthüllungen und Vorwürfe, die Prinz Harry und Herzogin Meghan bei Oprah Winfrey erhoben haben? Prinz Charles, Prinz William und die Queen sollen sich zu einem Krisengipfel getroffen haben. Britische Zeitungen berichten, dass ein Statement bereits am Montagabend fertig war, von der Monarchin höchstpersönlich allerdings zurückgehalten wurde.

Besonders ausführlich ist die Mitteilung mit ihren vier Sätzen aber nicht ausgefallen. „Die ganze Familie ist traurig darüber, wie schwierig die vergangenen Jahre für Harry und Meghan gewesen sind“, heißt es darin.

Die Vorwürfe, besonders die über Rassismus, seien besorgniserregend. Man werde sie untersuchen – allerdings intern, als Familie. Einen Einwurf gibt es in einem Halbsatz: Die Erinnerungen an die Vorfälle könnten unterschiedlich sein. Es dürfte ein Zugeständnis sein an die Familienmitglieder, die Meghan und Harry in dem Gespräch mit Oprah konkret genannt haben: Herzogin Kate zum Beispiel. Meghan hatte gesagt, ihre Schwägerin habe sie im Vorfeld der Sussex-Hochzeit 2018 zum Weinen gebracht – und nicht andersherum.

Das Statement schließt mit einem Satz, der in allen offiziellen Mitteilungen rund um den „Megxit“ so oder so ähnlich zu finden war: „Harry, Meghan und Archie werden immer sehr geliebte Familienmitglieder sein.“

Die Suche nach dem „Rassisten im Königshaus“

Es war vielleicht die größte Bombe, die Meghan und Harry in ihrem Interview gezündet haben: Ein Mitglied der Königsfamilie soll vor Archies Geburt darüber spekuliert haben, „wie dunkel seine Haut sein könnte, wenn er geboren wird“. Herzogin Meghan ist die Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines weißen Vaters. Doch wer hat die Aussagen getätigt? Die „Daily Mail“ berichtet, dass die Queen höchstpersönlich ihre Familienmitglieder befragen will.

Man kann sich sicher sein, dass die britische Boulevardpresse zur Jagd auf den „Rassisten im Königshaus“ blasen wird. Durch Oprah Winfrey hat Harry bereits ausrichten lassen, dass es sich weder um seine Großmutter, die Queen, noch um seinen Großvater Prinz Philip gehandelt habe. In manchen Medien wird bereits die Frage gestellt, ob „ein zukünftiger König“ diese haarsträubenden Kommentare gemacht habe – also Prinz Charles oder Prinz William. Doch die Familie Windsor ist groß. Kritiker werfen Harry und Meghan vor, sie hätten entweder auch den Namen des Betreffenden nennen sollen – oder ganz schweigen.

Warum bekam Herzogin Meghan keine Hilfe?

Vor allem die junge Generation der Windsors engagiert sich seit Jahren im Bereich psychischer Gesundheit. Gemeinsam mit Prinz Harry riefen Prinz William und Herzogin Kate die Kampagne „Heads Together“ ins Leben, die sich gegen die Stigmatisierung von seelischen Erkrankungen engagiert. Wenn Herzogin Meghan – offenbar verzweifelt und akut suizidgefährdet – wirklich keine Hilfe bekam, als sie danach fragte, wäre das für den Palast und die Königsfamilie beschämend.

Wendete sich Meghan einfach nur an die falsche Stelle, als sie in der Personalabteilung um Unterstützung bat? War man im Palast wirklich um den Eindruck besorgt, den eine Herzogin in psychotherapeutischer Behandlung erwecken würde? Eine Antwort darauf steht noch aus.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit

Elf Millionen Briten sahen die Ausstrahlung des Interviews im britischen Fernsehen am Montagabend. Die Erschütterung ist dem Land anzumerken. Schon gibt es Forderungen, Harry und Meghan sollten ihre Titel „Prinz“ und „Herzogin“ freiwillig ablegen. Das Mitgefühl der Briten hat vor allem die 94-jährige Queen, die sich derzeit große Sorgen um die Gesundheit ihres Gatten machen muss. Der 99-jährige Prinz Philip erholt sich derzeit im Krankenhaus von einer Operation am Herzen.

Die Stimmung in Großbritannien ist durch das Interview polarisiert. Prompt spaltete sich das Land in zwei Lager: Bist du für die Sussexes – oder für die Queen, Prinz Charles und Prinz William? Einer Umfrage des YouGov-Instituts zufolge ist diese Frage auch ein Generationenkonflikt: 36 Prozent aller Briten stehen auf der Seite des Königshauses, 22 Prozent – vor allem jüngere Briten – unterstützen Meghan und Harry.

Gespalten ist auch die Medienlandschaft: „Was haben sie getan?“, titelte beispielsweise die konservative „Daily Mail“ zu einem Bild Meghans und Harrys. Der linksliberale „Guardian“ bezeichnete indes die Rassismusvorwürfe als „vernichtend“. Und der „Daily Express“ sprach mit seinem Titel vermutlich vielen aus dem Herzen: „So traurig, dass es so weit gekommen ist.“

Der Streit wird teilweise erbittert geführt: Der Frühstücksfernsehen-Moderator Piers Morgan von „Good Morning Britain“ nahm inzwischen seinen Hut, nachdem er am Montag in seiner Live-Sendung Zweifel an dem Bericht Meghans über ihre Suizid-Gedanken während ihrer Zeit am Palast geäußert hatte. Mehr als 40.000 Zuschauer hatten sich danach beschwert. Am Dienstag marschierte Morgan während der Sendung aus dem Studio und warf dann seinen Job hin.

Die politische Dimension

Das Oprah-Interview bringt tiefere Konflikte zutage. Im Vereinigten Königreich ist eine Debatte entbrannt: Wie rassistisch ist die britische Gesellschaft? Und wie belastet das koloniale Erbe das moderne britische Königshaus? Harry hatte ausdrücklich kritisiert, dass keines seiner Familienmitglieder sich gegen „koloniale Untertöne“ in der britischen Boulevardpresse gewandt habe.

Vor allem dieser Vorwurf dürfte die Queen getroffen haben. Der Commonwealth ist ihr Baby. Sie steht an der Spitze des losen Staatenverbunds, dem 54 Länder angehören – davon viele auf dem afrikanischen Kontinent. Die meisten davon waren früher Teil des britischen Empires. Ausgerechnet am Montag hatte der Palast den „Commonwealth Day“ mit einer aufgezeichneten Ansprache der Queen noch feierlich begangen. Von Wertschätzung war die Rede. Die Vorwürfe von Meghan und Harry dürften in einigen Ländern nun Zweifel daran geweckt haben, ob die Royals das tatsächlich ernst meinen.

Zahlreiche britische Parlamentsmitglieder fordern inzwischen eine Untersuchung der Vorwürfe, die das Paar erhoben hat. Gegner der Monarchie wittern indes Morgenluft – nicht nur in Großbritannien: Der ehemalige australische Premierminister Malcom Turnbull sah sich durch das Interview in seiner Forderung nach einem Ende der Monarchie in seinem Land bestärkt.

Die Windsors schweigen und erfüllen ihre Pflicht

„Never complain, never explain“ – das soll das Mantra der Windsors sein. Getreu diesem Motto nahmen Prinz Charles und seine Frau Camilla am Dienstag einen Termin bei einem Londoner Corona-Impfzentrum wahr. Als die anwesenden Reporter Fragen zu dem Oprah-Interview stellten, lächelte der Thronfolger nur höflich und schwieg.

Dabei kommt besonders Charles nicht gut weg in der Darstellung seines Sohnes: Rund um ihre Rücktrittsankündigung habe sein Vater irgendwann aufgehört, seine Anrufe entgegenzunehmen, sagte Harry. Charles und William seien „gefangen“ im System Krone und hätten dafür sein tiefstes Mitgefühl.

In eine beinahe unmögliche Situation haben Harry und Meghan auch die Cambridges gebracht: Als Anwärter auf den britischen Thron ist es für sie undenkbar, sich wie die Sussexes vor eine Kamera zu setzen und ihre Sicht der Dinge kundzutun. Wer also wen beim Streit um die Blumenmädchen-Kleider zum Weinen gebracht hat – vermutlich bleibt die ganze Wahrheit im Dunkeln.

Die Markles geben Interviews

Während die Windsors schweigen, ist eine andere Familie weit gesprächiger: die Markles. Sowohl Meghans Vater Thomas Markle als auch ihre Halbschwester Samantha gaben im Anschluss an das Oprah-Gespräch Interviews.

Die Passage über die Entfremdung zu ihrem Vater und ihren Halbgeschwistern hatte es nicht in die eigentliche Sendung geschafft, der Sender CBS veröffentlichte sie aber später im Internet. Darin spricht Herzogin Meghan darüber, wie enttäuscht sie von ihrem Vater sei. Meghans und Thomas Markles Beziehung gilt als zerrüttet und mündete sogar in einen Rechtsstreit, in dem es um private Briefe ging, die gegen ihren Willen veröffentlicht wurden.

Thomas Markle revanchierte sich mit einem Auftritt bei dem britischen Sender ITV – und einer Ankündigung, die die Sussexes nicht eben zuversichtlich stimmen dürfte: Er werde so lange Interviews geben, bis er persönlich von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn höre. Es klang wie eine Drohung.

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