Protest gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE in Mailand: Olympische Spiele sind nie unpolitisch. Foto: IMAGO/Avalon.red

Olympische Spiele bieten immer eine politische Plattform, wie die Differenzen von US-Stars mit ihrem Präsidenten zeigen – und die nächsten Sommerspiele finden in den USA statt.

Falls noch irgendjemand gedacht haben sollte, Olympische Spiele seien eine unpolitische Veranstaltung, der wurde am Donnerstag eines Besseren belehrt. Da weinte Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), aus angeblichem Mitgefühl mit Wladislaw Heraskewytsch vor laufenden Kameras. Dabei sollte sie doch eigentlich erklären, warum der ukrainische Skeletoni, der einen Helm tragen wollte, auf den er die Fotos von 20 Opfern des russischen Angriffskrieges geklebt hatte, durch ihre Organisation vom Rennen im Eiskanal ausgeschlossen worden war. Dass diese Disqualifikation ein Kniefall vor dem Kreml war, wie viele Kommentatoren meinten, ist möglich. Und eines ganz sicher: Das Ringen um politische Positionen wird eine wichtige olympische Disziplin bleiben. Nächste Woche im Norden Italiens. Und weit darüber hinaus.

Denn irgendwann, das ist unvermeidbar, werden sich Kirsty Coventry und ihr IOC mit Donald Trump beschäftigen müssen. Bisher, ließ die Nachfolgerin von Thomas Bach verlauten, gebe es „keine formale Kommunikation“ mit dem Weißen Haus. Dabei finden die Sommerspiele 2028 in Los Angeles statt, ein halbes Jahr vor dem Ende der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten. Es braucht nicht viel Fantasie, um vorherzusagen, dass Donald Trump die olympische Bühne in Kalifornien exzessiv für seine Politik nutzen wird. Er tut es ja jetzt schon.

Alles begann damit, dass Gus Kenworthy, nachdem er ziemlich viel Flüssigkeit zu sich genommen hatte, einen großen Druck auf der Blase verspürte. Der britisch-amerikanische Ski-Freestyler, der früher für die USA startete und 2014 in Sotschi Olympia-Silber gewann, pinkelte sieben Buchstaben in den Schnee und postete sein „fuck ice“-Bild in den sozialen Medien. „Unschuldige Menschen wurden ermordet, und es reicht jetzt“, schrieb Kenworthy dazu, „wir können nicht länger zusehen, wie ICE weiterhin mit ungehinderter Macht in unseren Gemeinden agiert.“ Damit war die Duftmarke gesetzt – und der Protest nicht mehr aufzuhalten.

Bild von Donald Trump an einer Hauswand in Mailand Foto: Imago/Independent Photo Agency Int.

Denn natürlich machen auch die Medien in Eis und Schnee ihren Job. Also wurden Athletinnen und Athleten aus dem US-Olympia-Team bei jeder Gelegenheit gefragt, was sie denn über die Politik von Donald Trump, die Spaltung der Gesellschaft in ihrer Heimat und das harte Vorgehen gegen Migranten denken. Als Erster antwortete Chris Lillis. „Oft zögern Sportler, politische Ansichten zu äußern. Aber ich habe wegen dem, was in den Vereinigten Staaten passiert, ein gebrochenes Herz“, sagte er bei einer Pressekonferenz, „wir sollten uns als Land darauf konzentrieren, die Rechte aller zu respektieren.“

Donald Trump bezeichnet Hunter Hess als „real loser“

Damit sprach er Hunter Hess, ebenfalls ein Ski-Freestyler, aus der Seele. Für die USA zu starten, erklärte er, rufe bei ihm „gemischte Gefühle“ hervor: „Nur weil ich die Flagge trage, heißt das nicht, dass ich alles repräsentiere, was gerade in den USA passiert.“ Bemerkenswert war indes nicht nur die Haltung der Athleten, sondern auch die Reaktion von Donald Trump. Er bezeichnete Hess auf seiner Plattform Truth Social als „real loser“. Als echten Verlierer. Das stimmt schon deshalb nicht, weil Hess zu den besten Halfpipe-Artisten der Welt gehört, gravierende Folgen hatte der Post des Präsidenten aber trotzdem. Hess erhielt Hass-Botschaften, zugleich jedoch große Rückendeckung. Auch von US-Stars, die selbst Trump nicht als Loser bezeichnen würde.

Abfahrts-Ikone Lindsey Vonn („Wir wollen bei den Olympischen Spielen zeigen, was Amerika ausmacht, wer wir als Menschen sind. Denn wir sind mehr als das, was gerade passiert“) äußerte sich ebenso wie Langlauf-Olympiasiegerin Jessica Diggins („Ich trete für das amerikanische Volk an, das für Liebe, Akzeptanz, Mitgefühl, Ehrlichkeit und Respekt gegenüber anderen steht. Ich stehe nicht für Hass, Gewalt oder Diskriminierung“), Ski-Superstar Mikaela Shiffrin („Ich hoffe, bei den Spielen meine eigenen Werte vertreten zu können. Werte wie Inklusion, Vielfalt, Freundlichkeit, Teilen, Beharrlichkeit und Fleiß“) oder Snowboard-Legende Chloe Kim („Wir dürfen unsere Meinung sagen“). Starke Botschaften von starken Frauen. Und sicher nicht die letzten politischen Äußerungen bei diesen Winterspielen.

Denn Hunter Hess, der sich noch einmal gemeldet hat („Ich liebe mein Land! Wenn viele von uns gespalten sind, brauchen wir Olympia, das Leute zusammenbringt, mehr denn je“) geht erst am nächsten Donnerstag auf die Jagd nach Medaillen. Spätestens dann wird seine Haltung – nicht nur in der Halfpipe – wieder Thema sein. Falls es überhaupt so lange dauert. Donald Trump hat seinen nächsten Post sicher schon in Arbeit. Weil Olympische Spiele immer auch eine politische Plattform sind.