Der Olympiasieger von 2018 erlebt bislang eine enttäuschende Saison, befindet sich aber im Aufwind – und könnte nun bei den Spielen im Norden Italiens Historisches schaffen.
Die bitteren Tränen, die Nika Prevc im Auslauf der Normalschanze von Predazzo vergoss, waren vielsagend. Denn am Samstagabend ist ja nicht nur der Traum der 20-jährigen Doppel-Weltmeisterin geplatzt, gleich zum Auftakt Olympia-Gold zu holen. Zudem zeigten die Enttäuschung der haushohen Favoritin und der Sieg der Norwegerin Anna Odine Ström, dass die Familie Prevc im Val di Fiemme nicht unschlagbar ist. Dies nahm auch Andreas Wellinger interessiert zur Kenntnis.
Der Skispringer hat sich den Wettbewerb in der abendlichen Kälte angeschaut und seinen Kolleginnen die Daumen gedrückt, allerdings vergeblich. Die deutschen Frauen blieben hinter den eigenen Erwartungen zurück, Selina Freitag, die in diesem Winter sechsmal auf dem Podest gestanden hatte, war als Siebte noch die Beste. Weshalb die Männer nun umso mehr gefordert sind.
Wie schlägt sich das deutsche Team?
Los geht es an diesem Montag (19 Uhr) ebenfalls auf der Normalschanze, nach den Eindrücken im Training ist vor allem mit Philipp Raimund und Felix Hoffmann zu rechnen. Doch niemand sollte den Fehler machen, Andreas Wellinger abzuschreiben. Denn wenn ein Skispringer wie gemacht ist für Großereignisse, dann er. Auch wenn die Voraussetzungen, so ehrlich muss man sein, schon mal besser waren.
Andreas Wellinger (30) hat harte Monate hinter sich. Das Ticket zu den Olympischen Spielen löste er nur, weil er bei der nach einem Durchgang abgebrochenen Windlotterie im November im finnischen Ruka eher zufällig Rang sieben belegt hatte. Anschließend erlebte er im Weltcup einen Absturz. Manchmal musste er um die Qualifikation bangen, regelmäßig verpasste er den zweiten Durchgang, Top-Platzierungen gab es nicht mehr. Dafür Pausen, um vermehrt trainieren zu können. Andreas Wellinger wurde Mitte Januar zwar aus dem Kader für die Skiflug-WM in Oberstdorf gestrichen, beim letzten Weltcupspringen vor den Winterspielen in Willingen aber feierte er eine Art sportliche Wiedergeburt. „Ich war ganz tief im Loch, jetzt schaut mein Kopf wieder raus“, sagte Wellinger nach den Plätzen sechs und acht, „ich habe gemerkt, wie der Körper in der Luft wieder leicht wird. Das war ein sehr schönes Gefühl.“ Das Hoffnung macht. Und Erinnerungen weckt.
Wellinger: WM-Silber mit ähnlicher Ausgangslage
Vor einem Jahr befand sich Andreas Wellinger in einer ähnlichen Lage. Der Winter war bis dahin eher bescheiden gelaufen, dennoch gewann er bei der WM in Trondheim Silber von der Normalschanze. „Er hat die Fähigkeit, sich für große Wettkämpfe besonders motivieren zu können“, meinte Bundestrainer Stefan Horngacher vor der Abreise nach Predazzo, „er ist auch diesmal wieder auf dem besten Weg. Ob er den Gipfel erreichen kann, muss man sehen.“ Er weiß zumindest, wie es sich anfühlen würde.
2014 in Sotschi war Andreas Wellinger 18 Jahre alt und holte an der Seite von Severin Freund, Andreas Wank und Marinus Kraus Gold im Team-Wettbewerb. Vier Jahre später erlebte er in Pyeongchang die beste Zeit seiner Karriere. Er wurde Olympiasieger von der Normalschanze, holte zudem Silber auf der Großschanze und mit der Mannschaft. Peking 2022 verpasste er zwar wegen einer Coronainfektion, dennoch sagte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel mit Blick auf die Spiele in Italien: „Andreas Wellinger kann Olympia!“ Dafür spricht auch die Taktik des Skispringers.
Andreas Wellinger weiß, dass es eine große Überraschung wäre, wenn er ausgerechnet in Predazzo erstmals in dieser Saison den Sprung aufs Podest schaffen würde. Aber auch, dass Olympische Spiele da sind, um seine Chance zu nutzen, sei sie auch noch so klein. „Es ist mir in den letzten Jahren immer sehr gut gelungen, bei Großereignissen voll da zu sein“, sagte er, „und ich werde auch diesmal wieder alles auf eine Karte setzen. Denn wenn wir ehrlich sind, ist hier alles ab dem vierten Platz irrelevant.“
Andreas Wellinger könnte sogar Historisches schaffen: Goldmedaillen bei drei verschiedenen Winterspielen hat noch kein Skispringer geholt. Dafür müsste er allerdings nicht nur die starken Österreicher, Norweger und Japaner hinter sich lassen, sondern auch den Dominator, der zuletzt die Vierschanzentournee und die Skiflug-WM gewann: Domen Prevc ist in allen Olympia-Entscheidungen der haushohe Favorit. Allerdings hat auch er mitbekommen, was seiner Schwester widerfahren ist. Und wie lange es gedauert hat, bis ihre Tränen der Enttäuschung getrocknet waren.