Am Sonntag richten sich in Cortina d’Ampezzo alle Blicke auf Lindsey Vonn. Abseits des Trubels könnten gleich zwei deutsche Abfahrerinnen eine Medaille gewinnen.
Eigentlich ist ja alles ganz einfach in so einer Vorbereitung auf eine Olympia-Abfahrt. Könnte man zumindest meinen, wenn man hört, was Emma Aicher nach dem letzten Training und vor dem großen Rennen noch so vorhat. „Kondi, Physio, Schlafen – und morgen Vollgas“, sagte die deutsche Skirennläuferin am Samstagmittag in Cortina d’Ampezzo. Und schilderte damit so ziemlich das Gleiche wie ihre Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann.
Die beiden sind im Rennen am Sonntag (11.30 Uhr) auf der Tofane hoch über Cortina aus deutscher Sicht die Hauptdarstellerinnen. International gesehen gibt es vor allem eine, auf die alle Blicke gerichtet sein werden.
Lindsey Vonn hat am Samstag auch das zweite Training bestritten – womit es nun keine Zweifel mehr gibt: Trotz eines Kreuzbandrisses im linken und einer Teilprothese im rechten Knie wird die 41-jährige Amerikanerin um eine Medaille fahren. Für das Duo des Deutschen Skiverbandes (DSV) gilt ebenso dieses Ziel.
Zwar gelten Emma Aicher und Kira Weidle-Winkelmann nicht als Topfavoritinnen auf die ersten drei Plätze. Allein der Saisonverlauf hat aber gezeigt, dass es alles andere als eine Überraschung wäre, wenn mindestens eine der beiden schon im ersten Alpin-Rennen der Frauen dieser Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo dort landen würde.
Aicher, erst 22 Jahre alt, hat schon in der vergangenen Saison den Sprung in die Weltspitze geschafft. Etabliert hat sie sich dort in diesem Winter. Je ein Sieg in Abfahrt und Super-G, Podestplätze im Slalom – die junge Sportlerin hat gleich mehrere Medaillenchancen, unter anderem in der Team-Kombination am Dienstag. Und: Trotz der guten Vorleistungen hat sie nicht allzu viel Druck.
Zum einen hat sie schon vor vier Jahren eine Olympia-Medaille gewonnen – Silber im Teamwettbewerb, der diesmal nicht im Programm ist. Und: Sie hat weitere Olympia-Chancen in den nächsten Jahren.
Für Kira Weidle-Winkelmann werden die folgenden Möglichkeiten nicht mehr endlos sein. Aber. Nach einer durchwachsenen Saison, in der sie viel haderte, hat sie ihre Herangehensweise verändert, begann den Winter entspannter – und ist wieder auf Erfolgskurs. Zwei Podestplatzierungen im Weltcup sind da der beste Beleg. Dazu kommt: Cortina d’Ampezzo verbindet sie mit guten Erinnerungen. Bei der WM 2021 wurde die 29-Jährige hier Vizeweltmeisterin.
In den folgenden Jahren war die gebürtige Stuttgarterin, die am Starnberger See aufgewachsen ist, quasi Alleinunterhalterin im deutschen Speedbereich der Damen. Das Emporkommen Aichers – sie ist in Schweden aufgewachsen und erst später zum DSV gewechselt – fiel dann zusammen mit der Formkrise der Erfahrenen. In dieser Saison aber fahren die beiden in den schnellen Disziplinen auf Augenhöhe, können sich so gegenseitig Referenz sein und nach vorne treiben. Womöglich bilden sie in der Team-Kombination sogar ein Duo (zudem sind die Slalomfahrerinnen Lena Dürr und Jessica Hilzinger nominiert).
Das ist jedoch Zukunftsmusik. An diesem Sonntag zählt erst einmal die Abfahrt. „Ich weiß, was ich zu tun habe“, sagte Kira Weidle-Winkelmann. Nach „Kondi, Physio und Schlafen“.