Seit gerade mal drei Jahren tanzen Minerva Hase und Nikita Volodin zusammen. Doch sie gehören schon zu den Top-Kandidaten auf Olympisches Gold.
Es war sozusagen ein Kurztrip. Ein Kurztrip aufs olympische Eis. Ein Kurztrip ins olympische Getümmel in Mailand. Und ein Kurztrip zu dem Ort, an dem Minerva Hase und Nikita Volodin am Montag eine Erfolgsgeschichte aufs Eis bringen wollen. Rund neun Tage vor ihrem Start bei den Spielen in Mailand war das deutsche Eiskunstlauf-Duo schon mal in der italienischen Metropole, um vorzufühlen und zu testen. „Wir wollten uns ein bisschen mit der Umgebung vertraut machen, dass man diese erste Aufregung schon mal weg hat“, sagte Minerva Hase vor wenigen Tagen nach ihrer ersten Trainingseinheit in der mailändischen Eishalle.
Das Niveau ist vorhanden
Wenn es am Sonntag und Montag um Gold, Silber und Bronze geht, möchten Hase und Volodin ein Wörtchen mitreden im Kampf um die Medaillen. Dass sie das Niveau haben, haben sie schon mehrfach bewiesen. Und das, obwohl sie erst seit etwas mehr als drei Jahren zusammen trainieren. Innerhalb kürzester Zeit haben sie es ins Rampenlicht der Eiskunstlauf-Welt geschafft: WM-Dritte 2024, WM-Zweite 2025, Europameister 2025 und zwei Mal in Folge Sieger im Grand-Prix-Finale. „Als wir angefangen haben, hätten wir nicht gedacht, dass es so weit geht. Es ist sehr schön zu sehen, was wir erreicht haben. Das macht uns einfach sehr stolz“, sagte Hase.
Als das Duo Ende 2022 mit dem gemeinsamen Training gestartet war, war der Ausgang ihrer Partnerschaft noch ungewiss. „Wir hatten natürlich gehofft, dass es so gut funktioniert“, so Hase. Das Fernziel sei Olympia gewesen. „Es gab viele Stellschrauben, die zurecht gedreht werden mussten, damit wir hier stehen dürfen.“ In die Karten spiele ihnen dafür ihr Rhythmus-Gefühl: „Wir sind beide rhythmisch sehr schnelle Typen“, erklärte Hase, „was uns schnell geholfen hat, uns aufeinander einzustellen.“ Auch in Sachen Perfektion treiben sie sich voran.
Nach den Erfolgen der vergangenen Jahre wächst aber eines unweigerlich: Der Erwartungsdruck einer Medaille. Das merken auch Hase und Volodin. Um ihren olympischen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, schwitzen sie Tag für Tag. „Wir haben in den zehn Tagen so hart trainiert und sind so viele Programme gelaufen, wie in unserer Karriere bisher noch nicht“, sagte die 26-Jährige. Erst ein mehrtägiger Trainingsblock in Oberstdorf, dann – nach ihrem Kurztrip nach Mailand – fünf Tage Trainingslager in der Schweiz. „Es ging darum, mehr Sicherheit, mehr Schwung und mehr Kondition aufzubauen“, so Hase. Das alles sei nun da. Die Bewegungen sind sicher, die Körper fühlen sich gut an.
Ärgerliche Fehler
Sicherer und besser als noch vor ein paar Wochen bei den Europameisterschaften, als ihnen sowohl im Kurzprogramm als auch in der Kür Fehler unterliefen. Konzentrationsschwächen, sagte Hase später. Natürlich waren sie nicht zufrieden, zogen aber ihre Lehren daraus: „Wir haben in der Saison bisher immer unterschiedliche Fehler gemacht, was gut ist“, sagte Hase rückblickend.
Es sei nicht das eine Element, das nicht funktioniere, „es sind eher kleine Unkonzentriertheiten. Das gibt uns die Motivation, die letzten Prozentpunkte rauszuholen“, ergänzt Hase. Dass bei der EM am Ende trotzdem Silber herauskam zeigt einmal mehr, auf welchem Niveau die beiden unterwegs sind. Ein Niveau, das Hase und Volodin mindestens genau so auch bei den Olympischen Spielen zeigen möchten. Natürlich denken auch sie über die Medaille nach. Was ihnen aber wichtiger sei als Gold, Silber oder Bronze, sei eine zufriedenstellende Leistung auf dem Eis. „Es geht darum, sich auf das zu besinnen, was wir beeinflussen können – und das ist unser Training, unsere Leistung“, sagte Hase. Am Ende seien es die Preisrichter, die entscheiden, wer auf dem Podest steht, wessen Hymne gespielt wird. „Es wird darauf ankommen, wer an den zwei Tagen am nervenstabilsten sein wird.“
Wie es sich anfühlt, bei Olympischen Spielen nicht das abrufen zu können, was man kann, hat Hase schon einmal erlebt. Vor vier Jahren in Peking. Mit gerade mal 22 Jahren war sie mit ihrem damaligen Partner Nolan Seegert qualifiziert, doch kurz nach der Ankunft erkrankte Seegert an Corona. Mehrere Tage konnte das Paar nicht gemeinsam trainieren. Auch den Teamwettbewerb verpassten sie. Mit Trainingsrückstand und krankheitsbedingt weniger Energie reichte es für das Duo damals nur zu Platz 16.
Nun, vier Jahre später, kann Hase auf einige Erlebnisse von vor vier Jahren zurückgreifen: „Ich merke, dass ich manche Abläufe schon ein bisschen besser kenne.“ Ein Vorteil gegenüber Volodin, der an seinen ersten Spielen teilnimmt. Für beide gilt es, die „goldene Mitte“ zu finden aus Vorfreude, Fokus, An- und Entspannung. Auch dafür war der Kurztrip nach Mailand gut.