Fassungslos nach dem unerklärlichen Fehler – Lena Dürr fädelte im zweiten Durchgang des Slaloms in Cortina d’Ampezzo am ersten Tor ein. Foto: AFP

Lena Dürr war auf dem besten Weg zu einer olympischen Medaille. Aber schon wieder platzt der Traum. Ein Superstar demonstriert dagegen Stärke.

Angesichts dessen, was da gerade passiert war, wirkte Lena Dürr erstaunlich gefasst. Und: Sie wollte sich eine Sache auf keinen Fall entgehen lassen. Also unterbrach sie das Gespräch mit den Journalisten, legte ihren Rucksack zur Seite und lief zurück an eine Stelle, an der sie einen guten Blick hatte. Auf die Siegerehrung des olympischen Slalomrennens in Cortina. Also auf jene Zeremonie, deren Teil die 34-Jährige eigentlich hätte sein sollen.

„In vier Jahren werde ich nicht mehr dabei sein und das erleben können“, erklärte sie, als sie das Gespräch wieder aufnahm, „also wollte ich das sehen.“ Noch einmal ein bisschen Olympia aufsaugen, vor allem aber auch den Kolleginnen applaudieren, die da standen.

Mikaela Shiffrin, die nach einer olympischen Flaute acht Jahren nach Pyeongchang ihr drittes Gold gewann. Camille Rast, die junge Herausforderin aus der Schweiz, die Zweite wurde. Und Anna-Swenn Larsson aus Schweden, die etwas überraschend Bronze holte. Für Lena Dürr hatte der wettertechnische Traumtag in den Dolomiten dagegen „eine Katastrophe“ vorgesehen. Dabei hatte er so gut begonnen.

Wie schon im Riesenslalom am Sonntag bewies Dürr, dass sie sich aus ihrem Formtief beeindruckend herausgekämpft hat. Als sie nach ihrem ersten Lauf im Slalom im Ziel angekommen war, bedeuteten die Zahlen auf der Anzeigetafel die Bestzeit – und danach war nur noch eine schneller: Mikaela Shiffrin.

Beste Voraussetzungen also für den zweiten Durchgang. Eine tolle Basis für einen Medaillengewinn. Und die große Chance, den olympischen Lebenslauf zu korrigieren.

Mikaela Shiffrin holte zum dritten Mal eine olympische Goldmedaille. Foto: Michael Kappeler/dpa

Zwar liegt bei Lena Dürr zuhause bereits eine Silbermedaille, die sie 2022 im Teamevent mit der deutschen Mannschaft gewonnen hat. Aber es gibt auch bittere Erinnerungen. 2022 lag Dürr in Peking nach dem ersten Slalom-Lauf in Führung, am Ende fehlten sieben Hundertstelsekunden auf Bronze. In Cortina nun überraschte die Technik-Spezialistin im Riesenslalom mit Rang zwei nach dem ersten Durchgang. Im zweiten lag sie voll auf Kurs – ehe ein Patzer an der letzten Welle alle Hoffnungen zunichte machte. Sie wurde Neunte. Das alles schien schwer zu toppen. Aber das, was dann am Mittwoch auf der Tofana geschah, schaffte das dann doch irgendwie.

Lena Dürr also war im Slalom, wie gesagt, Zweite nach dem ersten Durchgang. Der Traum, diesmal eine Medaillenfahrt hinzulegen, endete aber so jäh, als wenn ein Wecker schon zwei Minuten nach dem Einschlafen in voller Lautstärke dröhnt. Dürr drückte sich aus dem Starthaus, peilte das erste Tor an – und fädelte ein.

Felix Neureuther kann es kaum glauben

Unten im Ziel stand der Ex-Slalomstar Felix Neureuther und konnte es kaum glauben. „Das“, sagte er, „tut mir richtig weh.“ Und als oben noch Mikaela Shiffrin vor ihrer Goldfahrt stand, war Lena Dürr schon im Ziel und schnell aus dem Sichtfeld der Zuschauer verschwunden. „Dämlich“, nannte sie ihren Fehler später und konnte sich kaum daran erinnern, dass ihr ein solcher Patzer schon einmal passiert war: „Vielleicht mal vor 15 Jahren in einem Fis-Rennen.“ Im Skirennsport ist das die dritte Liga.

Olympia dagegen ist die größte Bühne – und Lena Dürr verlässt sie mit gemischten Gefühlen. Zum einen schmerzen die verpassten Chancen sicher noch eine Weile. Zum anderen aber betonte sie erneut ihren Stolz und ihre Zufriedenheit – „weil ich wieder in der Lage war, da ganz vorne mitzumischen“. Auf den Punkt in einem Rennen, das nur alle vier Jahre stattfindet. Am Start sei sie auch vor dem zweiten Durchgang „total entspannt“ gewesen. Der Fehler gleich am ersten Tor war letztlich nicht erklärbar, „da bist du gedanklich erst mal blank“, sagte sie. Auch, wenn das Einfädeln zu diesem Sport gehört wie die Stangen in Blau und Rot: „Das ist Slalom.“

Den dominiert seit Jahren Shiffrin (71 Weltcupsiege, vier WM-Titel), die allerdings in der Teamkombination ihre Probleme gehabt hatte. Davon allerdings war am Mittwoch nichts zu sehen – mit 1,50 Sekunden Vorsprung holte sie sich ihre dritte olympische Goldmedaille in beeindruckender Manier und hakte die Nullnummer von Peking 2022 endgültig ab. Emma Aicher wurde Neunte. Abhaken – das will auch Lena Dürr das in Cortina Erlebte schnell. „Auch damit“, versicherte sie, „werde ich klarkommen.“