Timo Boll nimmt in der französischen Hauptstadt zum siebten Mal an Sommerspielen teil. Bei seinem letzten großen Turnier auf internationaler Bühne will er noch eine weitere Medaille gewinnen.
Gegen Ende der Karriere als Spitzensportler noch einmal eine ganz neue Erfahrung zu machen, kann belebend wirken, motivieren, einen besonderen Reiz setzen. Aber auch das Gefühl hervorrufen, dass dies nun wirklich nicht mehr hätte sein müssen. Wie bei Timo Boll.
Der Mann ist 43 Jahre alt und hat im Tischtennis alles erlebt. Oder besser: fast alles. Denn sein siebter Start bei Sommerspielen (das haben nur drei andere Deutsche geschafft) wird kürzer als je zuvor. Timo Boll verbrachte die erste Olympia-Tage zu Hause, verfolgte das Geschehen in Paris am Bildschirm. Erst am Donnerstag reiste er in die französische Hauptstadt – weil er diesmal lediglich am Teamwettbewerb teilnimmt. „Das fühlt sich schon ein bisschen seltsam an“, sagt der frühere Weltranglistenerste, „auch wenn ich froh bin, überhaupt dabei zu sein.“ Denn selbstverständlich war das nicht.
Olympia-Medaillen immer mit dem Team geholt
Timo Boll musste nach einer komplizierten Schulterverletzung um die Fortsetzung seiner Karriere bangen, in Paris das letzte große Turnier spielen zu können, hat ihn stets motiviert. Nun ist er selbst als Stimmungsaufheller gefragt. Ohne ihn lief es schließlich nicht wirklich gut.
Die Deutschen wollten in allen Olympia-Wettbewerben um Medaillen kämpfen, dazu kam es nicht mal ansatzweise – lediglich Dimitrij Ovtcharov erreichte das Achtelfinale, schied dort aber gegen den 17-jährigen Franzosen Felix Lebrun aus. Nun ruhen die Hoffnungen auf den beiden Mannschaften. Und ein bisschen auch auf Timo Boll, dessen Erfahrung und immer noch vorhandenen Klasse. „Er ist bekannt, beliebt und spielt nun über einen extrem langen Zeitraum auf Weltklasse-Niveau“, sagt Bundestrainer Jörg Roßkopf, „für mich ist er aktuell der größte deutsche Sportler.“
Das ist natürlich immer ein bisschen Ansichtssache. Fakt aber bleibt: Der Fahnenträger des deutschen Teams bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro ist das Gesicht seines Sports in Deutschland. Und womöglich ja immer noch stark genug, um seiner Mannschaft auch in Paris den Extrakick geben können – zumal niemand besser weiß als er, was es für Team-Erfolge braucht. Boll hat keine seiner vier Olympia-Medaillen im Einzel gewonnen, sondern alle zusammen mit anderen: 2008 und 2021 Silber, 2012 und 2016 Bronze. Nun geht es, beginnend mit dem Achtelfinale an diesem Montag (20 Uhr) gegen Kanada, um den fünften Podestplatz nacheinander. Und um einen möglichst würdevollen Abschied von der internationalen Bühne für Timo Boll.
Der Sport hat sich verändert – und der Körper auch
Dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um „au revoir“ zu sagen, daran zweifelt Boll nicht. Tischtennis hat sich verändert, ist noch schneller, noch hochklassiger, noch trainingsintensiver geworden. „Es ist ein anderer Sport als früher, er hat sich wahnsinnig weiterentwickelt“, erklärt der Routinier, der für seinen Verein Borussia Düsseldorf noch eine Saison bis zum Vertragsende 2025 in der Bundesliga spielen will, „es gibt mittlerweile sehr viele Spieler, die in den Ballwechseln extrem gut sind und ein hohes Risiko gehen. Manchmal weiß man an der Platte nicht mehr, woran man ist.“ Und spürt dann umso mehr den Körper, der weniger belastbar, beweglich und biegsam ist. „Vieles ist zum Kampf geworden“, sagt Timo Boll, „das Natürliche ist weg.“ Und jetzt kommt auch noch das Emotionale hinzu.
Beim Auftakt gegen Kanada dürften die Gedanken an den bevorstehenden letzten olympischen Ballwechsel noch keine große Rolle spielen. „Der Ehrgeiz wird die Wehmut beiseite schieben“, erklärt der Altmeister mit den hohen Ambitionen. Doch irgendwann wird die Gefahr des Ausscheidens größer werden. Die Deutschen sind hinter China an Nummer zwei gesetzt, nach den bisherigen Leistungen in Paris ist eine Medaille alles andere als sicher. Doch egal, wie es letztlich ausgeht, eines ist für Timo Boll jetzt schon klar: „Ich bin mit mir und meiner Entscheidung absolut im Reinen – aber nach dem letzten Punkt wird es schwer und schlimm.“ Und es wird eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Auch für einen, der im Tischtennis schon alles erlebt hat.