„Entscheidung mit Wehmut“: Frank Kaltenborn, Elvira Postic und Dekan Bernd Weißenborn äußerten sich zum Aus der FBS. Foto: Roberto Bulgrin

Rote Zahlen, weniger Teilnehmer, verschlechterte Rahmenbedingungen: Die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen wird geschlossen. Die Entscheidung sei mit Wehmut, Schmerz und Betroffenheit gefällt worden, sagen Kirchenvertreter.

Für viele Esslinger gehört sie zur Stadt wie der Neckar und die Weinberge. Nun müssen die Einwohner ohne sie auskommen: Die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) in der Berliner Straße stellt zum 31. Dezember ihren Betrieb ein. Die in diesem Jahr angebotenen Kurse sollen aber noch durchgeführt werden.

Lange Zeit hat sie ums Überleben gekämpft – nun ist der Kampf zu Ende. „Alles hat seine Zeit“, bemüht Dekan Bernd Weißenborn ein Bibelzitat. Der Beschluss zur Schließung der FBS sei mit Betroffenheit, Wehmut und Schmerz getroffen worden: „Aber es gab keine Alternative.“ Das Aus sei unumgänglich gewesen.

Das Kundenverhalten habe sich verändert und man befinde sich in einer Konkurrenzsituation, führt Elvira Postic, die Vorsitzende der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, Gründe an. Krabbelkurse, Mutter-Kind-Kurse oder Erste-Hilfe-Kurse würden nicht mehr so stark nachgefragt und auch von anderen Anbietern auf die Beine gestellt. Die Menschen wollten sich nicht mehr längerfristig etwa durch die Teilnahme an einem halbjährigen Kurs festlegen, ergänzt Kirchenpfleger Frank Kaltenborn, der bei der Kirche auch für Verwaltung und Finanzen zuständig ist. Viele Menschen wollten Leistungen nicht mehr im Voraus bezahlen. In „guten“ Jahren wie 2018 wurden im Jahr 2200 Kursteilnehmer gezählt, rechnet Bernd Weißenborn vor, 2022 seien es nur noch 1400 Personen gewesen.

Minus und rote Zahlen

Rote Zahlen sorgten ebenfalls dafür, dass die Verantwortlichen für die Zukunft der FBS schwarz sahen. Der unterstützende Zuschuss der Stadt Esslingen in Höhe von 54 000 Euro jährlich sei ab 2022 weggefallen, so Frank Kaltenborn. Als Ersatz wurden Bildungsgutscheine für sozial Benachteiligte eingeführt. Die Kirche hätte sich Einnahmen in Höhe von 25 000 Euro aus diesen Gutscheinen erhofft – in Wirklichkeit seien es aber nur 285 Euro gewesen. Früher hätten die Einnahmen aus Kursgebühren zwischen 140 000 und 160 000 Euro betragen, aktuell würden sie bei 93 000 Euro liegen. Sinkende Teilnehmerzahlen, der Rückgang der Zuschüsse, die Verluste während der Corona-Jahre und steigende Kosten etwa durch die Inflation würden bei der FBS im laufenden und kommenden Jahr zu einem geschätzten Minus von über 110 000 Euro führen, das von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde hätte getragen werden müssen.

Eine Reduzierung oder Optimierung des Angebots, meinen die Kirchenvertreter, hätten die FBS nicht retten können. Solche Maßnahmen seien alle in der Vergangenheit versucht worden und hätten nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Für eine erfolgreiche Werbung müssten zudem laut Frank Kaltenborn die neuen sozialen Medien bedient werden. Dafür bräuchte es spezialisierte Mitarbeiter – doch die könnten schlicht nicht bezahlt werden.

Kurse laufen bis Jahresende

Der Gesamtkirchengemeinderat hat daher am Donnerstagabend die Schließung der Familienbildungsstätte beschlossen. Die Entscheidung sei mit einer stabilen Mehrheit erfolgt, erklärt Dekan Weißenborn. Das genaue Abstimmungsergebnis aus der nicht-öffentlichen Sitzung möchte er nicht nennen: „Es hat aber keine Kampfabstimmung gegeben.“ Der Beschluss des Gremiums sieht vor, dass ab Ende September keine Werbung mehr etwa für Kurse oder das Programm gemacht werde. Zum Jahresende wird der Betrieb der Familienbildungsstätte eingestellt. Alle Personen, die in diesem Jahr einen Kurs oder eine Veranstaltung gebucht haben, können daran teilnehmen – vorausgesetzt, es kommen genügend Interessenten zusammen. Aber ein neues Programmheft für 2024 wird es nicht geben.

In der Familienbildungsstätte sind fünf Mitarbeiterinnen auf 1,6 Vollzeitstellen beschäftigt. Die Leiterin Doris Ziebritzki war erst zu Jahresbeginn eingestellt worden – nun wurde ihr laut den Kirchenvertretern betriebsbedingt gekündigt. Es habe immer noch die Hoffnung bestanden, die FBS retten zu können, und als die Bewerbung der Fachkraft auf den Tisch flatterte, habe man sie wegen ihrer hohen Qualifikation einfach einstellen müssen. Die anderen vier Mitarbeiterinnen könnten im Bereich der Kirchengemeinde eine weitere Beschäftigung finden, denn dort würde es vakante Stellen geben. Die meisten Kursleiter, so fügt Elvira Postic hinzu, seien nicht bei der Kirche, sondern bei anderen Arbeitgebern angestellt.

Bemühen um Optimismus

Bei der FBS wurde laut Frank Kaltenborn zwar die Reißleine gezogen. Komplett im freien Fall befinde sie sich aber deswegen nicht: „Wir wollen die Unerträglichkeit erträglich machen.“ Und auch Dekan Bernd Weißenborn ist um eine optimistische Grundstimmung bemüht. Es sei ein Verdienst der Mitarbeitenden, dass es die Einrichtung solange gegeben habe, und das Gebäude in der Berliner Straße sei auch viel zu funktional, um es leer stehen zu lassen. Mit der Stadt Esslingen und später auch mit anderen möglichen Partnern würden Gespräche über eine Weiterführung bestimmter Kurse geführt. Denkbar wäre etwa eine Zusammenarbeit mit der Volkshochschule. Die evangelische Kirche werde sich nicht aus der Beratung und Begleitung von Familien oder Alleinerziehenden zurückziehen.

Die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) in Esslingen

FBS
 Die Ökumenische Familienbildungsstätte war aus der 1929 gegründeten evangelischen Mütterschule hervorgegangen. In einem jährlich im November erscheinenden Programmheft wurden Veranstaltungen, Seminare und Kurse zu Themen wie Sport, Gesundheit, Ernährung, Kreativität oder Geburt angeboten.

Finanzen
Finanziert hatte sich die FBS laut Frank Kaltenborn durch Zuschüsse der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, der katholischen Kirche Esslingen, des Landkreises und des Landes Baden-Württemberg. Bis 2021 hatte es einen Zuschuss der Stadt gegeben, der durch Bildungsgutscheine ersetzt wurde.

Gutschein
Zur Entwicklung der Bildungsgutscheine wollte sich die Stadtsprecherin Nicole Amolsch nicht äußern. Die Evaluation werde am Mittwoch, 4. Oktober, im Sozialausschuss des Gemeinderates vorgestellt: „Wir bitten um Verständnis, dass wir dieser Vorstellung im Gremium nicht vorgreifen möchten“.