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Vom Torwart-Talent beim VfB Stuttgart zum Star in der Champions League bei Benfica Lissabon: Vor dem Duell mit dem FC Bayern spricht Odisseas Vlachodimos über seine Karriere – und den VfB.

Lissabon/Stuttgart - Odisseas Vlachodimos ist ein Stuttgarter Junge und hat beim VfB alle Nachwuchsteams durchlaufen. Inzwischen ist der 27-Jährige griechischer Nationaltorwart und empfängt mit Benfica Lissabon an diesem Mittwoch in der Champions League den FC Bayern.

Herr Vlachodimos, mit 135 Einsätzen im Trikot von Benfica Lissabon zählen Sie inzwischen zu den gestandenen Spielern Ihres Teams. Was macht den Reiz Ihres Clubs aus?

Man merkt hier einfach jeden Tag, dass Benfica ein großer Verein mit einer bedeutenden Tradition ist. Das zeigt sich in vielerlei Hinsicht: Die Mitarbeiter tun alles dafür, damit wir Spieler uns voll auf den Fußball fokussieren können. Auch auf dem Trainingsgelände fehlt es uns an nichts. Der Umgang mit den Fans in der Stadt ist ebenfalls sehr angenehm. Ich werde erkannt, werde freundlich angesprochen – aber nicht belästigt. Man kann sich hier also nur wohlfühlen. Benfica war übrigens lange der mitgliederstärkste Club der Welt (aktuell 235 000 Mitglieder, Anm.d.Red.). Nur der FC Bayern (rund 250 000) hat inzwischen mehr Mitglieder.

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Als Torhüter Nummer drei haben Sie 2016 den VfB verlassen – inzwischen sind Sie auf internationalem Topniveau angekommen. Wie war dieser Leistungssprung möglich?

Ich habe bei Benfica die richtigen Leute, die mit mir arbeiten, sei es im Torwarttraining, im Kraftraum oder bei der Nachbereitung der Spiele. Da werden auch Details angesprochen, die von außen wohl kaum einer sehen würde, die mich aber stärker machen. Ich glaube, ich bin auf einem richtig guten Weg. Es ist weiter mein Ziel, mich jeden Tag zu verbessern. Ich habe aber mein volles Potenzial noch nicht ausgeschöpft.

Was hat sich im Vergleich zur Ihrer Zeit beim VfB verändert? Trainer Jürgen Kramny sagte damals, Sie seien für einen jungen Torwart zu ungeduldig.

Wenn man Ehrgeiz mit Ungeduld beschreibt, hat er recht. Ansonsten sehe ich es immer noch anders. Ich habe fast meine ganze Jugend beim VfB verbracht, fast alle deutsche U-Nationalmannschaften durchlaufen und war in jungen Jahren schon 68-mal im Tor der Drittligamannschaft gestanden. Aber klar: Es hat sich bei mir seit damals vieles positiv entwickelt. Ich habe in Stuttgart noch zuhause bei meinen Eltern gelebt – und kannte nichts anderes. Nach meinem Wechsel zu Panathinaikos Athen stand ich dann erstmals auf eigenen Beinen. Auch die Spielpraxis in der griechischen Liga mit ihren teils hitzigen Derbys hat mir sehr geholfen. Es ist wichtig, dass man mal aus seiner Komfortzone herauskommt.

Enge Verhältnis zum Bruder und den Eltern

Ihre Eltern stammen aus dem Raum Thessaloniki in Griechenland. Inwiefern spielen sie in Ihrem Leben eine Rolle?

Wir haben ein ganz enges Verhältnis. Ich bin in Stuttgart-Wangen aufgewachsen, wo sich in meiner Jugend eigentlich alles um Fußball gedreht hat. Ich habe die mittlere Reife und eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht - dann bin ich auch schon Profi geworden. Meine Eltern arbeiten beide und kommen gerne nach Lissabon, wenn sie Zeit für mich haben.

Sie haben beim VfB in der Saison 2015/16 unter Trainer Alexander Zorniger drei Bundesligaspiele gemacht. Nach dem Abstieg haben Sie dann den Verein verlassen. Warum?

Natürlich war es mein Ziel, beim VfB die Nummer eins zu werden. Darauf habe ich jeden Tag hingearbeitet. Doch letztlich wurde mir in Stuttgart nicht die nötige Spielzeit gegeben. Doch ich wollte den nächsten Schritt gehen. Es ging also in Stuttgart eine Tür zu – eine andere hat sich dafür aufgetan: Ich bin zu Panathinaikos, wo man mir einen Plan aufgezeigt hat. Dort hat zu dieser Zeit auch mein Bruder Panagiotis gespielt. Er war natürlich eine große Hilfe.

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Ihr Bruder ist zweieinhalb Jahre älter als Sie – und spielt aktuell bei Zweitligist Dynamo Dresden. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Ich telefoniere täglich mit, denn er gibt mir ein ehrliches Feedback. Er schaut sich alle meine Spiele an, und ich mir seine. Besonders schön war die Zeit, als wir gemeinsam in Athen gespielt haben. Vor allem die Spiele, in denen wir beide gemeinsam auf dem Platz standen. Bei meinem Bruder weiß ich, dass er immer nur das Beste für mich will.

Jetzt empfangen Sie am Mittwoch in Lissabon den FC Bayern in der Champions League. Nach dem 3:0 gegen den FC Barcelona dürfte die Stimmung im Team sehr gut sein.

Gegen Barca war das natürlich ein ganz großer Sieg für uns. Im Stadion war eine überragende Stimmung, denn man darf ja nicht vergessen, was für ein großer Verein der FC Barcelona ist – auch wenn sie aktuell ein paar Probleme haben. In Kiew hatten wir uns zuvor beim 0:0 zum Auftakt der Gruppenphase schwergetan. Aber mit vier Punkten stehen wir aktuell ganz gut da.

Gute Bekannte im Team des FC Bayern

Gegen die Münchner dürfen die Ränge des Estádio da Luz erstmals seit Monaten wieder ganz gefüllt werden. Was für ein Spiel erwarten Sie?

Die Bayern haben ja im vergangenen Sommer in unserem Stadion den Champions-League-Titel gewonnen. Sie haben also gute Erinnerungen an Lissabon. Sportlich muss man über ihre Qualität ohnehin nicht diskutieren. Wie groß die ist, weiß jeder. Auch wir kennen ihre Stärken. Nehmen wir Robert Lewandowski, der ja in einer herausragenden Form ist und sie vielleicht sogar mit dem goldenen Ball als Auszeichnung für den Weltfußballer des Jahres veredeln kann. Aber die Bayern haben natürlich auch andere Topspieler.

Mit einigen von ihnen haben Sie früher zusammengespielt.

Stimmt. Mit Serge Gnabry war ich beim VfB in der Jugend in einem Team. Ich kenne auch seine Familie noch sehr gut. Joshua Kimmich ist ein Jahr jünger, war in Stuttgart aber ab der U17 bei uns. Schon damals haben wir gegen Niklas Süle und Hoffenheim gespielt. Niklas kenne ich auch aus der deutschen U-21-Nationalmannschaft, genauso wie Leroy Sané und Leon Goretzka.

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Sie tragen die ungewöhnliche Rückennummer 99. Warum?

Als ich zu Panathinaikos kam, war die Nummer eins vergeben – außerdem gefällt mir die Eins als Zahl auch nicht besonders. Also habe ich mir gedacht, ich nehme die erste Nummer von hinten. Und das ist in der griechischen und portugiesischen Liga, wo sämtliche zweistelligen Nummern erlaubt sind, die 99. Ich habe dann in Athen gut gespielt, sodass mich Benfica zwei Jahre später verpflichtet hat. Und gute Dinge soll man ja nicht ändern. Also ist es bei der 99 geblieben. In Deutschland ginge das nicht, weil in der Bundesliga Rückennummern jenseits der 40 nicht erlaubt sind.

Stammkeeper für Griechenland

Sie sind auch der Stammtorwart der griechischen Nationalelf. Was bedeutet Ihnen das?

Länderspiele sind einfach etwas ganz Großes. Es ist ein super Gefühl, für Griechenland aufzulaufen. Was gibt es Schöneres, als sein Land zu repräsentieren? Das macht auch meine Familie sehr stolz. Leider haben wir trotz gutem Spiel vor einer Woche in Schweden mit 0:2 verloren – und können jetzt höchstens noch Platz zwei in unserer WM-Qualifikationsgruppe erreichen. Doch wir haben ein junges Team, das viel Potenzial besitzt. Es ist also für die Zukunft noch einiges von uns zu erwarten.

Verfolgen Sie die Spiele des VfB und könnten Sie sich vorstellen, zu Ihrem Jugendclub in die Bundesliga zurückzukehren?

Ich schaue mir die Highlights der Bundesliga regelmäßig an, die Konferenz läuft bei mir samstags eigentlich immer, wenn es geht. Natürlich verfolge ich dabei den VfB besonders intensiv. Das ist doch klar. Wenn man jahrelang für einen Verein gespielt hat und gleichzeitig noch nahezu in Sichtweite des Stadions aufgewachsen ist, bleibt er natürlich immer etwas ganz Besonders. Ob ich mal wieder zum VfB als Spieler zurückkehre, das kann ich heute nicht sagen. Ich habe bei Benfica einen Vertrag bis 2024. Das ist eine lange Zeit, wenn man bedenkt, dass der Fußball heutzutage eher ein Tagesgeschäft ist.