Am Esslinger Bahnhof setzt das Kältebus-Team einen Schwerpunkt. Foto: Roberto Bulgrin

Wenn es kalt ist, fährt in Esslingen der Kältebus. Aus gutem Grund. Vergangenes Jahr ist ein Obdachloser erfroren. Was erleben die ehrenamtlichen Helfer auf der Straße?

Es ist kalt in Esslingen. Kalt und nass. Kleine Wölkchen bilden sich beim Atmen an diesem späten Montagabend. „Schönen guten Abend, wie geht’s dir?“, fragt Kay-Christian Müller einen Mann am Bahnhof, der sein Hab und Gut teils bei sich trägt, teils im Vorraum einer nahe gelegenen Bank abgestellt hat. „Ach, ihr seid’s“, antwortet der Mann mit grau-schwarzem Bart. „Ja, wir sind es wieder“, sagt Müller. Vor acht Jahren hat er den Kältebus in Esslingen gegründet – ein ehrenamtliches Engagement, um Obdachlosen in kalten Zeiten zu helfen.

„Ich kann an einer Hand abzählen, wie viele in den letzten Jahren permanent in eine eigene Wohnung gekommen sind. Das schaffen echt wenige.“

Kay-Christian Müller, Notfallsanitäter und Initiator des Kältebusses

Dem Mann am Esslinger Bahnhof geben Kay-Christian Müller und sein Kollege Marc Behringer an diesem Abend Kaffee, Handschuhe und eine Suppe. 10 bis 15 Leute helfen regelmäßig, den Kältebus auf die Straße zu bringen. Zu Beginn war Müller noch mit einem alten VW-Golf unterwegs, mittlerweile ist es ein eigener Rotkreuz-Transporter geworden. An den Seiten steht groß „Sozialarbeit“, vorne drauf: „Kältebus“.

Obdachlose in Esslingen gestorben

Es ist ein Engagement, das herausfordert und die Helfer manchmal mit dem Schlimmsten konfrontiert. „Letztes Jahr sind zwei Obdachlose in Esslingen gestorben. Einer wegen eines medizinischen Notfalls, ein anderer ist erfroren“, erzählt Müller. Psychische Probleme, Alkoholsucht, Traumata: Nicht immer stoßen die Ehrenamtlichen auf Gegenliebe. „Wir kontrollieren natürlich auch, ob die Obdachlosen noch leben oder Hilfe brauchen – manche wollen aber einfach nur schlafen und finden das dann weniger toll“, sagt Müller. Die Helfer sind an kalten Tagen von November bis April zwischen 22 Uhr und 2 Uhr in Esslingen unterwegs. Zu früheren Uhrzeiten bieten etwa Bankgebäude und Einkaufszentren den Obdachlosen einen gewissen Schutz vor dem Wetter, erklärt Müller.

Schutz, der dringend nötig ist. „Gefühlt haben wir deutlich mehr Bedürftige als vergangenes Jahr.“ Doch die Notunterkunft in der Stadt bietet lediglich zwölf Menschen für eine Nacht Sicherheit. Mehrmals schaut das Kältebus-Team dort während der Schicht nach dem Rechten. Manchmal wird in den warmen Zimmern illegal geraucht, manchmal randaliert, manchmal werden andere bedroht. Dann gebe es Hausverbote, sagt Müller. Wenn der ausgebildete Notfallsanitäter mit den Obdachlosen spricht, wird aber auch klar: Hier geht es zuerst um Gespräche auf Augenhöhe. Um Freundlichkeit, um Mitmenschlichkeit. „Die meisten strahlen Dankbarkeit aus. Es ist immer schön, jemandem helfen zu können“, sagt der 37-Jährige. „Das ist meine Heimat, deshalb engagiere ich mich.“

Handschuhe, Lebensmittel, Gespräche: Die Ehrenamtlichen versorgen alle Obdachlosen, die Hilfe annehmen wollen. Foto: Roberto Bulgrin

Nur wenige schaffen es raus

Müller ist Berufspendler. Auf dem Weg zur oder von der Arbeit habe er regelmäßig gesehen, wie Menschen auf Esslingens Bahnhofsvorplatz schliefen. „Da habe ich gedacht, das muss doch irgendwie anders gehen.“ Einen städtischen Auftrag hat der Kältebus nicht. Fahrzeug, Versicherung, Verpflegung für die Obdachlosen – alles wird über Spenden finanziert. Etwa 10 bis 20 Menschen treffen die Ehrenamtlichen pro Abend auf der Straße, meist im Stadtkern.

Mit dem Nötigsten versorgt geht der Wohnungslose am Esslinger Bahnhof zurück zur Bankfiliale, um seine Sachen zu holen. Doch die Glastüren zum Gebäude sind seit einigen Minuten fest verschlossen. „Mein ganzes Zeug ist da drin, was mach ich jetzt“, fragt der Mann die Kältebushelfer immer wieder. „Lass dir was einfallen“, fordert er Müller auf. „Bitte hilf mir jetzt.“ Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Obdachlose in dieser Situation befindet, sagt der Notfallsanitäter.

Ein Anruf bei der Bank habe das Mal zuvor nicht weitergeholfen. Müller erklärt dem Mann ruhig und freundlich, wie es jetzt weitergehen könnte. In die Notunterkunft? Will er nicht. Mit der Polizei sprechen? Ja, gut. Ein kurzes Telefonat, dann hat sich der Obdachlose beruhigt – selbst wenn seine Sachen bis zum nächsten Morgen eingeschlossen bleiben. Zum Abschied sagt er: „Das macht mich richtig fertig jetzt – aber die Suppe von euch war geil!“

Wird es der Mann aus der Obdachlosigkeit herausschaffen? Grundsätzlich ist Müller bei dem Thema skeptisch: „Ich kann an einer Hand abzählen, wie viele in den letzten Jahren permanent in eine eigene Wohnung gekommen sind. Das schaffen echt wenige.“