Quelle: Unbekannt

Von Dagmar Weinberg (Text) und Robin Rudel (Fotos)

In einen dünnen, weißen Schutzoverall gehüllt steht Yesim Erdem in ihrer Werkstatt im Esslinger Stadtteil Hohenkreuz. Bevor sie eine der Kalebassen mit einem feinen Bohrer bearbeitet, legt sie sich noch einen Mundschutz an und setzt eine Schutzbrille auf. „Diese Montur trage ich immer, wenn ich hier arbeite“, sagt die 42-Jährige, die in Schramberg geboren und aufgewachsen ist. „Das ist ein sehr staubiges Geschäft und der Feinstaub verteilt sich hier überall in der Werkstatt.“ Schließlich ähnelt die Hülle eines ausgewachsenen und getrockneten Flaschenkürbis der Struktur von Holz.

Rund neun Monate sind die Kalebassen auf den Feldern in der Türkei gereift. „Sie sind auch essbar, allerdings nur in einem frühen Vegetationsstadium“, erklärt die Expertin. „Danach entwickelt die Schale ihre holzähnliche Struktur, die die Kalebassen absolut wasserdicht macht.“ Zur Ernte fliegt Yesim Erdem regelmäßig in die Heimat ihrer Eltern, um die schönsten Stücke persönlich auszusuchen. Da immer mehr Kreative inzwischen das Werkeln mit Flaschenkürbissen entdeckt haben, verkauft sie auch Rohlinge. Schafften es ihre Verwandten am Anfang noch, den gesamten Bedarf der Esslinger Kunsthandwerkerin zu decken, bezieht sie mittlerweile auch von anderen türkischen Landwirten Kalebassen. „Die Bauern kommen kaum nach, denn auch in der Türkei sind die Lampen total im Trend.“

Im Heimatdorf ihrer Mutter ist die gebürtige Schrambergerin auf die Idee gekommen, selbst Kürbislampen herzustellen. „Nach dem Tod meiner Mama bin ich dorthin gefahren, um ihren Wurzeln nachzuspüren. Und da habe ich dann gesehen, dass meine Familie aus den Kalebassen nicht nur Musikinstrumente, sondern auch Lampen macht“, erzählt Yesim Erdem, die früher als Bezirksleiterin einer auf Deko- und Geschenkartikel spezialisierten Ladenkette gearbeitet hat und bis zur Geburt ihrer Tochter zwei eigene Geschäfte hatte. Da es ihr wichtig ist „beruflich etwas zu machen, was Spaß macht“, ist sie schließlich bei ihren türkischen Verwandten in die Lehre gegangen und hat dort alles über die Bearbeitung von Flaschenkürbissen gelernt. Dabei hat sie erfreut festgestellt, „dass ich das künstlerische Talent von meiner Mutter geerbt habe“. Die Mama hatte als Porzellanmalerin bei der traditionsreichen Schramberger Majolika-Fabrik gearbeitet, der Papa war Lehrer „und hat ganz viel für die Integration getan“.

Direkt vom Feld weg sind die Kalebassen weder für Lampen, noch für das geigenähnliche Musikinstrument Kemane oder für Trinkgefäße zu gebrauchen. Die großen Exemplare, die bei der Ernte zwischen zehn und 15 Kilo auf die Waage bringen, müssen erst einmal drei bis vier Monate trocknen. Danach sind sie federleicht. Werden sie geschüttelt, geben die Samen im Inneren Laut. „Die säen die Bauern dann wieder ein.“ Bevor Yesim Erdem damit beginnt, die alte Kulturpflanze ins rechte Licht zu rücken, legt sie den Kürbis zunächst einmal für eine Weile ins Wasser. Anschließend schabt sie die graue Außenhaut ab und bearbeitet die Schale mit Stahlwolle. Dann wird ein Loch in den Boden der Frucht gebohrt, durch das später die Lampenfassung gesteckt wird. Zunächst muss die Kalebasse aber erst einmal mithilfe einer Stahlbürste restlos von ihren getrockneten Innereien befreit werden. „Das ist ganz wichtig, sonst beginnt die Lampe irgendwann zu leben“, erklärt die Esslinger Kunsthandwerkerin, die sich bei ihrer Arbeit auf ihren Mann Özkan stets verlassen kann - vor allem bei technischen Details. „Wenn ich eine Idee habe, bekommen wir das immer gemeinsam hin.“

Sind das Äußere und Innere der Kalebasse schön sauber und glatt geschliffen, beginnt der künstlerische Teil der Arbeit. „Für mich ist die Gestaltung einer Lampe immer eine Kommunikation mit der Natur und mit mir selbst“, erklärt die 42-Jährige. Denn jeder Flaschenkürbis ist anders gewachsen. „Bevor ich anfange, drehe und wende ich ihn und lasse mich von der Form inspirieren.“ Ob Schmetterlinge, Blumen oder grafische Muster - bei der Gestaltung der Kalebassen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. „Ich arbeite auch gerne mit Swarowski-Kristallen oder Edelsteinen und mache sehr gerne spirituelle Motive wie den Baum des Lebens oder die Hand der Fatima.“ Die hat Yesim Erdem, die im nächsten Jahr auch Kurse anbieten möchte, jedoch nicht in den Kürbis gebohrt, sondern gefräst. „Das ist viel schwerer als das Bohren“, erläutert sie. „Denn man geht ja bis auf die Innenhaut. Und wenn man nur eine Sekunde nicht aufpasst, ist man durch und kann die Lampe vergessen.“ So sei die Frästechnik nichts für Anfänger.

B ei all ihren Entwürfen muss die Kunsthandwerkerin natürlich immer im Kopf haben, wie die Motive sowohl beleuchtet, aber auch im ausgeschalteten Zustand der Lampe rüberkommen. „Tagsüber sollen die Kunden eine schöne Skulptur und abends dann tolle Lichtspiele an den Wänden haben“, formuliert Yesim Erdem ihren Anspruch. Das gilt natürlich auch für all jene filigranen Lichtobjekte, die nach den individuellen Wünschen der Kundinnen und Kunden gefertigt werden. Bis eine Kallebasse leuchtet, dauert es im Schnitt zwei Tage. „Das schafft man allerdings nur bei den gebohrten Motiven, die gefrästen sind aufwendiger.“ Zwar bietet die Kunsthandwerkerin auch Kalebassen in ihrer natürlichen Farbe an. Die meisten Lampen, die die Werkstatt Am schönen Rain verlassen, werden aber zuvor mit umweltfreundlichen Holzlacken lasiert. „Man kann sie somit problemlos feucht abwischen. Der Witterung sollte man sie allerdings nicht aussetzen.“

Wer Yesim Erdem über die Schulter schauen möchte, kann dies vom 17. bis 20. November auf der Messe Kreativ auf dem Stuttgarter Messegelände tun. Bei einem Auftritt auf der Showbühne zeigt sie am 17. November um 10.30 Uhr, wie eine Kalebasse zur Lampe wird. Zudem ist sie am 28. November in der Fernsehsendung „Kaffee oder Tee“ und am 7. Dezember im ARD-Buffet zu Gast. Auch ES-TV hat die Kunsthandwerkerin schon besucht. Den Beitrag findet man unter www.es-tv.de.

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