Bei Uwe Mouris und seinen Kollegen landen Anrufer, die in Stuttgart den Notruf 112 wählen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der 11.2. ist der Tag des Europa-Notrufs 112. Ein Mitarbeiter der Stuttgarter Leitstelle erzählt, was er erlebt – von aggressiven Anrufern bis hin zum freudigen Ereignis.

Als Uwe Mouris den Anruf annimmt, ist der Mann am Telefon verzweifelt. Seine Frau ist hochschwanger, die Geburt steht unmittelbar bevor, doch die beiden sind noch im Auto und werden das Krankenhaus nicht mehr rechtzeitig erreichen. Unter der Notrufnummer 112 erhoffen sie sich rasche Hilfe. Und bekommen sie. Der Disponent in der Integrierten Leitstelle in Stuttgart bleibt ruhig. Er leitet das Paar Schritt für Schritt durch die Geburt. Am Ende kommt ein gesundes Kind zur Welt.

„Ich bin schon einige Male am Telefon dabei gewesen, wenn Babys zur Welt gekommen sind“, sagt Mouris und schmunzelt. Solche Momente sind die schöne Seite seiner Arbeit. Der 44-Jährige ist bei der Stuttgarter Feuerwehr beschäftigt. Seit 2019 übt er die Funktion in der Integrierten Leitstelle an der Feuerwache in Bad Cannstatt aus. Sie wird von der Stadt Stuttgart und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) gemeinsam betrieben. Dort laufen die Anrufe unter der 112 aus dem gesamten Stadtgebiet ein, wenn jemand Feuerwehr oder Rettungsdienst benötigt.

Zahl der Notrufe steigt

Seit Jahren steigt die Zahl der Notrufe an. „Das zeigt sich schon allein an unserem Personalaufwuchs“, sagt Mouris. Seit er dabei sei, habe sich die Mitarbeiterzahl fast verdoppelt. Und auch mit dem heutigen Stand sei man „sehr gut ausgelastet“. Im Jahr 2024 sind in der Leitstelle 456.000 Telefongespräche abgewickelt worden, 162.000 davon waren Notrufe. Der Rest betraf Krankentransporte unter der 19222 oder andere Servicenummern, die man bedient. Im vergangenen Jahr, schätzen die Verantwortlichen, dürften die Zahlen ähnlich ausgesehen haben.

„Der Servicegedanke und das Anspruchsdenken in der Bevölkerung nehmen zu“, weiß der erfahrene Disponent. Das habe auch etwas Positives, denn mehr Leute kennen inzwischen die 112. Doch mittlerweile kämen immer mehr Lappalien. „Nur aus 60 Prozent der Notrufe resultieren Rettungseinsätze“, sagt Mouris. Der Rest seien aber nicht nur Fehlalarme. Darunter fallen auch Anrufe, die man etwa zum kassenärztlichen Notdienst oder zu einem Arzt vermittle. Die Retter stellen auch fest, dass „gerade in der Großstadt die Fähigkeit, mit Alltäglichem klarzukommen, abnimmt“.

Böswillige Fehlalarme, bei denen Notfälle frei erfunden werden, gibt es auch, aber sie sind selten. Dafür gibt es immer wieder Anrufer, die die Disponenten geradezu mit Anrufen überschwemmen. „Bei diesen Fällen sind die Leute im Normalfall eine gewisse Zeit aktiv und werden dann von der Polizei gefasst.“ Denn der Missbrauch von Notrufnummern ist eine Straftat.

Regelmäßig müssen Mouris und seine Kollegen am Telefon diskutieren, weil Anrufer das Notrettungssystem nicht kennen und partout nicht mit den eingeleiteten Maßnahmen einverstanden sind – etwa einen Notarzt fordern, wenn keiner nötig ist. Und dann gibt es da Einsätze, die man niemals vergisst. Mouris und seine Schicht waren im Dienst, als eine Gasexplosion in der Köllestraße ein Haus verwüstet hat. „Da sind die ersten Notrufe unter der 112 bei uns eingegangen. Das war sehr eindrücklich“, sagt Mouris nachdenklich.

Seit einigen Jahren ist der 11.2. offiziell der Tag der europäischen Notrufnummer 112. Er soll dabei helfen, die Nummer und ihre Verbreitung noch bekannter zu machen. Denn nach wie vor kennen zu viele Menschen die drei Zahlen nicht, die im Ernstfall schnelle Hilfe bringen. Und das nicht nur in Deutschland. „Ob man in Italien am Strand liegt oder in Österreich in den Bergen wandert – unter der 112 kommt Rettung“, sagt der Stuttgarter Feuerwehrsprecher Daniel Anand.

Die Nummer ist mittlerweile in Europa sehr gut ausgebaut. Sie gilt in der gesamten EU sowie den allermeisten anderen europäischen Ländern, darüber hinaus auch in Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. In den USA und Kanada wird sie bei Anrufen auf die dortige Notrufnummer weitergeleitet. Der Euronotruf ist grundsätzlich kostenfrei, auch unterdrückte Rufnummern werden den Disponenten in den Leitstellen angezeigt.

In der Integrierten Leitstelle werden Notrufe angenommen. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart / Fabrice Weichelt

Dort herrscht auch in Stuttgart Daueralarm. „Die Integrierte Leitstelle ist rund um die Uhr in Betrieb“, sagt Anand. Mitarbeiter der Feuerwehr sitzen dort ebenso wie solche des DRK. „Alle Disponenten nehmen alle Anrufe entgegen, egal, ob es um Einsätze für die Feuerwehr, den Rettungsdienst oder den Bevölkerungsschutz geht“, so der Feuerwehrsprecher.

Die Integrierte Leitstelle auf dem Gelände der Cannstatter Feuerwache stammt aus dem Jahr 2006 und ist damit noch gar nicht so alt. Dennoch platzt das Gebäude inzwischen aus allen Nähten. Auch die Technik gilt mittlerweile als veraltet und lässt sich nur noch im Rahmen einer Notverlängerung nutzen. Der Gemeinderat hat deshalb im Oktober einem 112 Millionen Euro teuren Neubau im neuen Stadtquartier Neckarpark direkt an der Benzstraße zugestimmt. Dort wird die Leitstelle ins künftige Führungszentrum für Sicherheit und Gefahrenabwehr integriert. Sie soll spätestens Anfang 2031 in Betrieb gehen.

Neubau soll 2031 in Betrieb gehen

Bis dahin müssen sich die Retter behelfen. „Eigentlich ist die Leitstelle so konzipiert, dass man neben den Notrufplätzen noch weitere freie hat für Großlagen“, erzählt Mouris. Die sind inzwischen durch den Personalzuwachs aber schon im Regelbetrieb meist besetzt. Auch in Umkleiden und Sozialräumen herrscht Gedränge. Das kommt zum ohnehin fordernden Job noch hinzu. „Die Leute, die das machen, müssen hoch konzentriert und belastbar sein“, sagt Anand. Manchmal werde am Telefon „nur geschrien“. Gelegentlich aber auch in einem Auto – wenn der Disponent einem Baby auf die Welt geholfen hat.