Enttäuschte deutsche Langläuferinnen nach dem Skiathlon: Pia Fink (li.) und Katharina Hennig. Foto: imago

Das deutsche Langlaufteam erlebt eine enttäuschende Heim-Weltmeisterschaft: Warum das Vorhaben, in Oberstdorf um Medaillen zu kämpfen, nicht aufgeht.

Oberstdorf - Immer dann, wenn die Macher der Nordischen Ski-WM auf die leeren Tribünen, die sterilen Siegerehrungen und die verwaiste Oberstdorfer Fußgängerzone blicken, finden sie Trost in einer Gewissheit: Die TV-Übertragungen zeichnen ein anderes Bild. Sie zeigen die Marktgemeinde als perfekten Gastgeber, spannende Wettkämpfe, emotionale Gewinner. Das kommt an, die Quoten stimmen. Auf großes Interesse stoßen auch die deutschen Langläufer, allerdings anders als erhofft. Denn bisher liefern sie vor allem das sportliche Kontrastprogramm – Pleiten, Pech und Pannen.

Die größte Pleite Lucas Bögl belegt als bester Deutscher Rang 29 im Skiathlon (15 km klassisch, 15 km Freistil). Sein Rückstand auf Sieger Alexander Bolschunow beträgt 4:10 Minuten. Das sind Welten.

Das größte Pech Im Halbfinale des Teamsprints touchiert Janosch Brugger leicht mit dem Österreicher Mika Vermeulen, doch das reicht, um die Bindung auszulösen. „Auf einmal war der Ski gefühlt hundert Meter hinter mir – und dann musst du erst mal zurück, um das Scheißding zu holen. Es ist zum Kotzen“, sagt Brugger, dessen Partner Sebastian Eisenlauer völlig bedient ist: „Seit zwei Jahren dreht sich alles um diesen einen Teamsprint, es wäre alles parat gewesen. Dass wir dann nicht zeigen dürfen, was wir können, ist maximal ärgerlich.“

Die größte Panne Katharina Hennig, die stärkste Deutsche in diesem Winter, will im Skiathlon (7,5 km klassisch, 7,5 km Freistil) möglichst lange an der Spitze dranbleiben, sie hofft auf einen Platz unter den besten acht. Doch sie läuft auf total verwachsten Skiern, wird am Ende mit fast vier Minuten Rückstand 29. und bricht im Ziel in Tränen aus. „Es ist bitter, wenn so etwas beim vielleicht wichtigsten Rennen im Jahr passiert“, sagt Hennig, „irgendwann bin ich blitzeblau gewesen, sowohl körperlich als auch geistig.“

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Peter Schlickenrieder ist keiner, der so schnell die gute Laune und den Optimismus verliert, aber irgendwann hat auch er genug von dem Bild, das seine Athleten bei dieser WM abgeben. Während des Teamsprints pfeffert er restlos bedient seinen Skistock in den Schnee, schüttelt minutenlang den Kopf. Er fragt sich, warum ausgerechnet bei der Heim-WM das Glück fehlt. Doch seine Gedanken gehen über den Moment hinaus. „Wenn wir ehrlich und realistisch sind“, sagt er nach der ersten Woche der Titelkämpfe, „bei unserem Leistungslevel kämpfen wir hier einfach nicht um Medaillen.“

Ziel ist nun die beste Lebensleistung

Seit April 2018 ist Schlickenrieder Bundestrainer, er trat mit dem Ziel an, 2021 in Oberstdorf einen Podestplatz zu holen. Und musste danach erkennen, dass doch nicht alles so einfach ist, wie er es sich ursprünglich vorgestellt hatte. „Dieses Versprechen habe ich nicht halten können, im Langlauf bewirkt man so schnell keine Wunder“, sagt Schlickenrieder heute, „es ist einfach so, dass wir konditionelle und technische Probleme haben, die sich nicht mal eben so beseitigen lassen.“ Was sich nach Kapitulation anhört, ist keinesfalls so gemeint. Schlickenrieder, Silbermedaillengewinner im Sprint bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City, ist ein Kämpfer. Aber auch ein Pragmatiker. Deshalb gab er für die Heim-WM ein neues Ziel aus. Nun fordert er von seinen Athleten persönliche Bestleistungen – „idealerweise ihre beste Lebensleistung“. Doch auch davon sind die Deutschen bisher weit entfernt.

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Das liegt daran, dass die Konkurrenz enorm stark ist, die eigene Form nicht gut genug zu sein scheint, vielleicht der Druck als zu groß empfunden wird. Aber auch daran, dass ausgerechnet in der gewohnten Umgebung die Bretter nicht so gut laufen wie erhofft. „Wir haben Materialprobleme, das ist unverkennbar“, sagt Schlickenrieder, den das Gefühl beschleicht, dass die Techniker es sogar zu gut meinen könnten: „Sie überholen sich derzeit fast selbst, sind ohnehin schon immer von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends am Arbeiten. Doch jetzt sehen wir sie gar nicht mehr, wahrscheinlich testen sie die ganze Nacht durch. Ich hoffe, dass sie nun eine schnelle Lernkurve hinlegen.“ Schließlich stehen noch interessante Rennen an, vor allem die Staffeln.

„Jede Pechsträhne reißt auch mal wieder“

Es ist zwar nicht realistisch, auf einen Podestplatz zu hoffen. Doch spätestens vor den Teamwettbewerben der Frauen über 4 x 5 km am Donnerstag (13.15 Uhr) und der Männer über 4 x 10 km am Freitag (13.15 Uhr/beide im ZDF) dürfte der Bundestrainer seine Forderung nach der besten Lebensleistung noch einmal erneuern – und zugleich darauf hoffen, dass seine Athleten in der zweiten WM-Woche andere Bilder liefern. „Jede Pechsträhne“, sagt Schlickenrieder, „reißt schließlich auch mal wieder.“

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