Die Kriege dauern an, aber ebenso die Feste der Literatur: Nino Haratischwili Foto: IMAGO/TT

An diesem Mittwoch beginnt das zweite Stuttgarter Literaturfestival. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili hat das Programm zusammengestellt

Mit den Katastrophen der Geschichte kennt sich Nino Haratischwili aus. In ihrem Tausendseiter „Das achte Leben“ hat sie die Schrecken des Stalinismus ausgemalt, in weiteren Arbeiten all das, was darauf folgt. Das Stuttgarter Literaturfestival in den kommenden Tagen hat sie unter das Motto „Über Leben“ gestellt. Ein Gespräch über den Beitrag der Literatur dazu.

Frau Haratischwili, lassen Sie uns kurz auf die Gesamtlage blicken. Was bedeutet für Sie das Kriegsende vor achtzig Jahren, dessen in diesen Tagen gedacht wird?

Ein Krieg endet, ein anderer beginnt. Das Makabre an unserer Welt ist, dass der Frieden immer mit einem Krieg woanders einhergeht. Daran hat sich nichts geändert. Und gerade in der aktuellen Weltlage, der Wiederkehr des Imperialismus, der populistischen Mobilmachung und dem allgemeinen Rechtsruck, hat man das Gefühl, dass die Vergangenheit doch nie wirklich ganz vergangen ist.

Sie erzählen in Ihren Romanen und Stücken vom Ringen, dem Teufelskreis der Geschichte zu entkommen. Im Moment scheint er sich eher wieder zu schließen.

Ich war gerade für zwei Wochen in Georgien. Die politische Lage dort ist im Moment absolut desaströs. Die verzweifelten Leute gehen auf die Straße und demonstrieren, es ist eine eigenartige Stimmung – wie ein Déjà-vu. Längst überwunden Geglaubtes ist plötzlich wieder da.

Als Georgien vor einigen Jahren Gastland der Frankfurter Buchmesse war, sah es so aus, als würde das Land die alten sowjetischen Muster hinter sich lassen. Warum treten diese jetzt wieder hervor?

Die Methoden und das Vorgehen tragen ganz klar eine russische Handschrift, diesmal nicht mit Kalaschnikows oder Panzern, sondern mithilfe der eigenen Regierung. Das ist besonders bitter. Mir tut das wahnsinnig leid für all die Menschen, die seit 1989 so viel geopfert haben für den Kampf um Freiheit und ein menschenwürdiges Leben. Jeder Zentimeter, den man in Richtung Demokratie und Freiheit gerückt ist, musste in Georgien sehr teuer erkauft werden. Für mich fühlt es sich an, als würde man all das jetzt nehmen und eigenhändig auf den Müll werfen. Das macht einen ohnmächtig und fassungslos.

Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund in Deutschland das Erstarken einer vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Partei?

Das ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen, auch wenn es sich hier aufgrund der Geschichte noch einmal anders ausnimmt. Aber wir erleben Ähnliches ja gerade überall. Bevor man nun anfängt, nur auf die anderen zu schimpfen, sollte man vielleicht auch einmal auf die eigenen Fehler schauen.

Nämlich?

Ich glaube, man hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu sehr in der eigenen Bubble eingerichtet und den Kontakt zu dem anderen Teil der Gesellschaft verloren – das ist der, der heute diese rechtsextreme Partei wählt. Die Gesellschaft ist vielerorts extrem gespalten, viele sehnen sich nach den einfachen Antworten, die solche Parteien versprechen, auch wenn sie nichts zu bieten haben. Wir müssen unser eigenes Scheitern hinterfragen. Ab wann ist die Demokratie für so viele Menschen unattraktiv geworden? Wir haben jetzt in Deutschland vier Jahre Zeit, das Lenkrad wieder ein bisschen in die richtige Richtung zu drehen.

Aber steht die grassierende Unzufriedenheit wirklich im Verhältnis zu den realen Umständen? Warum gibt man hier so leichtfertig preis, um was man in Georgien verzweifelt kämpft?

Es stimmt, Deutschland geht es im Vergleich sehr gut. Trotzdem fühlen sich viele abgehängt, vor allem im Osten. Möglicherweise hat man sich in letzten Jahren zu viel mit Nichtigkeiten beschäftigt, mehr mit Problemen politischer Korrektheit als mit solchen politischen Handelns. Da ist eine Kluft entstanden, in der sich eine gefährliche Sehnsucht nach Machern ausgebreitet hat, nach „starken Männern“. Mit welchen schlimmen Folgen sieht man gerade in den USA. Aber so lange die Demokratie noch funktioniert, sollte man die Chance nutzen, sich mit unterschiedlichen Positionen auf einer rationalen Ebene auseinanderzusetzen, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Verschiedenes zusammenbringen – das gilt auch für das Stuttgarter Literaturfestival, dessen Programm Sie verantworten. Was kann Literatur zu diesem Prozess der Verständigung beitragen?

Ich bin mittlerweile nicht mehr so naiv zu glauben, Literatur könnte präventiv irgendetwas abwenden oder verhindern. Es gibt durch die ganze Geschichte hindurch so viele wunderbare Bücher. Leider haben sie die Menschen nicht abgehalten, Unmenschliches zu tun. Dennoch glaube ich, dass Literatur uns die Augen für das öffnen kann, was in der Welt geschieht, auch dort, wo man bisher weniger hingeschaut hat. Jedes Buch schlägt eine Brücke des Dialogs. Ein Festival wie dieses bietet die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, ob man die gleichen Auffassungen teilt oder nicht, und das ist ein wunderbarer Impuls.

Mit „Über Leben“ haben Sie ein Motto gewählt, dass man so oder so lesen kann. Was wollen Sie zeigen?

Mir ging es darum, einerseits den bedenklichen Zustand der Welt nicht zu verschleiern, aber andererseits nicht komplett in Schockstarre zu verfallen: Dass man nicht nur darauf gestoßen wird, wie schrecklich alles ist, sondern auch auf das, was einen am Leben hält und glücklich macht. Zwischen diesen Polen changiert das Motto. Ich habe in den düstersten Phasen, 2008 während des Krieges in Georgien, immer auch empfunden, wie in solchen Momenten plötzlich der größte Lebenswille erwacht. Und genau das will ich widerspiegeln, in den verschiedensten Gattungen und Formaten.

Als Eröffnungsredner haben Sie den polnischen Schriftsteller Szczepan Twardoch eingeladen. Was verbindet Sie mit ihm?

Er ist eine der wichtigsten Stimmen in diesen Ost-West-Problematiken, vor allem seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine. Szczepan Twardoch wendet sich bewusst gegen westliche Erklärungsmodelle, die den wahren Charakter von Putins Russland immer noch nicht realisieren wollen. Ich bin auf seine Eröffnungsrede sehr gespannt. Auch die finnische Autorin Sofi Oksanen setzt sich mit dem System Putin auseinander, seinem Krieg gegen die Frauen, in dem sexualisierte Gewalt eine tragende Rolle spielt. Aber es gibt eben auch die Lyriknächte, die die Schönheit der Sprache feiern, eine Kochliteratur-Schau, Diskussionsabende über Liebe und Populismus, eine Dance-Party mit georgischen DJs und vieles mehr. Es soll ein Fest der Lebensfreude werden.

Info

Kuratorin
Nino Haratischwili, 1983 in Tbilissi/Georgien geboren, floh als Kind vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Ihr vielfach ausgezeichnetes Werk kreist um die Frage, wie die postsowjetischen Staaten zu dem wurden, was sie sind.

Festival
Vom 14. Mai an steht Stuttgart zum zweiten Mal zehn Tage lang ganz im Zeichen der Literatur. Unter dem Motto „Über Leben“ treffen Repräsentanten der internationalen Literatur auf vielfältigste Initiativen lokaler Akteure. Eröffnet wird das 2. Stuttgarter Literaturfestival am 14. Mai um 19 Uhr im Literaturhaus mit einer Rede des polnischen Autor Szczepan Twardoch. Zu den Gästen gehören Autorinnen wie Sofi Oksanen. Ausgewählte Projekte zeigen einen Querschnitt des reichen literarischen Lebens in der Stadt, darunter Workshops, ein Literatur-Wrestling und alle Arten von Lesungen an unterschiedlichsten Orten. Das umfangreiche Kinder- und Jugendprogramm wurde von Chantal-Fleur Sandjon kuratiert. Das Festival endet am 24. Mai mit Blütenrausch, dem Markt der unabhängigen Verlage, und einer ukrainisch-georgischen Nacht der Poesie. Das gesamte Programm gibt es hier.