So schön kann ein Literaturgespräch sein: Nino Haratischwili (links) und die Moderatorin Nicola Steiner. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Nino Haratischwili gehört zu den profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen unserer Zeit. Zum Abschluss der Esslinger Literaturtage stellte sie im Gespräch mit Nicola Steiner ihren neuen Roman „Die Katze und der General“ vor, und sie bescherte der LesART damit ein fulminantes Finale.

EsslingenEs gibt Autoren, die bei der LesART derart bleibenden Eindruck hinterlassen, dass man ihr nächstes Buch kaum erwarten kann. Die Romanautorin, Dramatikerin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili ließ vor vier Jahren mit ihrem Familienepos „Das achte Leben“ aufhorchen. Und viele, die sie damals in Esslingen erlebt haben, wollten auch diesmal dabei sein, als die in Tiflis geborene Autorin zum Abschluss der Literaturtage ihren neuen Roman „Die Katze und der General“ in der WLB vorstellte. Mag sein, dass die Meinungen über ihr neues Werk unter Kritikern geteilt sind. Eines ist jedoch gewiss: Einen LesART-Abend wie diesen erlebt man nicht alle Tage. Eine interessante Autorin, ein spannendes Buch und eine Moderatorin Nicola Steiner, die Nino Haratischwili mit charmanter Selbstverständlichkeit wirken ließ, um mit ebenso klugen wie wohl gesetzten Fragen herauszuarbeiten, was diesen Roman so außergewöhnlich macht, bescherten dem Festival ein fulminantes Finale. Und am Ende gingen die meisten mit dem Gefühl nach Hause, dass Literatur wohl nie ihren Reiz verlieren wird, wenn sie mit so viel Herz und Verstand präsentiert wird.

„Die Katze und der General“ (Frankfurter Verlagsanstalt, 30 Euro) ist kein einfacher Roman. Allein der stattliche Umfang von 763 Seiten nötigt manchem Respekt ab. Nach den 1300 Seiten über „Das achte Leben“ wollte sich Nino Haratischwili diesmal auf etwa 300 Seiten beschränken. „Doch beim Schreiben diktieren mir das Thema und die Figuren die Form und Länge des Buchs. Mein Interesse wird immer größer, und ich muss mich dem fügen. Das Knappe liegt mir nicht“, verriet sie augenzwinkernd. Doch wer sich darauf einlässt, wird dieses Buch so rasch nicht wieder weglegen, weil sich die Autorin wie nur wenige auf die hohe Kunst versteht, Geschichten zu erzählen. Und weil sie selbst einer so tragischen Geschichte wie dieser immer noch Momente der Leichtigkeit abzugewinnen vermag.

Dass „Die Katze und der General“ beim Schreiben immer umfangreicher wurde, ist einer Geschichte geschuldet, die sich in ihrer Komplexität einem einfachen Zugang verschließt. Eine Reportage der (später ermordeten) russischen Journalistin Anna Stepanowna Politkowskaja aus dem Tschetschenienkrieg hat Nino Haratischwili zu ihrer Geschichte inspiriert: Die 17-jährige Nura lebt 1995 in einem tschetschenischen Dorf und träumt von einem glücklichen Leben. Doch als der Krieg und damit die Barbarei in ihre Idylle eindringt, zerschellen Nuras Träume an der brutalen Realität. Eine Armee-Einheit, die sich im Dorf erholen soll, steigert sich in einen Rausch der Gewalt – am Ende bleibt eine große ungesühnte Schuld. Einer der Soldaten ist Alexander Orlow, den alle „General“ nennen. Eigentlich ist er ein Schöngeist, doch der Krieg macht auch ihn zum Tier. 20 Jahre später ist Orlow zum Oligarchen aufgestiegen und lebt in Berlin, doch die damaligen Ereignisse lassen ihn nicht mehr los. Weil er mit der Schuld nicht leben kann und weil die offiziellen Instanzen Sühne verweigern, nimmt er die Abrechnung selbst in die Hand. Helfen soll ihm dabei eine junge georgische Schauspielerin, „die Katze“ genannt, die Nura verblüffend ähnlich sieht ...

„Mich hat die Frage interessiert, wie junge Menschen mit ganz normalen Träumen, Hoffnungen und Idealen zu solchen Taten fähig sein können“, sagt Nino Haratischwili. „Um zu zeigen, dass man es in diesem Fall nicht mit Psychopathen zu tun hat, sondern mit Menschen, denen man jeden Tag auf der Straße begegnen kann, musste ich mehr biografisches Material liefern. So wurde der Roman immer umfangreicher.“ Denn es geht nicht allein um die Geschichte und ihre Figuren, sondern um universelle Fragen von philosophischer Tiefe – etwa um Schuld und Sühne und darum, wie jemand weiterleben kann, der solche Schuld auf sich geladen hat. „Mich reizen Menschen aus Fleisch und Blut in all ihrer Ambivalenz und Brüchigkeit “, verrät die Autorin.

Nino Haratischwili erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Zeit-Ebenen. Und wie behält sie ob dieser komplexen Konstellationen beim Schreiben überhaupt den Überblick? „Manche denken, Autoren würden ihre Figuren wie auf dem Schachbrett hin und her schieben. Tatsächlich gebe ich beim Schreiben die Kontrolle ab. Jede Geschichte hat ihre innere Logik, und der muss ich folgen, ob ich will oder nicht. Und je näher ich meinen Figuren komme, desto mehr entwickeln sie ein Eigenleben. Oft weiß ich noch nicht mal, was auf der nächsten Seite passieren wird.“ Doch am Ende fügt sich in ihren Romanen alles stets zu einem großen und stimmigen Ganzen, dessen Faszination sich der Leser nicht zu entziehen vermag. Schon deshalb freuen sich viele bereits auf Nino Haratischwilis nächsten LesART-Auftritt.

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