„Auf der Burg haus’ ich am Berge, / Unter mir der blaue See“: Die phantastische Lage der Meersburg mit ihrem Alpenpanorama inspirierte Annette von Droste-Hülshoff zu ihren berühmtesten Gedichten. Foto: Burg Meersburg GmbH Quelle: Unbekannt

Von Martin Mezger

Tipps für meersburg und die besichtigung der burg

Anreise: Mit dem Auto ist Meersburg von Esslingen aus am schnellsten über die A 8 bis zum Stuttgarter Kreuz und von dort auf der A 81 zu erreichen. Vom Autobahnkreuz Hegau führt die Route über die A 98 Richtung Lindau bis zur Ausfahrt Stockach Ost, weiter auf der B 31. Bei Oberuhldingen zweigt die Landesstraße nach Meersburg ab. Die Fahrzeit für die 200 Kilometer lange Strecke beträgt gut zwei Stunden - wenn kein Stau dazwischenkommt. Mit der Bahn führt der Weg über Friedrichshafen (Direktverbindung mit dem IRE ab Esslingen, empfehlenswert ist das günstige Baden-Württemberg-Ticket). Ab Friedrichshafen mit dem Bus nach Meersburg. Die Fahrt dauert etwas über drei Stunden.

Parken in Meersburg: In der Meersburger Altstadt beziehungsweise unmittelbar an deren Rand gibt es nur sehr wenige Kurzparkplätze. Daher empfiehlt sich einer der Großparkplätze, zum Beispiel bei der Autofähre nach Konstanz. Von den etwas weiter entfernten (und weniger stark frequentierten) Parkplätzen gibt es Pendelbus-Verbindungen ins Stadtzentrum. Die Altstadt selbst ist für den allgemeinen Verkehr fast vollständig gesperrt.

Öffnungszeiten und Führungen: Die Burg Meersburg ist von März bis zum ersten Novemberwochenende täglich von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet (letzter Einlass: 18 Uhr), in der übrigen Zeit von 10 bis 18 Uhr. Für eine Besichtigung sollte man zwei Stunden veranschlagen. Der Eintritt kostet für Erwachsene 12,80 Euro, für Kinder ab sechs Jahren acht Euro, für Jugendliche ab 14 Jahren zehn Euro. Ermäßigungen gibt es für Familien, Gruppen, Senioren und Studenten. Die Burg befindet sich in Privatbesitz. Mit dem Eintrittspreis wird die Erhaltung mitfinanziert. Angeboten werden empfehlenswerte Themenführungen ohne Aufpreis, etwa zu Essen und Trinken im Mittelalter, zum Dagobertsturm mit Besteigung dieses ältesten Burgteils und natürlich zu Annette von Droste-Hülshoff. Wer sich besonders für die Dichterin interessiert, kann an einer Spezialführung teilnehmen. Sie wird nur für Gruppen und auf Anfrage gemacht (burg.meersburg@t-online.de, Tel. 07532/80 000).

Wer hier die Nase an die Fensterscheibe drückt, könnte Folgendes sehen: „Alle Zacken der Alpenreihe rot wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, andre Male der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldnen Saum.“ So hymnisch wird man als normaltouristisch verzückter Nachbetrachter die Impression von Schweizer Alpenpanorama und glitzerblankem See nicht formulieren können. Das blieb jener Dichterin vorbehalten, die das alte Gemäuer hoch über dem Bodensee zum literarischen Heiligtum adelte. Hier, in der Burg Meersburg, hat Annette von Droste-Hülshoff ab 1841 einen Großteil ihres Lebens verbracht, hier reifte die nicht mehr junge Frau - sie war 44 Jahre alt zu Beginn ihres ­ersten Aufenthalts - zur bedeutendsten deutschen Lyrikerin des 19. Jahrhunderts, hier starb die 51-Jährige 1848. In einer Art Dauerinspiration schrieb sie im Turmzimmer neben dem Burggarten - im Blick die grandiose Aussicht - ihre berühmtesten Gedichte: Sprachbilder der Bodensee-Landschaft („Auf der Burg haus’ ich am Berge, unter mir der blaue See“), den Balladenzyklus „Heidebilder“ über Stoffe aus ihrer westfälischen Heimat und anderes.

Droste-Hülshoff, aus altem westfälischem Adel stammend, brauchte offenbar Distanz, Sehnsuchtsorte, die „schöne, schöne Gegend“ am See, um zu kreativer Hochform zu finden. Sie war von sensiblem und reizbarem Naturell, kränkelnd von ihrer zu frühen Geburt an, dennoch nicht nur zarte Musentochter, sondern konnte eigenwillig bis zum Geltungssüchtigen sein, spitzfindig bis zum Verletzenden - den Märchensammler Wilhelm Grimm stieß „das Vordringliche und Unangenehme in ihrem Wesen“ ab. Sie war - mit anderen Worten - eine Frau in einer männerdominierten Gesellschaft, in einer halbwegs liberalen, gleichwohl auf Etikette bedachten Familie. Sie eckte an, um sich zu behaupten, offene Rebellion war ihr fremd. Freiräume erschloss ihr das „Zauberwort“, die Poesie.

Abgeschieden und doch in Sichtkontakt mit Natur und Welt fand sie auf der Meersburg den ihr gemäßen Ort. Dabei war sie nicht das einsame Burgfräulein auf seinem Söller, zu dem sie ein Klischee stempelte, sondern - der Geselligkeit keineswegs abhold - eine Enttäuschte. Enttäuscht werden sollte sie, nach allem Hochgefühl, auch am Bodensee. Wie das kam, könnte einer ihrer Balladenstoffe sein.

Zweisamkeit mit „Seelenfreund“

Die Burg Meersburg, einer Chronik von 1548 zufolge von Merowingerkönig Dagobert I. im siebten Jahrhundert erbaut und später erweitert, fiel nach der Säkularisation von 1802 an das Großherzogtum Baden, das sie 1838 an den Mittelalterforscher Joseph von Laßberg verkaufte - den Schwager Annette von Droste-Hülshoffs, der dort mit Familie seinen Wohnsitz nahm. Nach mehreren Einladungen reiste Annette 1841 erstmals an, gefolgt von Levin Schücking, ihrem 17 Jahre jüngeren „Seelenfreund“. Offenbar hoffte man auf intime Zweisamkeit, ungetrübt von „fatalem Klatsch“. Gekränkte Gefühle nach der Glücksepisode sprechen jedenfalls dafür, dass „Mütterchen“ und ihr „kleines Pferdchen“ bei aller Seelenfreundschaft schon auch mal Hoppereiter machten. Doch was die beiderseitigen Kosenamen sanft verkleiden, kündigt sich der Dichterin in ihrem sonst so heiteren Gedicht „Die Schenke am See“ düster an: „Schon fühl ich an des Herbstes reichem Tisch / Den kargen Winter nahn auf leisen Socken“. Herbst und Winter, eigenes Alter und Altern, ahnt sie als Gefahr für ihre Beziehung. Ein Jahr später verlobt sich Schücking mit der jungen Schriftstellerin ­Louise von Gall, eine Schmähung setzt er noch oben drauf: In seinem Roman „Die Ritterbürtigen“ muss sich die einstige Freundin als Intrigantin wiedererkennen, die Ehepläne eines Freundes hintertreibt.

Annettes tiefe Enttäuschung rührte wohl an ein nie verwundenes Jugenderlebnis, als ihr durch ein boshaftes Ränkespiel eine Liebe zerstört wurde. Es hat daher seinen Erfahrungsgrund, wenn sich in ihrer Lyrik das Interesse an den dunklen Seiten des Seins mit einer psychologisch nuancierten Angst mischt, die in menschlicher Entfremdung und den Abgründen zwischen Niedertracht und Leidenschaft wurzeln mag. Objektiviert wird solche Subjektivität im Realismus des Gehalts, in einer dichterischen Sprache, die mit zuvor nicht gekanntem Facettenreichtum die Intensität von Stimmungen, die Dämonie von Natur und Menschenwerk als Spiegelung des Seelischen einfängt. So verwandelt sich auch die Meersburg - eben nicht nur Ort lyrischer Beschaulichkeit - zur unheimlichen Außenwelt einer gefährdeten Innenwelt, deren poetische Bewohnerin sich „wie ein Geist am Runenstein“ fühlt, wo todesmetaphorisch „mir genüber gähnt die Halle, / Grauen Tores, hohl und lang“.

„Fremdes und mildes Licht“

Man kann dem bestens nachfühlen, wandelt man durch die Gelasse, Gänge und Säle. Bis hin zu jenem tiefen Schacht, der „mich lockt wie ein Verhängnis“: ein Brunnen? Ein Gefängnis?, fragt sich die Dichterin. Nun, beim Rundgang passiert man, nicht allzu weit von den Droste-Räumen, das sogenannte Angstloch, durch das Gefangene mit einem Seil in ein neun Meter tiefes Verließ hinabgelassen und dort dem Hungertod preisgegeben wurden. Nah am Grauen, nah am Angstloch gebaut: eine ­Real-Metapher für Drostes Lyrik. Überirdischen Trost spendet da, nach allen Sonnenuntergängen, der „Mondesaufgang“ über dem Bodensee, dessen Anblick Schuldgefühle, Strafphantasien und Ängste tilgt. „O Mond, du bist mir wie ein später Freund“, heißt es in den Versen. „Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, / ein fremdes, aber o ein mildes Licht.“

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