Der Neuzugang Waldemar Anton ist in der Defensive auf verschiedenen Positionen einsetzbar – aber nicht nur das macht den 24-Jährigen für den VfB Stuttgart besonders wertvoll.
Stuttgart - Noch vor einem Jahr hätte Waldemar Anton dreimal so viel gekostet. Zwölf Millionen Euro standen im Raum, als der FSV Mainz 05 im vergangenen Sommer um den Defensivspieler buhlte. Auch Clubs aus der französischen Ligue 1 fragten bei Hannover 96 an, und Lokomotive Moskau lockte ebenfalls mit viel Geld. Doch die Niedersachsen ließen ihr Eigengewächs nicht ziehen, da sie nach dem Bundesliga-Abstieg ihr neues Team um Anton herum bauen wollten.
Daran hatte sich eigentlich nichts geändert, weshalb der 96-Coach Kenan Kocak noch vor Kurzem den 24-Jährigen als unverkäuflich bezeichnete. Doch rund um den Maschsee kommt vieles anders, als es ursprünglich gedacht war. Anton hatte bereits die Zusage von Clubchef Martin Kind, gehen zu können, wenn nur die Ablösesumme stimmt – und jetzt sitzt er in den Trainingsklamotten des VfB Stuttgart auf dem Vereinsgelände an der Mercedesstraße und wird als erster Neuzugang präsentiert. Für nur noch vier Millionen Euro während der Corona-Pandemie geholt.
In der Kabine ruhig, auf dem Platz laut
Eine Zahl, die den einstigen Mathe-Abiturienten nicht belastet. Anton ist ein höflicher, ruhiger Mensch, der nicht viel Aufhebens um seine Person macht. Jedenfalls nicht außerhalb des Platzes. Dagegen ist der Rasen sein Revier. „Ich bin in der Kabine sicher etwas ruhiger, aber auf dem Platz ist es egal, ob man eine Woche oder fünf Jahre dabei ist – da sind Kommandos extrem wichtig. Darum versuche ich, auf dem Platz voranzugehen“, sagt der Mann, der künftig die Rückennummer 2 trägt.
Eine Bedeutung hat diese Wahl nicht. Die Zwei war eben frei, und Anton sieht sich als Abwehrspieler. Allerdings wurde er vor allem deshalb verpflichtet, weil er im hinteren Bereich viele Positionen einnehmen kann: in der Dreierkette, in der Viererkette und im defensiven Mittelfeld. „Ich liebe alle diese Positionen“, sagt Anton, der als Kind beim Mühlenberger SV im Sturm anfing. Nach seinem frühen Wechsel zu Hannover 96 wurde er zum Innenverteidiger umgeschult, später zum Sechser weiterentwickelt.
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„Ich kenne also fast jede Position“, sagt Anton über seine Variabilität. Diese Vielseitigkeit schätzt Pellegrino Matarazzo an der Neuverpflichtung. Denn sie eröffnet ihm taktische Möglichkeiten ohne großen Qualitätsverlust. Polyvalente Spieler werden Typen wie Anton im Fachjargon genannt. Sie sind dann zwar nicht immer der Traum eines jeden Trainers, aber alle Trainer wissen solche Profis gerne in ihren Reihen. Zumal wenn sie wie Matarazzo höchsten Wert auf Flexibilität legen.
In Wataru Endo und Atakan Karazor verfügt der VfB über weitere Spieler mit ähnlichen Anlagen im Kader. Auch sie können nahezu problemlos die eigene Defensivposition wechseln oder zwischen verschiedenen Systemen hin- und herschalten. Diese Eigenschaften gehören zum Anforderungsprofil. „Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen den Aufgaben als Innenverteidiger und als Sechser im Mittelfeld“, sagt Anton.
Erste Eindrücke von Stuttgart
Auf beiden Posten geht es darum, die Mannschaft zu stabilisieren. Auf beiden Posten ergeben sich viele Ballaktionen. Doch während er beim Spiel aus der Abwehr heraus keine Gegner im Rücken hat, benötigt er eine Reihe davor einen vollumfänglichen Radar. Denn die Attacken erfolgen von überall. Anton gilt jedoch als ballsicher und robust. 1,89 Meter ist er groß und hat schon 130 Erst- und Zweitliga-Einsätze (fünf Tore) absolviert. Meist war der U-21-Europameister von 2017 dabei als Sicherheitsbeauftragter seiner Elf gesetzt. Nur in der Abstiegssaison 2018/19 lief es nicht gut für ihn. Der einst jüngste Kapitän der Bundesliga-Geschichte musste die Spielführerbinde später wieder abgeben.
Verarbeitet, weil sich Anton nicht wichtiger nimmt als die Mannschaft. In Stuttgart sucht er eine neue Herausforderung. „In den Gesprächen mit den Verantwortlichen des VfB habe ich viel Vertrauen gespürt“, sagt Waldemar Anton, der in Usbekistan als Wladimir geboren wurde und von seinen Eltern Wowa genannt wird. Für vier Jahre hat er unterschrieben und seine ersten Eindrücke sind positiv. „Die Stadt ist nicht zu groß und hat wunderschöne Ecken“, sagt der junge Familienvater, der beim VfB schon bald seinen wahren sportlichen Wert beweisen will.