Kürzlich noch Gegenspieler beim Duell zwischen Deutschland und der Schweiz, bald Teamkollegen beim VfB: Fabian Rieder (re.), Maximilian Mittelstädt Foto: imago/Jan Huebner

Der Neuzugang des VfB Stuttgart spricht über seinen ungewöhnlichen Transfer mitten in der heißen Phase der Fußball-EM.

Zu den gängigsten Floskeln von Fußballprofis gehört es, sich „jetzt erst einmal voll auf die Nationalmannschaft zu konzentrieren“. Immer dann zu hören, wenn sommers mal wieder Transfergerüchte laut werden und parallel ein großes Turnier ansteht. Womit die Herren Fußballprofis suggerieren, in den kommenden Wochen nichts, aber auch wirklich nichts anderes im Kopf zu haben als den Erfolg mit ihrer Nationalelf. Was natürlich Quatsch ist.

Siehe Fabian Rieder. Ziemlich unverblümt hat der Neuzugang des VfB Stuttgart am Dienstag darüber gesprochen, wie das so lief mit seinem Wechsel zum Club aus Cannstatt. Im Kreise seiner Schweizer Nationalmannschaftskollegen, mittendrin zwischen erfolgreicher Gruppenphase und dem bevorstehenden Achtelfinale gegen Italien am Samstag (18 Uhr) in Berlin. Eine spezielle Art der Doppelbelastung also. „Man kann die Sachen nicht immer so steuern“, sagte er im Teamquartier der Schweizer in Degerloch fast ein wenig entschuldigend. „Der Fußball ist nun mal ein sehr lebendiges Business.“

Eingefädelt wurde der Transfer schon im vergangenen Winter

Und der Transfermarkt schläft bekanntlich nie. Eingefädelt wurde der Transfer laut Rieder bereits im vergangenen Winter. Schon damals stand ein Leihgeschäft im Raum, was sich aber nicht realisieren ließ, weil der 22-Jährige erst im Sommer 2023 für 15 Millionen Euro von Young Boys Bern zu Stade Rennes gewechselt war. Die Regularien ließen eine Leihe nicht zu.

Der VfB in Person von Sportdirektor Fabian Wohlgemuth und Trainer Sebastian Hoeneß blieb aber dran. „Sie haben sich sehr um mich bemüht“, sagt Rieder. Nach Spielen hätten sie immer wieder seinem Berater geschrieben und dem vielseitig einsetzbaren offensiven Mittelfeldspieler eine langfristige Perspektive aufgezeigt.

Der dreifache Schweizer Meister mit den Young Boys fand Gefallen an der Idee. Zumal es in Rennes für ihn unter anderem wegen eines Mittelfußbruchs nicht besonders lief. In der vergangenen Saison musste sich Rieder meist mit der Jokerrolle begnügen. Der Kontakt zum VfB riss nie ab – und wurde rund um die EM richtig eng. Da auch andere Clubs stark interessiert waren, unter anderen Borussia Mönchengladbach, entwickelte sich ein echter Transferpoker. Es kam zu mehreren langen Gesprächen mit Wohlgemuth und Hoeneß.

Jetzt will sich Rieder voll und ganz auf die EM mit der Schweiz konzentrieren

Praktischerweise residiert die Schweiz während der EM in Stuttgart. Vor dem Spiel gegen Schottland wurde die Sache heiß. „Ich habe meinem Berater vor dem Spiel gesagt, ich will nichts wissen. Nach dem Abpfiff hat er mir dann gesagt, dass die Sache durch ist. Ich war richtig happy“, berichtete Rieder mit einem Lächeln. Und wirkte vor allem: erleichtert. Zumindest für ein Jahr bindet sich Rieder an den Vizemeister. Anschließend besitzt der Verein eine Kaufoption.

Viel länger hätte sich die Sache aber nicht hinziehen dürfen. Jetzt, da das Turnier in die heiße Phase geht. Dass die Verhandlungen über einen Vereinswechsel mitten in der EM Rieders Leistungen abträglich waren, lässt sich indes nicht behaupten. Der Berner machte im offensiven Mittelfeld beim 1:1 gegen Deutschland ein gutes Spiel.

Voller Zuversicht blickt er nun aufs Achtelfinale gegen die Italiener: „Mit ihnen muss man natürlich immer rechnen. Aber wir haben auch eine starke Mannschaft und müssen uns gewiss nicht verstecken.“ Für sich persönlich sieht Rieder durch den Wechsel mitten im EM-Trubel sogar positive Energien freigesetzt: „Das ist ja nichts Negatives, sondern etwas sehr Schönes. Ich bin sicher, dass es mir noch einmal einen Push gibt.“

Im Achtelfinale gegen Italien

In den kommenden Tagen – und gerne noch länger – gilt sein Fokus aber wirklich voll und ganz der EM. Und das ist keine Floskel. „Wir wollen hier noch viel erreichen“, sagt Rieder. „Wir sind ein super Team mit geilen Typen.“ Von denen einige den VfB gut kennen und den Neu-VfBler in seiner Entscheidung bestärkt haben: Steven Zuber, Gregor Kobel und Leonidas Stergiou. Sie alle hätten ihm nur Gutes über den Verein berichtet, sagt Rieder. „Vor allem über die überragende Stimmung.“

Nun hofft auch Fabian Rieder, sein Glück in Stuttgart zu finden. Während der EM und darüber hinaus. Dass er mit Doppelbelastungen gut umgehen kann, hat er zumindest schon einmal bewiesen.