Langläufer Johannes Hösflot Kläbo gewinnt mit der norwegischen Staffel auch das vierte Olympia-Rennen. Mit neun Goldmedaillen ist er nun der erfolgreichste Winter-Olympionike.
Der Sieg der norwegischen Langlauf-Staffel war so sicher wie kein anderer bei diesen Olympischen Winterspielen. Und trotzdem lieferte der Lauf zu Gold, als er am Sonntag Realität wurde, Bilder für die Ewigkeit. Denn als Johannes Hosflöt Kläbo (29) mit einem entspannten Lächeln und hoch erhobenen Armen die Zielgerade hinunterglitt, feierte er ja nicht nur den Triumph der Staffel. Sondern ein bisschen auch sich selbst.
Der norwegische Langläufer hat nun bei Winterspielen neun Goldmedaillen geholt, so viele wie sonst niemand. Er ist vor seinen Landsleuten Marit Björgen, Ole Einar Björndalen und Björn Dählie der erfolgreichste Olympionike der Geschichte auf Eis und Schnee. Und noch viel mehr. Johannes Hösflot Kläbo steht spätestens jetzt auf einer Stufe mit anderen Weltstars des Sports – mit Radprofi Tadej Pogacar, mit Turnerin Simon Biles, mit Stabhochspinger Armand Duplantis. „Das Niveau, das er zeigt, ist einfach verrückt“, sagt Einar Hedegart über seinen Teamkollegen, an dessen Seite er Staffel-Olympiasieger wurde, „wäre der Langlauf weltweit nur ein bisschen prominenter, er wäre der Allergrößte des Sports.“ Auch wenn er das nie von sich behaupten würde.
Kläbo: „Ich versuche nur, mein Bestes zu geben“
In der ersten Olympia-Woche hat Johannes Hösflot Kläbo im Langlaufstadion von Tesero alle vier Rennen gewonnen. Als er nach seinem Erfolg im Zehn-Kilometer-Wettbewerb von einem Journalisten darauf angesprochen wird, dass ihn seine Trainer als „stärksten Langläufer überhaupt“ und „absolute Ausnahmeerscheinung“ bezeichnet haben, sagt er dazu lediglich ein Wort: „Danke!“ Erst später, als es um die Gründe für seine überragenden Erfolge geht, fügt er noch hinzu: „Ich versuche nur, mein Bestes zu geben.“ Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht.
Unsere Spurensuche im Schnee beginnt bei Svein Bergheim. Er kommt aus Kristiansand, einer Stadt im Süden von Norwegen. In Tesero ist er mit Fellmütze, Wikingerhörnern und vielen norwegischen Flaggen auf der Jacke eine schillernde Erscheinung. „Für alle anderen muss ziemlich langweilig sein, was Kläbo macht“, sagt er, „ich finde es großartig. Er ist ein extrem harter Arbeiter, das steckt hinter seinem Erfolg.“ Mehr nicht? „Mehr nicht!“
Der PR-Wert des Dominator Johannes Hösflot Kläbo
Wer sich bei Peter Schlickenrieder nach Johannes Hösflot Kläbo erkundigt, braucht schon etwas mehr Zeit. Denn der Langlauf-Bundestrainer, selbst ein perfekter Verkäufer seiner Sportart, weiß natürlich, welchen PR-Wert ein 15-maliger Weltmeister besitzt, der bei der Heim-WM 2025 in Trondheim alle sechs Goldmedaillen abgeräumt hat und dieses Kunststück nun bei den Olympischen Spielen wiederholen könnte. Also spricht er gerne über den Star, von dessen Ausstrahlung alle profitieren. „Er ist“, sagt Schlickenrieder, „ein Künstler auf Skiern.“ Für dessen Dominanz es viele Gründe gebe.
Da ist zunächst die Familie. Mit zwei Jahren bekam Johannes Hösflot Kläbo von seinem Großvater zu Weihnachten das erste Paar Ski geschenkt. Kare Hösflot war in der Karriere seines Enkels von Beginn an der wichtigste Begleiter. Als Coach und als Ratgeber. Noch heute schreibt der Opa, mittlerweile 83 Jahre alt, die Trainingspläne für den Superstar, er ist weiterhin die Bezugsperson schlechthin und auch in Tesero dabei. Daneben hat Johannes Hösflot Kläbo auch die Vorzüge des norwegischen Systems genossen.
Die besondere Sportkultur in Norwegen
Im Sport kennt das skandinavische Land keine Nachwuchssorgen. 80 Prozent der Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sind in Vereinen aktiv. Im Jugendbereich geht es vor allem um Spiel und Spaß, nicht um Siege. Eine Spezialisierung erfolgt erst spät, auch Wettkämpfe werden erst in höherem Alter wichtig. „Die Norweger haben eine ganz eigene Sportkultur entwickelt. Es wäre schwer, eine Gesellschaft auf ein solches sportliches Konzept auszurichten, so etwas muss wachsen“, sagt Peter Schlickenrieder, „in Norwegen hat jeder das Recht auf tägliche Sportstunden, kann sich dabei breit aufstellen. Dazu kommt der viele Schnee. Bis zu seinem 25. Lebensjahr hatte Kläbo auf Skiern zweimal öfter die Welt umrundet als ein Athlet in Deutschland. Und zugleich gibt es im ganzen Langlauf-Feld keinen besseren Fußballer als ihn.“
Dazu passt, dass der Norweger in der Loipe einen ganz eigenen Stil erfunden hat. Er läuft Berge nicht einfach hinauf, er rennt sie nach oben. Und das in einer so hohen Frequenz, dass man meinen könnte, der TV-Regisseur habe die Übertragungsgeschwindigkeit verdoppelt. Diese selbst erarbeitete Fähigkeit machte ihn zu Beginn seiner Karriere zu einem herausragenden Sprinter, doch er hat sich stetig weiterentwickelt. Mittlerweile ist Johannes Hösflot Kläbo über sämtliche Distanzen nahezu unschlagbar. Was auch mit seinem Streben nach Perfektion zu tun hat.
Intensives Höhentraining
Kein anderer Langläufer hat sich so akrabisch mit dem Thema Höhentraining auseinandergesetzt. Kläbo und sein Großvater haben experimentiert, wissenschaftliche Daten ausgewertet, neu variiert. Und so den für ihn persönlich optimalen Plan entwickelt. „Alles, was er tut, macht er mit einer brutalen Konsequenz, auch das Höhentraining“, sagt Peter Schlickenrieder über den Mann, der auch vor den aktuellen Winterspielen länger als vier Wochen in den USA war, um sich in der Höhe in Top-Form zu bringen, „durch ihn wird uns täglich vor Augen geführt, welche Potenziale wir nicht ausschöpfen.“ Weshalb sich die Frage, wie glaubwürdig die Leistungen von Kläbo sind, für den Bundestrainer nicht stellt: „Absolut glaubwürdig!“
In der Tat gibt es, trotz seiner unfassbaren Überlegenheit, keinen konkreten Dopingvorwurf gegen ihn. Allerdings immer wieder negative Schlagzeilen über den norwegischen Sport, der offensichtlich mit allen Mitteln um den Erfolg kämpft. Legendär ist die Geschichte von den Winterspielen 2018, als bekannt wurde, dass die Norweger für 121 Athleten 6000 Dosen Asthmamittel im Gepäck hatten. Gar nicht erst in Pyeongchang dabei war Therese Johaug – die Superläuferin saß gerade eine Dopingsperre ab. Der Betrug der norwegischen Skispringer bei der Heim-WM in Trondheim, als Anzüge manipuliert wurden, liegt noch kein Jahr zurück. Biathlet Sivert Guttorm Bakken wurde am 23. Dezember 2025 tot in seinem Hotelzimmer in Südtirol aufgefunden: Er trug eine Maske, mit der das Höhentraining simuliert werden kann (das Ergebnis der Obduktion steht noch aus). Und vor den Winterspielen in Italien gab es Meldungen über eine erstaunlich geringe Anzahl von Dopingkontrollen bei Olympia-Startern – auch aus Norwegen.
Hoher Puls beim Heiratsantrag
Der Name Johannes Hösflot Kläbo fiel dabei nicht. Über ihn gibt es nur die Erzählung, dass er beim Heiratsantrag, den er seiner Freundin Pernille Dosvik im Sommer gemacht hat, einen Puls von 175 Schlägen pro Minute gehabt haben soll – mehr als in den meisten Langlaufrennen. Zugleich ist die Beziehung zu der Studentin ein weiterer Beleg dafür, wie ernst er seinen Sport nimmt. Geht Pernille Dosvik mit Freunden ins Kino, muss sie danach für zwei Tage zu ihren Eltern ziehen – weil ihr Verlobter sicher sein will, sich keine Infektion einzufangen.
Auch im Langlaufzirkus wirkt der Super-Norweger eher isoliert. Er ist weder bei den internationalen Kollegen noch bei den Fans übermäßig beliebt – weil er zu perfekt, zu smart und zu glatt ist, unnahbar wirkt. „Er ist so weit weg von einem selbst, da bekommt man keine Verbindung hin“, sagt auch Bundestrainer Peter Schlickenrieder, „das ist schon fast außerirdisch.“
Es sollte also niemanden verwundern, wenn der erfolgreichste Winter-Olympionike in Tesero auch noch den Teamsprint am Mittwoch und den 50-km-Lauf am Samstag gewinnen würde. Es wäre der nächste Rekord. Sechs Goldmedaillen bei den selben Winterspielen hat noch niemand geholt, die Bestmarke hält bisher US-Eisschnellläufer Eric Heiden (5x Gold 1980 in Lake Placid). Jochen Behle tippt schon mal darauf, dass der Norweger voll durchzieht. „Jedes Rennen, das er nicht gewinnt, ist eine Sensation“, sagt der Ex-Bundestrainer, „Kläbo ist ein Jahrhunderttalent.“
Und der König der Winterspiele.