In der Kesslerstraße 3 verlegt Gunter Demnig den Stolperstein für Agnes Rank. Foto: Markus Brändli

Die Schicksale von fünf Menschen, die von den Nationalsozialisten in Grafeneck ermordet wurden, sind jetzt in Stolpersteinen auf Neuhausener Straßen verewigt.

In Zeiten wachsender rassistischer Tendenzen in der Gesellschaft ist Erinnerungskultur wichtiger denn je. Mit seinen Stolpersteinen, die an die von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen erinnern, hält der Künstler Gunter Demnig dieses Andenken wach. Nun verlegte er auch in Neuhausen fünf Stolpersteine.

Wie hoch gerade in der katholisch geprägten Fildergemeinde Vielfalt und ein gutes Miteinander sind, machte Rainer Däschler, Erster Beigeordneter, in seiner Ansprache deutlich. Fünf Männer und Frauen aus Neuhausen sind nach seinen Worten in der Tötungsanstalt in Grafeneck ums Leben gekommen. „Das ist nicht einmal eine Autostunde entfernt.“ Däschler findet es wichtig, zu erkennen, „dass die Verbrechen Menschen aus unserer Mitte getroffen haben.“ Seine Worte berührten die rund 100 Menschen, die zu der Gedenkstunde gekommen sind.

In dem Gebäude in der Kesslerstraße 3 lebte Agnes Rank. Foto: Archiv Karl Bayer

In dem ehemaligen Schloss ermordeten die Nationalsozialisten mehr als 10 000 Menschen mit Behinderung. Viele dieser Opfer waren psychisch krank. Darunter waren Maria Kurfeß, Agnes Rank, Benedikta Helena Mayer, Otto Heck und Anton Hagenmayer aus Neuhausen. Dass die Nazis da von „Euthansie“ gesprochen hätten, bezeichnete Däschler als „zynischen Euphemismus“. Mit den Stolpersteinen erinnere man an die Menschen, „die einmal Teil der Gemeinschaft waren“. Dieses Erinnern findet Däschler gerade mit Blick auf die junge Generation wichtig. Es gelte, alle Menschen in die Gesellschaft einzubeziehen.

„Mit den Stolpersteinen erinnern wir an Menschen, die einmal Teil der Gemeinschaft waren. Es gilt, alle in die Gemeinschaft einzubeziehen.

Rainer Däschler, Erster Beigeordneter

Dass die Gemeinschaft für Heimatgeschichte die Verlegung der Stolpersteine in Neuhausen angestoßen und realisiert hat, freut den Beigeordneten. Die Vereinsmitglieder haben viel Recherchearbeit geleistet. Das Team des Bauhofs hat die Aktion vorbereitet. Für die Verlegung wird ein etwa zwölf Zentimeter tiefer Aushub in den Bürgersteig gemacht, ein Betonbett vorbereitet und der zehn Mal zehn Zentimeter große, mit einer Messingtafel versehene Stein in den Straßen- oder Gehwegbelag eingesetzt. Bei der ersten Station an der Kirchstraße 6 regelten Ordner wegen des Andrangs den Verkehr.

Gunter Demnig mit dem Stolperstein für Benedikta Helena Mayer. Foto: Markus Brändli

Dort erinnert nun ein goldener Stolperstein an Maria Kurfeß, die nach dem Tod des Vaters in einer schwierigen Familiensituation lebte. Obwohl sie immer wieder ins Leben zurückfand, ließen sie ihre Angehörigen in die Pflegeanstalt nach Rottenmünster bei Rottweil einweisen. Am 10. Juni wurde sie nach Grafeneck deportiert und noch am selben Tag vergast.

Stolpersteine in Neuhausen – „Öffentlichkeit für das dunkle Kapitel der Geschichte sensibilisieren“

„Den kranken Menschen wurde Hoffnung gemacht“, erinnert Olaf Scherbaum an das brutale Vorgehen der NS-Schergen. Unter dem Vorwand, duschen zu dürfen, habe man sie in Grafeneck in die Gaskammer geschickt, sagt der Vorsitzende der Gemeinschaft für Heimatgeschichte. Er und sein Stellvertreter Karl Bayer haben die Verlegung gut vorbereitet. In einer Farbdruck-Broschüre sind die Schicksale der Menschen aufgezeichnet. Fotografien zeigen die Häuser, in denen sie zuletzt lebten. Dass der Künstler Gunter Demnig nach Neuhausen kam, freut Scherbaum: „Mit der Aktionen wollen wir eine breite Öffentlichkeit für dieses dunkle Kapitel der Geschichte sensibilisieren.“

Mit Hilfe der Musikschule haben Scherbaum und sein Team für die Gedenkfeier einen feierlichen Rahmen geschaffen. Weiße Rosen und Kerzen legten die Trauernden an den Steinen nieder. Denn obwohl die meisten die Opfer nicht kannten, berührt ihr Schicksal. Die Sänger Lara Babbar und Friedrich Mack begleiteten das Gedenken. Wenn er die Steine verlegt, geht Gunter Demnig in die Knie. Langsam streicht der 78-jährige Künstler dann die Gipsmasse glatt. So würdigt Demnig die Opfer. Die Stolpersteine fassen prägnant Lebensstationen der Menschen zusammen.

Die junge Generation an die Lokalgeschichte heranführen

„Jetzt hat sie wieder einen Namen“, sagte Cornelia Neudörffer vor dem Haus der ermordeten Agnes Rank in der Kesslerstraße 3. „Nicht nur eine Nummer oder Akte.“ Ranks Vater war nach dem Tod der Mutter mit der Erziehung überfordert. Als die Tochter entmündigt und später zwangsweise in eine Heilanstalt eingewiesen wurde, kämpfte ihr Vater dagegen. Am 10. Oktober 1940 wurde auch sie nach Grafeneck deportiert und am selben Tag vergast. Ruhig trug Neudörffer die Lebensgeschichte vor dem Gebäude vor.

Die ehemalige Lehrerin ist Mitglied bei den Heimatforschern. Sie hat ein pädagogisches Konzept erarbeitet, wie Schulen mit den Stolpersteinen Lokalgeschichte „lebendig und berührend“ vermitteln können. „Es ist so wichtig, die junge Generation zu erreichen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Das Stolpersteine-Projekt

Gedenken
Das Projekt des Künstlers Gunter Demnig hält die Erinnerung an die Vertreibung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig. Der 78-Jährige lebt in Hessen. 120 000 Stolpersteine hat er bereits verlegt.

Heimatgeschichte
Die dunklen Jahre des Nationalsozialismus aufzuarbeiten, das liegt Olaf Scherbaum und den Mitgliedern seiner Gemeinschaft für Heimatgeschichte am Herzen. Mit seinem Vorgänger und jetzigen Stellvertreter Karl Bayer hat er die Stolpersteine in Neuhausen angestoßen. Der Verein hat auch eine Broschüre herausgegeben, in der die Schicksale der fünf Ermordeten skizziert sind. Sie wurden von den Nationalsozialisten in der Tötungsanstalt Schloss Grafeneck ermordet. Dort sind heute eine Gedenkstätte und das Dokumentationszentrum: http://gedenkstaette-grafeneck.de