Pfarrer Alfred Kirsch vor der Josefskapelle in Neuhausen, die 1877 im neogotischen Stil erbaut wurde. Der katholische Theologe freut sich, dass die Bürgergarde die Kapelle im Jahr 1988 renoviert hat. Foto: Ines RudelDie

Für den Theologen liegen das Leben in der Kirchengemeinde und die närrische Tradition dicht beisammen.

Neuhausen -

Als Steampunk trat Neuhausens katholischer Pfarrer Alfred Kirsch bei der Fasnet 2019 in die Bütt. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Bewegung, die die Technik von Dampfmaschinen und Bolzen mit Mitteln des viktorianischen Zeitalters verknüpft. Im passenden Kostüm kommentierte der sprachgewandte Theologe mit viel Witz den Zeitgeist. Inspirieren ließ er sich da auch von den Abenteuerromanen des Jules Verne aus dem 19. Jahrhundert. „Viele wussten gar nicht, was sich hinter den Steampunks verbirgt“, sagt der Pfarrer. Dabei lacht er verschmitzt.

Beim Spaziergang fällt der Blick auf den „Filderdom“, die Pfarrkirche St. Petrus und Paulus. Schräg gegenüber liegt das Narrenheim. Wie kam der Pfarrer, der so wunderbar reimen und hintergründig kommentieren kann, in die Bütt? „Bei den Sitzungen habe ich die Narren schon manchmal kritisiert, denn viele der Reden waren mir einfach zu platt.“ Eines Tages forderten die Narren den Pfarrer dann einfach auf, es doch selbst besser zu machen. Kirsch, der Komik und Dichtkunst des großen Karl Valentin schätzt, ließ sich da nicht lange bitten. Bei seinem ersten Auftritt schlüpfte er in die Rolle einer Figur an der Rathausfassade, des Ritters – und begeisterte damit bei der Prunkfestsitzung in der Egelseehalle das närrische Publikum. Seitdem ist er in der Regel in jedem zweiten Jahr dabei.

In der stark katholisch geprägten Gemeinde Neuhausen lebt das närrische Brauchtum. Inzwischen gehört der Narrenbund sogar zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Seit Pfarrer Alfred Kirsch selbst Teil des närrischen Treibens ist, komme er auch mit den Katholiken in seiner Gemeinde besser ins Gespräch. Wenn der eine oder andere mit etwas unzufrieden sei, „fällt es da leichter, es einfach direkt anzusprechen.“ Das Gespräch mit den Menschen in seiner Gemeinde ist dem Theologen wichtig. Obwohl in Zeiten der Pandemie viele Begegnungen nicht mehr möglich waren und auch die beliebten Gemeindefeste nicht stattfinden konnten, hat Kirsch stets das persönliche Gespräch gesucht, wann immer das möglich war.

Einen Draht zu den Menschen zu finden, fällt dem Pfarrer nicht schwer. Zwei Jahre lang hat der Theologe im Rahmen seiner Ausbildung auch in Rom an der Päpstlichen Universität studiert. Diese Zeit und die Nähe zum Vatikan möchte er nicht missen. Dennoch hat sich Kirsch auch in dieser Zeit nicht nur mit Büchern beschäftigt. Als Reiseführer zeigte er damals Gruppen die Schönheiten der italienischen Metropole. Dabei hat er so manchen verborgenen Winkel entdeckt, der Touristen sonst eher verborgen bleibt. Sprache hatte für Kirsch immer einen hohen Stellenwert. Deshalb ist er dankbar, dass er in seiner Studienzeit Italienisch lernen durfte. Auch im Lateinischen ist der Pfarrer firm.

Wie stark die katholische Kirche die Fildergemeinde Neuhausen geprägt hat, ist an vielen Stellen in der Kommune mit ihren 12 000 Einwohnern zu sehen und auch zu spüren. Von diesem Hintergrund zeugt auch die Josefskapelle. Einen viertelstündigen Spaziergang vom Schlossplatz entfernt liegt das neugotische Gotteshaus, das im Jahr 1877 erbaut wurde. Auf dem Weg zwischen Wiesen und Obstbäumen erschließt sich ein wunderschöner Blick auf die Filder. Im Hintergrund prägt das Gewerbegebiet mit den Weltunternehmen Balluff und Thyssen Krupp das Bild. Scharf zeigt sich da der Kontrast zwischen Natur und wirtschaftlicher Entwicklung.

An der Kapelle legt eine Wandergruppe eine kurze Rast ein. Eine Bank lädt ein, an diesem besonderen Ort zur Ruhe zu kommen. Die Männer und Frauen werfen nicht nur einen kurzen Blick in die Kapelle, deren Türe vergittert ist. Besonders die riesigen Sandsteinskulpturen ziehen die Blicke auf sich. Das sind die Stationen eines Kreuzwegs. Diese und andere Kirchenkunst lässt sich beim Rundgang um die Kapelle entdecken. „Auf der Südseite befinden sich unvollendete Ritz-Zeichnungen (Christus als Weltenrichter) aus der Entstehungszeit der Kreuzwegstationen von Wilhelm Freiherr von Rechenberg im Jahr 1953“, schreibt die in Neuhausen überaus aktive Gemeinschaft für Heimatgeschichte. Die neuzeitlichen Fenster stammen von Wilhelm Geyer. Sie zeigen Szenen aus dem Leben Jesu.

„Dass die Bürgergarde sich um den Erhalt der Kapelle kümmert und sie 1988 auch renoviert hat, das bedeutet unserer Gemeinde sehr viel“, sagt Pfarrer Alfred Kirsch. Auch um die Liebfrauenkapelle und um die Lindenkapelle kümmern sich die Männer. Dieser Gemeinsinn macht Neuhausen aus seiner Sicht so besonders. Auch die Bürgergarde ist aus der katholischen Tradition gewachsen. Die Mitglieder sind nicht nur bei kirchlichen Festen und bei wichtigen Anlässen in der Gemeinde präsent. Ihr Engagement im sozialen Bereich ist aus dem Gemeindeleben in Neuhausen nicht wegzudenken.

Glücklich ist Pfarrer Alfred Kirsch auch darüber, dass sich die junge Generation in der katholischen Kirchengemeinde St. Petrus und Paulus mit vielen guten Ideen einbringt. Da denkt er nicht nur an die rührige Pfadfinderschaft St. Georg, die gerade in Zeiten der Pandemie trotz aller Beschränkungen nicht nur eine Hilfsaktion für Menschen gestartet hat, die selbst nicht einkaufen gehen konnten. Mit fantasievollen Angeboten für Kinder und Jugendliche haben die Mitglieder gerade in der schweren Zeit des Lockdowns Kinder und Jugendliche erreicht. Auch die Ministranten sind sehr aktiv.

Weil viele Katholiken in Zeiten der Pandemie nicht in die Gottesdienste kommen durften, haben sich der Theologe und sein Team früh mit digitalen Formaten beschäftigt. Das habe ganz gut geklappt. Dennoch freut sich der Pfarrer auf die Zeit, wenn in seiner Gemeinde auch persönliche Begegnungen und Gemeindefeste wieder möglich sind.