„Mindful Dates“ hat in Stuttgart zum ersten Mal stattgefunden. Statt oberflächlichem Swipen, geht es hier um achtsames Dating. Wir waren beim Kennenlernen dabei. Weitere Events folgen.
Ganz automatisch spiegelt Danielle die Körperhaltung ihres Partners und lässt ihre Fußsohle, fast synchron zu ihm, über den kleinen Massageball rollen, während sie von ihrem Alltag erzählt. Die ersten Anzeichen von Sympathie liegen in der Luft. Heute Morgen waren sich die beiden noch fremd.
Zwei Stunden zuvor: Während der Regen draußen gleichmäßig gegen die Fensterscheibe fällt, wandert drinnen der Blick von Gesicht zu Gesicht. Jeder versucht gleichzeitig, offen und entspannt zu sein. Zwanzig Menschen stehen in einem Yogastudio in Stuttgart-Botnang in einem unförmigen Kreis. Manche von ihnen lächeln zuversichtlich, andere schauen schüchtern auf das Blumenmuster unter ihnen. Man kennt sich nicht, man weiß nur, dass alle aus demselben Grund hier sind. Die Hände verschwinden in Hosentaschen oder streichen über die Brust, damit das Namensschild am Pullover kleben bleibt.
Authentisches Kennenlernen statt Swipen
Zehn junge Frauen und Männer versuchen ihre Nervosität zu verstecken, jede und jeder auf seine eigene Art. Was sie schon jetzt verbindet: In einer Zeit, in der sich fast jedes zweite Paar über eine Dating-App kennenlernt, suchen sie die Liebe offline – bei „Mindful Dates“, einem Event, das pünktlich zum Valentinstag, am Samstag das erste Mal in Stuttgart stattfand.
„Dann fangen wir einfach mal an“, ruft Sabine Link durch den Raum. Sie leitet das Dating an. Los geht es mit einer klassischen Vorstellungsrunde. Blicke wandern nachdenklich durch den Raum. Was bloß sagen, für einen positiven ersten Eindruck? Schließlich zählt hier der Moment. Keine Profile, keine Filter, kein zweites oder drittes Nachdenken vor dem Absenden einer Nachricht. Dafür aber authentisches Drauflos-Erzählen, Gesichter, die mitsprechen und Körper, die sich bewegen. Alle haben Lust, sich ungefiltert kennenzulernen.
Die Teilnehmenden kommen aus Stuttgart, Ludwigsburg, Winnenden, Ulm, Tübingen, Pforzheim. Der Zufall hat die verschiedensten Interessen zusammengebracht: Brot backen, Eisbaden, Bouldern, Badminton, Katzen, Reisen, Judo, Gesellschaftsspiele, Sauna, Serien, Fallschirmspringen. Auf manche Antworten folgt zusprechendes Nicken, auf manche die ersten Blicke, die Interesse zeigen. Dann steht die nächste Übung an.
Junge Menschen sehnen sich nach achtsamen Dating
Mit Ice-Breaker-Fragen sollen die Teilnehmenden mehr über ihren Alltag und ihr Leben erzählen. „Aber nicht wie beim klassischen Speed-Dating, wo es nur um Beruf, Hobby, Status und so etwas geht“, sagt Sabine Link. Vielmehr gehe es um Fragen wie: Wofür bist du deinem früheren Ich dankbar? Oder wie sieht dein perfektes Wochenende aus? „Durch solche Fragen lernt man sich auf einer ganz anderen Ebene kennen und fühlt sich direkt verbundener“, wird Alessia später in der Pause sagen. Für sie passe das Thema Achtsamkeit sehr gut zum Dating. Denn Dating-Apps habe sie zwar auch schon ausprobiert, aber das sei ihr „viel zu schnell und oberflächlich“ gewesen. Nach jedem Versuch habe sie die Apps nach spätestens 24 Stunden gelöscht. Zusammen mit einer Freundin ist sie deshalb bei „Mindful Dates“.
Das Konzept vom achtsamen Dating ist schnell erklärt: Zuerst einmal melden sich die Leute in Kursen für ihre Altersklasse an. Von 25 bis 34, von 30 bis 39 und so weiter. Innerhalb von zweieinhalb Stunden lernt jede Person zehn potentielle Partnerinnen oder Partner durch achtsame Übungen kennen. Am Ende kann ein Kreuz bei der Person gesetzt werden, die man gerne weiter kennenlernen würde. Sabine Link connected dann und gibt die Mailadressen weiter.
Mittlerweile ist es still geworden im Raum. Zwei Minuten lang ist nur noch die leise Klaviermusik ist zu hören. Die Teilnehmenden schauen sich tief in die Augen. „Blickkontakt“ heißt die Übung, die ganz ohne Worte auskommt: Nur Atem und der vorsichtige Versuch, in fremden Augen einen vertrauten Funken zu entdecken. Danach wird gewechselt und es gibt eine Massage – wahlweise auch mit einem kleinen Ball. „Niemand macht hier etwas, dass sie oder er nicht möchte“, betont Sabine Link immer wieder.
War das Perfect Match dabei?
Und so sitzen sich zehn Paare gegenüber, die sich bis vor zwei Stunden noch nicht kannten, und schenken sich zärtliche Berührungen. Von den anfänglichen Unsicherheiten ist nichts mehr zu spüren. Eine Teilnehmerin erzählt von ihrem Baumarktbesuch, ein anderer von seinem Lieblings-See. Wo viele beim Online-Dating schon in die digitale Deckung gegangen wären, erzählen die Teilnehmenden offen von ihrem Leben und was sie gerade beschäftigt.
Dann wird es ernst. Das Event endet mit einer langen Umarmung – oder für Schüchterne mit einem gemeinsamen Atmen. Anschließend verteilt Sabine Link die Matching-Listen. Etwas zögerlich werden Kreuze gesetzt.
Und wie fühlt man sich nach zehn ersten Dates? „Das war eine tolle Erfahrung. Ich würde das auf jeden Fall nochmal machen“, sagt Danielle. Positiv überrascht habe sie vor allem die Offenheit der Anderen, durch die man sich direkt sicher gefühlt habe. Ob für sie das Perfect Match dabei war, behält sie allerdings für sich.
Eine andere Teilnehmerin ist dagegen recht offen: „Ich habe ein Kreuz bei einer anderen Frau gesetzt. Irgendwie war sie mir direkt sympathisch“. Doch bevor sie ihren Zettel in die Box wirft, kommt genau diese Frau auf sie zu und fragt nach ihrer Handynummer. Vielleicht war an diesem Tag nicht die große Liebe, dafür aber der Beginn einer Freundschaft, dabei.
„Mindful Dates“ kostet 35 Euro. Das Event findet am 14. März statt >>>.