Männer und Trauer. Ein schwieriges Thema. Aber noch schwerer ist es für homosexuelle Männer, offen über den Verlust ihres Partners zu sprechen. Etwa in einer Trauergruppe. Doch hier gibt es nun einen Dammbruch, wie Alt-Prälat Martin Klumpp berichtet.
Stuttgart - Und wieder ist ein Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem Martin Klumpp Menschen geholfen hat. Ein Jahr, in dem Menschen in Trauer wieder neue Horizonte gesehen haben. Und noch mehr: Wer eine dieser Trauergruppen von Alt-Prälat Martin Klumpp (80) im Hospitalhof verlässt, geht nie ganz. Vor allem nicht allein. „Es bilden sich in dieser Gruppe Freundschaften, die über die monatlichen Treffen hinausgehen. Die Mitglieder treffen sich oft hinterher“, sagt Klumpp. Doch diese Gruppe war auch für ihn etwas Neues. Erstmals war ein Mann dabei, der um seinen verstorbenen Partner trauert.
Was viele in der heutigen Zeit für völlig normal halten, ist alles andere als selbstverständlich. Zumal die Trauergruppe unter dem Dach einer kirchlich getragenen Einrichtung stattfand. Noch nicht vor allzu langer Zeit debattierte die Landessynode erbittert über den Umgang mit homosexuellen Paaren. Am Ende mündete es in einem Kompromiss, der Homo-Paaren nun unter schweren Bedingungen eine kirchliche Segnung erlaubt. Martin Klumpp hat solche Hürden stets abgelehnt.
Menschen ohne Unterschiede
Diese Haltung des früheren Regionalbischofs mag auch dem schwulen Teilnehmer Mut gemacht haben, an der Trauergruppe teilzunehmen. Und doch ist dieser Mann mit gemischten Gefühlen dazu gestoßen. Bange Fragen begleiteten ihn auf dem Weg in den Hospitalhof: Wie werden die anderen mich aufnehmen? Werde ich mit meinen Gefühlen akzeptiert? Selbst am Ende des ersten Abends war der Mann noch unsicher, ob er wiederkommen soll. Aber die Reaktion der Teilnehmer hat ihn sehr ermutigt. Tatsächlich, so gesteht ein heterosexueller Teilnehmer, sei er bei der Vorstellungsrunde „kurz zusammen gezuckt“, als sich der Teilnehmer als schwul outete. Er musste sich und seine Gefühle kurz sortieren, war sich dann aber klar: „Dieser Mensch hat genauso wie ich einen geliebten Menschen verloren. Alleine das zählt.“
Auch für Martin Klumpp zählt alleine das. Menschen ohne Unterschied auf Herkunft, Kultur oder sexueller Orientierung in ihrer Trauer zu begleiten. Im Sinne des Evangeliums ist das eigentlich selbstverständlich. Da aber diese Selbstverständlichkeit sich in der Gesellschaft noch nicht vollkommen durchgesetzt hat, geht es Klumpp darum Hürden abzubauen. Denn die sind gerade für Männer besonders hoch. Denn Männer trauern in der Regel anders als Frauen. Experten sagen: Die weibliche intuitive Art des Trauerns sucht das empathische Gespräch, das Sich-als-Person-verstanden-zu-Wissen. Männer hingegen verschließen sich zunächst. Ähnliches hat Martin Klumpp in seiner langjährigen Praxis als ausgebildeter Ehe-, Familien- und Lebensberater so erlebt: „Es ist, wie wenn die Seele der Männer von einer Membrane umhüllt wäre, die Ausbrüche verhindert. Wenn sie aber aufgeht, fließen viele Tränen.“ Männer, so Klumpp, beweinen den Verlust des Partners mindestens so sehr wie Frauen, „allerdings viel leichter, wenn sie unter sich sind“.
Rollenbilder oder Naturell?
Denn Männer meinen nicht nur, sie müssten klischeehaften Rollenbildern entsprechen. Sie sind nach Ansicht von Klumpp einfach von Natur aus anders gestrickt. Der Ernährer, der Beschützer und starke Mann hat zwar auch Gefühle, hält sie aber häufig zurück. Er will (und soll) so schnell wie möglich wieder im Alltag und Berufsleben funktionieren. Auch Klumpp hat diese Erfahrung in seiner fast 40-jährigen Trauerarbeit gemacht: „In der Gesellschaft, in der wir leben, ist alles auf Leistung, Erfolg und Funktionieren ausgerichtet.“ Aber in der Trauer sei man plötzlich mit Ereignissen konfrontiert, die Gefühle auslösten. Diese Emotionen, so Klumpp, würden zwar gerne verdrängt, lösten sich aber nicht auf: „Meistens wecken sie uns mitten in der Nacht.“
Aus diesem Grund startet Martin Klumpp an diesem Donnerstag, 17. Juni, 19.30 Uhr, im Hospitalhof, Büchsenstraße 33, eine neue Gesprächsgruppe für Männer in Trauer. Allen, die womöglich um ihre Ehepartnerin oder ihren Partner trauern, will Klumpp Mut machen. Es sei sinnvoll, auch dann zu kommen, wenn Mann sich noch stabil und stark wähnt: „In den ersten Tagen nach dem Tod eines geliebten Menschen absolvieren viele betroffene Männer ihre Pflichten und Aufgaben erstaunlich problemlos. Erst später kommen die schmerzlichen Gefühle auf, zu denen auch der Schmerz des Alleinseins gehört. Es ist hilfreich, wenn man diese Gefühle aussprechen kann und dabei erfährt, wie andere Betroffene damit umgehen.“
Wer den Schritt wagt, wird nach einem Jahr vermutlich das erleben, was alle erlebt haben, die Klumpp als den Seelsorger und exzellenten Zuhörer erlebt haben. Im Sinne dessen, wie ihn Landesbischof Frank Otfried July zuletzt beschrieben hat: „Martin Klumpp hat eine große Begabung: Er ist ein empathischer Seelsorger, der Menschen in extremen Krisensituationen begleiten und beraten kann.“ Klar wird dies den Teilnehmern spätestens am letzten Abend. Dann stellt Martin Klumpp stets drei Fragen: „Wie war es für euch am ersten Abend? Was hat sich verändert? Und was hat die Gruppe bewirkt?“ Jener Mann, der seinen Partner verloren hat, meinte: Er habe viel geweint, viel erzählt. Aber als besonders hat er empfunden, dass alle Mitglieder seine Gefühle respektiert und ernst genommen haben.