Tele-Arzt im Einsatz: Die Kassenärztliche Vereinigung schafft ein Angebot an Videotelefonie im Bereitschaftsdienst. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wer am Wochenende, abends oder nachts ein Gesundheitsproblem hat, kann jetzt per Video Kontakt zum Bereitschaftsarzt aufnehmen. Das Angebot soll Notaufnahmen entlasten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) erweitert ihren ärztlichen Bereitschaftsdienst durch ein digitales Angebot: Seit Anfang November ist eine neue Plattform für Telemedizin freigeschaltet, erreichbar unter der bereits bekannten Adresse docdirekt.de. Nun kann man dort Kontakt zum Arzt auch per Videotelefonie aufnehmen. Die medizinische Ersteinschätzung ist für gesetzlich Versicherte kostenlos und ohne Registrierung möglich.

„Wir bieten schon seit Jahren Telemedizin an, die Erfahrungen sind ausgesprochen gut“, sagt Doris Reinhardt, die Stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW. Man wolle nun dieses „Potenzial noch besser nutzen“.

Bisher melden sich die Menschen tagsüber wie nachts bei der Servicenummer 116 117. Unter Tags zu den üblichen Praxiszeiten werden dort gesetzlich Versicherte, die einen Termin beim Facharzt oder beim Psychotherapeuten brauchen, aber keinen bekommen, unterstützt. Abends, nachts, am Wochenende oder an Feiertagen wenden sich an die Nummer Versicherte, die ärztliche Hilfe benötigen – bei denen es sich aber nicht um einen lebensbedrohlichen Notfall handelt.

Rund 1300 telemedizinischen Beratungen im Monat

Nach der Ersteinschätzung im Callcenter konnte man sich auch bisher schon für eine telemedizinische ärztliche Beratung entscheiden – sofern sich der Fall eignete. Dies funktioniert aber nur per Telefon. Das wurde speziell abgefragt, dann wurden die Daten aufgenommen, später bekam der Patient einen Anruf von einem Arzt. Bisher habe man rund 1300 solcher telemedizinische Beratungen im Monat registriert, bei insgesamt rund 25 000 Beratungen im Land insgesamt. Wobei noch weitaus mehr Anrufe eingehen, die aber nicht in eine Beratung münden.

Die Anrufe reichten von Fragen nach der nötigen Medikamenteneinnahme etwa nach einen Krankenhausaufenthalt, wenn sich der Zustand des Patienten verschlechtert, über Sorgen von Menschen nach einem Zeckenbiss oder wegen eines schnell auftretenden Ausschlags bis hin zum Brechdurchfall, erzählt KVBW-Sprecher Kai Sonntag. Immer gehe es dabei um die Frage: Brauche ich einen Arzt oder nicht? In den meisten Fällen offenbar nicht. Man habe bei den telefonisch-telemedizinischen Kontakten bisher eine „Erledigungsquote von 85 bis 90 Prozent“, sagt Sonntag. Der Anrufer ist kein Fall für den Rettungsdienst, er muss nicht in eine Bereitschaftspraxis: „Das Problem ist ausgeräumt.“

Der Digi-Doc ist erreichbar über docdirekt.de

Fälle wie diese lassen sich künftig auch digital klären. Nun können die Versicherten außerhalb der Praxiszeiten den Weg zum ärztlichen Bereitschaftsdienst auch über die Adresse docdirekt.de wählen. Auf dieser Plattform müssen sie dann ein Online-Formular ausfüllen, in dem sie ihr gesundheitliches Problem beschreiben und auch Daten zur Versicherung angeben – dann gelangen sie ins telemedizinische Wartezimmer.

Irgendwo im Land, ob in seiner Praxis oder daheim, sitzt dann der Telearzt an seinem PC oder Laptop, ruft den Patienten auf und nimmt sich seiner Sache an. Nicht mehr nur am Telefon, sondern auch per Video, was den Austausch deutlich verbessert.

Die telemedizinische Patientenberatung im Bereitschaftsdienst wird von Montag bis Freitag zwischen 19 und 23 Uhr angeboten. An Wochenenden, Feiertagen sowie an Heiligabend und an Silvester dauert der Dienst von 9 bis 23 Uhr. Für ältere Menschen soll aber die reine Telefonberatung erhalten bleiben. Die übrigen Stunden steht dann die Nummer 116 117 zur Verfügung.

Mit der neuen Plattform soll das Bereitschaftsangebot der KVBW verbessert sowie Notaufnahmen in Kliniken und Bereitschaftspraxen entlastet werden, sagt Kai Sonntag. Im ersten Schritt ist die personelle Ausstattung überschaubar. Unter der Wochen werde ein Hausarzt und ein Kinderarzt den telemedizinischen Bereitschaftsdienst versehen, an Wochenenden zwei Hausärzte und ein bis zwei Kinderärzte. Bei entsprechender Nachfrage könnten daraus aber auch bald schon zehn Ärzte werden. Man habe ausreichend freiwillig Mediziner.

Hilfe weiterhin über die Hotline 116 117 abrufbar

Das Angebot unter der 116 117 bleibt erhalten. Dort habe die KVBW die „Kapazitäten deutlich erweitert“, sagt der Sprecher. Inzwischen seien in den verschiedenen Schichten insgesamt rund 300 Personen beschäftigt. Mittlerweile sei „die Erreichbarkeit ziemlich gut“, versichert Kai Sonntag. Auch wenn es zu gewissen Zeiten immer noch zu einer hohen Belastung der Servicenummer komme. Zur Erinnerung: Nach dem Start Anfang des Jahres 2022 rissen lange Monate die Klagen nicht ab, weil die Nummer nur schwer erreichbar war, die Patienten so lange in der Telefonwarteschleife hingen, dass viele absprangen und sich an den Rettungsdienst wendeten. Die zum Fahrdienst eingeteilten niedergelassenen Ärzte dagegen hatten nur wenig zu tun und drangen zu den Patienten mit Gesundheitsproblemen gar nicht durch.

So gelingt das Gespräch mit dem Digi-Doc

Kostenlos
Für die medizinische Ersteinschätzung werden keine Kosten erhoben: Wird eine Videosprechstunde durchgeführt, übernehmen für gesetzlich Versicherte die Krankenkassen die Kosten. Aus diesem Grund sind bei der Anmeldung zur Videosprechstunde auch Daten zur Versicherung anzugeben. Privatversicherte erhalten für die ärztliche Behandlung — wie beim Arztbesuch auch — eine Rechnung vom Tele-Arzt.