Knut Kircher bei einem Legendenspiel mit Bastian Schweinsteiger Foto: imago/Heike Feiner

Der Schiedsrichter-Boss in Deutschland heißt seit 1. Juli Knut Kircher. Sein wichtigstes Ziel ist, dass der Videobeweis in Zukunft weniger oft benötigt wird.

Woche für Woche saß Knut Kircher in den vergangenen Jahren in den Stadien der ersten und zweiten Liga, um seine Kollegen zu beurteilen. Nun ist seine Zeit als Schiedsrichter-Beobachter vorbei. Der langjährige Bundesliga-Referee ist der neue Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH. Er weiß genau, was er verbessern will – und wie die Erkenntnisse aus den EM-Spielen genutzt werden sollten.

Herr Kircher, seit 1. Juli sind Sie der Chef der deutschen Schiedsrichter-Elite. Haben Sie sich auf den Anpfiff gefreut?

Sehr. Mit steigender Tendenz.

Warum?

Ich bin ja bereits seit dem Wintertrainingsplan in Portugal mit im Spiel. Seither habe ich reingeschnuppert, sehr vieles kritisch hinterfragt, und ich war auch schon an der Aufstellung für die nächste Saison beteiligt. Ich bin voller Energie, wollte endlich mit der Arbeit beginnen.

Was hat Sie motiviert, Ihren sicheren Job bei Mercedes-AMG aufzugeben?

Mich hat nichts weggetrieben, auch nicht, wie manche vermutet haben, die Transformation zur E-Mobilität. Ich war nach meiner Schiedsrichter-Karriere als Beobachter in der Bundesliga unterwegs, ohne mich nach einer neuen Betätigung umzuschauen. Dann wurde ich von einer Personalagentur angesprochen – und habe die Chance gesehen, etwas zu verändern und gemeinsam mit anderen dem Fußball etwas Gutes zu tun.

Mit welchen Zielen?

Schiedsrichter stärker machen, ihr Image verbessern, die Besten so weiterentwickeln, dass sie für EM- und WM-Turniere nominiert werden. Und das ohne Kuschelkurs, denn wir sind im Leistungsbereich unterwegs.

Wo gibt es Steigerungspotenzial?

Wir haben zuletzt hauptsächlich über den Videobeweis gesprochen, das hat sich völlig verlagert – weg vom Platz, hin zum Kölner Keller. Wenn ein Schiedsrichter heute zweimal vom Video Assistant Referee korrigiert wird, heißt es am Ende, es kamen ja gute Entscheidungen heraus.

Das stört Sie?

Es ist eine Frage der Sichtweise. Manche Dinge kann der Schiedsrichter einfach nicht besser beurteilen als die moderne Technik, etwa enge Abseitssituationen oder Szenen, die von der Hintertorkamera eingefangen werden. Aber es gibt auch eine Menge VAR-Eingriffe, bei denen ich mich frage, ob diese Situationen nicht der Schiedsrichter auf dem Platz hätte besser erkennen müssen.

Wie fällt Ihre Antwort aus?

Die Entscheidungsqualität muss deutlich besser werden. Sie muss sich steigern, damit wir den VAR nicht so oft benötigen. Da gibt es großes Verbesserungspotenzial.

Das dachten auch viele Zuschauer am Samstag während des EM-Achtelfinales zwischen Deutschland und Dänemark. Hinterher gab es von dänischer Seite harsche Kritik an der knappen Abseitsentscheidung und dem Handelfmeter. Wir haben Sie diese Szenen gesehen?

Abseits ist eine faktische Entscheidung, da gibt es keinen Toleranzbereich, auch wenn es um Zentimeter geht. Und solange die Regel so ist, wie sie ist, war es auch ein strafbares Handspiel. Das waren ganz sicher keine Fehlentscheidungen.

Trotzdem haben nicht wenige Fans das Gefühl, dass die Technik mittlerweile den Geist des Spiels beeinträchtigt.

Aus meiner Sicht ist die Technik Fluch und Segen zugleich. Sie ist mittlerweile so genau, dass sie derart knappe Entscheidungen wie in dem Spiel am Samstag ermöglicht. Also wird sie auch in dieser Form genutzt.

Ist das noch im Sinne des Fußballs?

Da scheiden sich die Geister zwischen Romantik und nachweisbaren Faktenlagen.

Gibt es Möglichkeiten, beim Umgang mit dem Videobeweis nachzujustieren?

Ich sehe den VAR nach wie vor positiv. Wenn es uns gelingt, die Entscheidungsqualität bei den Schiedsrichtern zu steigern, sorgt das dafür, dass der VAR seltener eingreifen muss. Und wenn dann noch im Video Assistant Center nur die klaren Dinge bedient werden, sind wir auf dem richtigen Weg.

Was könnte beim Videobeweis sonst noch verändert werden?

Sicherlich hin und wieder die Dauer des Eingriffs, das Warten kann mühselig sein. Und natürlich die Information für die Menschen im Stadion. Sie sind die Einzigen, die bisher nicht richtig abgeholt werden. Sie partizipieren nicht an Bildern, erhalten keine Erklärungen. Im Verhältnis zu dem, was die TV-Zuschauer an Service erleben, ist das noch ein schwarzer Fleck.

Was müsste hier getan werden?

Man könnte Erklärungen auf dem Videowürfel zeigen. Oder der Schiedsrichter könnte über die Stadionlautsprecher mitteilen, warum so oder so entschieden worden ist.

Was würden Sie präferieren?

Die maximale Lösung. Das heißt für mich, dass mir jemand persönlich erklärt, was denn nun Sache ist.

In England gibt es den Antrag, den Videobeweis wieder abzuschaffen. Wie würden Sie abstimmen?

Ich sehe das ganz entspannt. Wenn es in der dortigen Liga die nötige Mehrheit gibt, ist das Thema in England erledigt. Und wenn es ein ähnliches Abstimmungsergebnis irgendwann in Deutschland geben sollte, dann pfeifen wir unsere Spiele ohne VAR. Da bin ich total emotionslos. Der Videobeweis ist ein Hilfsmittel – mehr nicht.

Sie würden ihn aber nicht abschaffen?

Ich würde ihn behalten, allerdings verbunden mit dem Ziel, dass er weniger oft benötigt wird. Wir haben im Stadion vier Entscheider – den Schiedsrichter und sein Team. Sie müssen wieder entscheidend sein.

Wenn Sie sich die Qualität der Schiedsrichter in Europa anschauen: Wo stehen die Bundesliga-Referees?

Wir gehören auf jeden Fall zu den Top Fünf, nicht umsonst haben wir zwei Teams bei der EM. Wir haben gute Schiedsrichter, wir haben Schiedsrichter mit Entwicklungspotenzial, wir haben aber auch Schiedsrichter, die Platz machen müssen, wenn von hinten starke Leute nachrücken. Das ist ganz normal.

Ein Kritikpunkt lautet oft, es gebe außer Deniz Aytekin unter den Schiedsrichtern keine Persönlichkeiten mehr.

Er ist sicher einer, der sich extremst gut entwickelt hat. Es wäre ihm zu gönnen gewesen, dass er auch einmal den Sprung zu einer EM oder WM schafft. Aber es gibt auch noch andere Typen in der Bundesliga – Felix Brych oder Tobias Stieler zum Beispiel. Und man darf eines nicht vergessen: Man muss eine Persönlichkeit sein, um überhaupt ein Bundesliga-Spiel leiten zu können.

Bei der EM wird derzeit eine neue Anweisung umgesetzt: Nur noch der Kapitän darf sich mit dem Schiedsrichter besprechen. Wie sehen Sie diese Neuerung?

Was stört den normalen Fan, wenn er Fußball schaut? Die unangemeldeten Betriebsversammlungen auf dem Feld, die dazu noch sinnlos sind. Und was tut dem Fußball gut? Wenn weniger diskutiert und gestikuliert wird, egal ob auf dem Rasen oder auf der Bank. Die Rückkehr des respektvollen Umgangs ist wunderbar anzuschauen.

Wird dies auch nächste Saison in der Bundesliga zu sehen sein?

Wir werden die EM analysieren und sicherlich über verschiedene Facetten, die dieses Turnier hatte, diskutieren. Ich würde es begrüßen, wenn wir diese Regelauslegung übernehmen würden. Dazu bedarf es einer Abstimmung mit den Veranstaltern der nationalen Wettbewerbe, die werden wir zeitnah angehen.

Welche Facetten zeigt die EM noch?

Den Umgang mit gesundheitsgefährdenden Aktionen. Schnelle Spielfortsetzungen. Und natürlich geht es auch um die Entscheidungsqualität. Wir schauen uns sehr genau an, was bei der EM passiert ist und wo Schwerpunkte gesetzt wurden.

Lassen die Schiedsrichter bei der EM mehr laufen als in der Bundesliga?

Das würde ich so nicht sagen. Auch in der Bundesliga wird Wert gelegt auf eine möglichst lange effektive Spielzeit, die nicht durch jede Kleinigkeit unterbrochen wird. Am Ende kommt es allerdings immer auf das Spielmanagement des einzelnen Schiedsrichters und sein Vorgehen im Toleranzbereich an.

Wie funktioniert das bei der EM?

Im Normalfall gut. Ich würde aber sagen, dass sich das Gros unserer Bundesliga-Schiedsrichter im Vergleich zu den international pfeifenden Leuten nicht verstecken muss.

ZDF-Chefkritiker Manuel Gräfe, wie Sie ein früherer Bundesliga-Referee, würde diese These wahrscheinlich nicht unterschreiben. Wie sehr beeinflusst er mit seinen Beurteilungen das Image der Top-Schiedsrichter in Deutschland?

Ist er der Maßstab? Nein! Wir Schiedsrichter sind Dienstleister. Wir müssen so gut sein, dass alle am Spiel Beteiligten mit unserer Leistung zufrieden sind, auch wir selbst. Das ist der Maßstab. Nicht das, was Manuel Gräfe denkt. Natürlich darf er sich übers Schiedsrichterwesen äußern, mir missfällt allerdings, dass er sehr oft ins Persönliche abdriftet. Damit ist niemand geholfen.

Als bekannt wurde, dass Sie der neue Schiedsrichter-Chef werden, meinte Manuel Gräfe, das sei eine gute Wahl, weil Sie es schaffen könnten, dass es wieder mehr um Leistung geht. Setzen Sie solche Äußerungen unter Druck?

Überhaupt nicht. Die Erwartungshaltung von außen kann ich verkraften, denn den größten Druck habe ich mir immer schon selbst gemacht.