Streitobjekt zwischen Heckler & Koch und dem Verteidigungsministerium: Das Gewehr HK 416 – hier in der Hand eines norwegischen Soldaten. Foto: PRT Meymaneh

Das nächste Gewehr der Bundeswehr soll nicht mehr von Heckler & Koch kommen. Vorstandschef Jens Bodo Koch verbreitet dennoch Optimismus: Das Unternehmen meldet volle Auftragsbücher, die Neuentwicklungen und 25 Millionen Euro Investition in den Maschinenpark.

Stuttgart - Der Oberndorfer Handwaffen-Hersteller Heckler & Koch (HK) hat Produktneuheiten in fünf Waffenkategorien angekündigt und setzt auf Wachstum: „In vier Kategorien sind die Prototypen bereits draußen in der Erprobung“, sagte HK-Chef Jens Bodo Koch während eines Redaktionsbesuchs unserer Zeitung. Die Entwicklungsfortschritte konzentrierten sich auf Gewicht, Kaliber, Energie im Rohr. Präzisere Angaben zu den neuen Produkten könne er allerdings nicht machen, da die potenziellen Erstkunden Spezialkräfte von Armeen und Polizeibehörden mit ihren jeweiligen Geheimhaltungsanliegen seien.

Koch sagte, er sei zuversichtlich, dass auch die Neuentwicklungen dazu beitrügen die „Ergebniswende“ bei HK zu verstärken und verstetigen. Ende des Jahres solle trotz Corona-bedingter Einschränkungen ein Ergebnis nach Steuern von mehr als zehn Millionen Euro stehen – bei einem Umsatz, den HK in diesem Jahr auf mehr als 250 Millionen Euro steigern wird.

Französischer Investor hilft

Zur Bewältigung der Schulden in Höhe von 235 Millionen Euro trage nicht zuletzt das in diesem Jahr verstärkte Engagement des größten Eigners CDE, eines französischen Investors, bei: „Zwei Drittel unserer Darlehen werden von Aktionären gewährt“, sagte Koch. Im Zuge einer Kapitalerhöhung ließen sich diese Schulden in Eigenkapital umwandeln. „Unsere Aktionäre haben großes Vertrauen in den neuen Kurs. Das belegt ein kurzfristig gewährtes Kapitalpolster, das uns zu Beginn der Corona-Krise ein Aktionär gewährt hat. Weil wir aber gut durch die Krise gesteuert sind, haben wir diesen Puffer nicht gebraucht und geben ihn zurück.“

Optimistisch beurteilt der Vorstandsvorsitzende die Marktentwicklung: „Die Sicherheitslage an den Rändern Europas hat sich leider erheblich verschlechtert. Unsere Strategie bleibt es, Streitkräfte und Polizeibehörden in Deutschland und verbündeten Staaten mit Waffen auszustatten, mit denen sie sich und die Bürger ihrer Länder am besten schützen können.“ Qualität sei hier der ausschlaggebende Faktor für Kaufentscheidungen: „Viele können Waffen bauen und tun das auch. Aber nur sehr wenige Hersteller können wie wir sehr präzise, sehr robuste und sehr langlebige Waffen konstruieren und herstellen.“

„Waffen nur in den richtigen Händen“

Ausdrücklich bekannte sich Koch zur sogenannten Grüne-Länder-Strategie seines Unternehmens. Sie bedeutet, dass Heckler & Koch nur in EU- oder Nato-Staaten und in enger Abstimmung mit der Bundesregierung in wenige, sicherheitspolitisch mit Deutschland eng verbundene Staaten liefert. Dazu sagte Koch, der das Unternehmen seit 2018 führt: „Wir wollen, dass unsere Waffen nur in den richtigen Händen sind. Wir wollen unbedingt vermeiden, dass deutsche Soldaten irgendwo gegen HK-Waffen kämpfen müssen. Und für mich war diese Strategie eine Voraussetzung dafür, dass ich zu Heckler & Koch gewechselt bin. Daran halten wir fest.“

Koch verwies darauf, wie sehr der Einsatz von HK-Waffen in problematischen Ländern oder Zusammenhängen dem Ansehen des Oberndorfer Traditionsunternehmens geschadet hat: „Zuletzt wurde das vermeintliche Auftauchen unserer Waffen in Belarus thematisiert. Da hat sich allerdings herausgestellt, dass diese Waffen aus unerlaubten Weiterverkäufen eines Lizenznehmers aus der Zeit der Ost-West-Konfrontation stammen.“

Gefahren für sein Unternehmen durch die starken Konsolidierungstendenzen in der europäischen Rüstungsindustrie sieht Koch eher nicht: „Wir sind schon heute der Systemlieferant in Europa, weil wir der einzige privatwirtschaftliche ganzheitliche Handwaffenhersteller sind. Insofern glaube ich auch, dass wir wirklich systemrelevant sind, weil wir den kompletten Handwaffen-Mix für Soldaten in der EU und in der Nato liefern können.“ Der reiche von Pistolen über Gewehre und Maschinengewehre bis zu Granatwerfern.

Schutz und Überleben

Die Notwendigkeit, diese Produkte durch ganz andere zu ersetzen, sieht Koch ebenso wenig: „Polizisten und Soldaten werden weiterhin die Produkte wollen, die ihnen am ehesten Schutz und Überleben sichern. Zudem ist zum Beispiel in Deutschland die Rechtslage ganz klar: Entscheidungen über den Einsatz von Schusswaffen dürfen in Militär oder Polizei nur Menschen fällen.“ Daher könne er sich zwar vorstellen, dass sein Unternehmen irgendwann die Produktpalette erweitere, nicht aber, dass es sich von seinen Kernprodukten verabschiede.

Dazu passt, dass Heckler & Koch nach eigenen Angaben 25 Millionen Euro in seinen Maschinenpark investiert. „Es geht um eine Riesenmodernisierung unserer Produktion“, so die Einordnung durch den Vorstandschef. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung kämen noch hinzu.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Verteidigungsministerium um die Vergabe des bis zu 245 Millionen Euro schweren Auftrags zur Lieferung von 120 000 neuen Sturmgewehren an die Bundeswehr belaste seine positiven Erwartungen kaum, versicherte Koch. Die Auftragsbücher seien voll. Allein 80 der rund 950 HK-Mitarbeiter seien in Forschung und Entwicklung tätig und auf längere Sicht voll ausgelastet. „Sollten wir die Ausschreibung nicht gewinnen, würden wir unsere Produktions- Kapazitäten mit alternativen Aufträgen gut auslasten können.“

Verwunderung über Bundesamt für Ausrüstung

HK legte am Donnerstag Rüge ein gegen die Entscheidung des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Dieses hat dem Konkurrenzprodukt MK 556 den Vorzug vor dem HK 416 und dem HK 433 gegeben, mit denen Heckler & Koch ins Rennen um diesen Auftrag gegangen ist. Eine Entscheidung, über die sich Koch offensichtlich sehr wundert: „Nach unserer Erfahrung ist die Belieferung von Spezialkräften häufig Türöffner, wenn es danach um die Lieferung größerer Stückzahlen für die gesamten Streitkräfte geht. Hier ist es nun so, dass das Kommando Spezialkräfte des Heeres das HK 416 nutzt, wir jetzt aber womöglich den Wettbewerb für das Sturmgewehr mit genau diesem Modell verlieren.“

Das HK 416 ist auch die Standardwaffe der norwegischen und französischen Streitkräfte sowie der US-Marineinfanterie – hier unter der Bezeichnung M 27. Außerdem nutzen nach Angaben von HK die Spezialkräfte von mindestens zehn EU- oder Nato-Armeen dieses Gewehr.

USA bleiben wichtiger Absatzmarkt

Ungeachtet einer Wieder- oder einer Abwahl von Präsident Donald Trump blieben die USA ein wichtiger Markt für HK, sagte Koch. 25 Prozent seines Umsatzes erziele das Schwarzwälder Unternehmen dort, bei einem Anteil von 0,6 Prozent am US-Markt.

„Bemerkenswert ist, dass wir vor Kurzem die Ausschreibung für ein Gewehr gewonnen haben, dessen Reichweite und Präzision zwischen einem Standard- und einem Scharfschützengewehr liegen. Und das unter den Vorzeichen von Präsident Trumps ‚America First’ und im Wettbewerb mit amerikanischen Anbietern. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass HK-Produkte wegen ihrer Qualität gefragt sind“, so Jens Bodo Koch.