Foto: Stadtarchiv Ostfildern - Stadtarchiv Ostfildern

Eine neue Stadtbahn zwischen Neckartal und den Fildern könnte für ein stress- und staufreies Pendeln sorgen, würde der Ökologie dienen und die Kaufkraft in Esslingen steigern.

Esslingen/Ostfildern Ein Stück Nostalgie fuhr immer mit. Betulich, beschaulich, behäbig tuckerte die Straßenbahn von den Fildern in Richtung Esslingen. Dieses Stück Stadtgeschichte ist längst Geschichte: Am 28. Februar 1978 wurde der Betrieb eingestellt. Doch die CDU-Stadtverbände Ostfildern und Esslingen wollen die Strecke reaktivieren - in den nächsten Monaten möchten sie sich intensiv für eine neue Stadtbahn zwischen dem Neckartal und den Fildern einsetzen. Im Rahmen einer Infoveranstaltung im Kleinen Saal an der Halle in Ostfildern stellten Michael Brucker als CDU-Chef von Ostfildern und sein Esslinger Kollege Tim Hauser am Dienstagabend die Eckdaten für dieses Projekt vor.

Vorschläge für eine Neubelebung dieser Route gibt es aber auch von anderen Parteien: André Reichel etwa, Fraktionsvorsitzender der Regionalfraktion der „Grünen“ im Verband Region Stuttgart, hatte im Rahmen der Vorstellung der Machbarkeitsstudie 2016 den immer noch aktuellen Vorschlag ins Spiel gebracht, die Route Esslingen – Nellingen um die Variante Neuhausen zu ergänzen und dadurch den Ringschluss von Esslingen und den Fildern mit Stadtbahn und S-Bahn zu erreichen.

Zwei Tunnellösungen im Gespräch

Aber auch ohne die Erweiterung um Neuhausen – die Verlängerung der U7 von Ostfildern nach Esslingen wäre ein ehrgeiziges Vorhaben. Etwa 3,4 Kilometer neue Ausbaustrecke wären dafür nötig, wurde im Rahmen der Infoveranstaltung in Ostfildern erklärt. Gut ein Viertel der Route würde untertunnelt, denn die Überwindung des Höhenunterschieds im Abschnitt zwischen Zollberg und Pliensauvorstadt erfordert eine unterirdische Lösung. Ungefähr 178 Millionen Euro müssten nach jetzigem Stand in Fahrzeuge und Infrastruktur investiert werden, und verschiedene Trassenführungen sind denkbar: Einmal die Route Nellingen - Berkheim - Sirnau - Neckar - Bahnhof Esslingen, dann die Strecke Nellingen - Festo - Esslingen. Und schließlich die von der CDU favorisierte Variante drei: von Nellingen geradeaus Richtung Zollberg, eine rechte Schlaufe, Richtung Pliensauvorstadt, über den Neckar, dann unter Nutzung des bestehenden Schienennetzes in Richtung Bahnhof Esslingen.

Zwei Tunnellösung sind im Gespräch - entweder an der Steigung am Zollberg oder unter der Ludwig-Jahn-Straße im Bereich der Ortslage Nellingen. Zum Zeitrahmen der Baumaßnahme konnte Tim Hauser keine Angaben machen: Das hänge auch von verschiedenen Untersuchungen und deren Ergebnissen sowie zu erwartenden Einsprüchen ab. Im Regionalverkehrsplan der Region Stuttgart, so der Christdemokrat weiter, wird einer Verlängerung der Stadtbahnlinie U7 von Ostfildern zum Esslinger Bahnhof aber eine „hohe verkehrliche Wirksamkeit“ und eine „hohe Dringlichkeit“ zugeschrieben. Allerdings habe dieser Regionalverkehrsplan keinen verbindlichen Charakter mit garantierter Umsetzung. Es handle sich dabei vielmehr um ein „Lobbyinstrument der Region Stuttgart“, eine Handlungsempfehlung, einen Wünschekatalog an das Land und den Bund.

Brandneu und taufrisch ist die Idee dennoch nicht. 1999 wurden die Stuttgarter Stadtbahnlinien U7 und U8 bis Nellingen ausgebaut, und seit 2001 gab es immer wieder Überlegungen und Planungen für eine Erweiterung. Nicht nur von „Grünen“-Regionalrat André Reichel. So brachte Landrat Heinz Eininger 2013 eine Verlängerung der U7 nach Esslingen ins Gespräch, 2015 befassten sich die Ältestenräte von Esslingen und Ostfildern damit, 2017 werden laut Bürgerhaushalt Stuttgart Tangentiallinien zur Entlastung in Stuttgart notwendig.

Warum kommt die CDU also gerade jetzt in die Puschen? Die Frage beantwortete Michael Brucker während der Infoveranstaltung ausführlich: Im Zuge des Greta-Thunberg-Hypes und der „Fridays-for-Future“-Demos habe die Klima- und Umweltschutzdebatte ein neues Bewusstsein geschaffen. Schließlich könnten die CO2 -Emissionen durch die neue Stadtbahn um acht Tonnen pro Tag gesenkt werden. Zudem stimmen die finanziellen Rahmenbedingungen: Die finanziellen Mittel des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) wurden bis 2022 von 170 auf 350 Millionen Euro erhöht. Daher könne mit einem „erheblichen Förderpotenzial“ gerechnet werden. Und im Zuge von „Stuttgart 21“ und der damit verbundenen Aufwertung des Stuttgarter Hauptbahnhofs soll Esslingen nicht abgehängt werden. Durch die Verlängerung der U7 hoffen die CDU-Vorsitzenden, aus dem Esslinger Bahnhof eine „Mobilitätszentrale“ machen zu können. Und bei einer angestrebten Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene sei eine Kapazitätserhöhung im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zudem unerlässlich.

Denn die Christdemokraten sehen eigenen Angaben zu Folge viele Vorteile in einer Stadtbahn zwischen Neckartal und den Fildern - Reisezeitgewinne von 9,8 Minuten pro Fahrgast, eine zusätzliche ÖPNV-Nachfrage von 7.100 Wegen pro Tag auf der betroffenen Linie und eine Entlastung des Straßennetzes. Das große verkehrliche Wirkungspotenzial und die verbesserte Vernetzung von Stadt und S-Bahn sprechen zudem für die Maßnahme. Auch sei die Inanspruchnahme von Flächen durch die angestrebte Tunnellösung gering. Tim Hauser und Michael Brucker verweisen auf stress- und staufreie Fahrten für Pendler, die Erhöhung der Kaufkraft zu Gunsten des Esslinger Einzelhandels auch in der Konkurrenzsituation mit Stuttgart und den steigenden Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Vergrößerung der Festo-Zentrale in Esslingen-Berkheim. Das Projekt U7 hat allerdings auch Nachteile: die hohen Investitionskosten, Eingriffe in das Landschaftsbild, das lange Verfahren und die zu erwartenden Widerstände von Anwohnern und Bürgern.