Hannes Neupert zeigt die einfache Handhabung. Per Knopfdruck fällt die Schublade nach unten und der Defibrillator kann herausgenommen werden. Foto: Alexander Müller

Im Dezember diesen Jahres endet das regionale Radverleihsystem. Der Verein Solar Stuttgart sieht eine Lösung, um vorhandene Strukturen zu erhalten – und um Menschenleben zu retten.

Wie kann die für viel Steuergeld aufgebaute Infrastruktur für das Laden von elektrischen Rädern im Rahmen des regionalen Verleihprojekts Regio Rad Stuttgart erhalten werden? Mit dieser Frage hat sich der Verein Stuttgart Solar in den vergangenen Monaten auseinandergesetzt, und nun eine mögliche Lösung präsentiert: Defibrillatoren statt Leihräder.

Die oft an belebten Verkehrsknoten gelegenen, mehr als 200 Ladestationen in Stuttgart seien prädestiniert als Standorte für die lebensrettenden Geräte. „Wir können etwas Sinnvolles für die Bevölkerung bewirken“, sagt Vorstandsmitglied Hannes Neupert. Denn bisher gebe es laut einer entsprechenden App lediglich zwei öffentlich zugängliche Defibrillatoren in der gesamten Innenstadt. „Und gleichzeitig können wir dafür sorgen, dass die wichtige Infrastruktur für die Verkehrswende nicht unwiederbringlich vernichtet wird.“

Hohe Kosten für Rückbau

Anfang vergangenen Jahres hatte der Stuttgarter Gemeinderat den Stecker gezogen. Angesichts von jährlich 850 000 Euro an Subventionskosten und einer mangelnden Nachfrage wurde die Finanzierung gestrichen, damit endet Regio Rad am Ende dieses Jahres. „Das hat uns auf den Plan gerufen“, erklärt Neupert. Der 1989 gegründete Verein hat bereits in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder am Aufbau der elektrischen Zweiradmobilität in der Landeshauptstadt mitgewirkt – und will nun also ein neues Kapitel aufschlagen.

„Wir sind auf großes Interesse gestoßen“, sagt Neupert. Der bisherige Betreiber BB Connect stellte die benötigten Teile zur Verfügung. Schließlich muss das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn die bisherigen Stationen laut Vertrag mitsamt Fundament wieder zurückbauen, was hohe Kosten mit sich bringen würde. Aber auch die Stadt sollte an einem Erhalt interessiert sein, um die Gelder für die Arbeiten an den Stromleitungen zu sparen.

30 Euro würde laut einem ersten Angebot der Umbau, Erwerb und Wartung des Geräts an einem Standort pro Monat kosten.

Mit dem Hersteller Primedic aus Rottweil wurde dabei bereits ein mögliches Angebot konzipiert. Das beinhalte bei einer Laufzeit von zehn Jahren die Anschaffung, Umbau, Wartung und auch Versicherung der Geräte und der Säulen. „Für 30 Euro im Monat“, sagt Neupert stolz. Der Vereinsvorstand ist dabei sicher, dass für den Betreiber – dass könnten aus seiner Sicht die Stadt oder auch die Stadtwerke sein –, mögliche Sponsoren für die gute Sache leicht zu finden sein würden. Schließlich können Defibrillatoren bei plötzlichen Herzrhythmusstörungen Menschenleben retten.

Der mit Hilfe der Stadtwerke und Crowdfunding erstellte Prototyp demonstriert die Idee: In einem metallenen Glaskasten auf der Ladesäule ist der Defibrillator gut sichtbar verstaut. Per Knopfdruck öffnet sich die Klappe nach unten und ermöglicht den Zugriff auf das Gerät. „Dieses ist für Laien ausgelegt, die genaue Bedienung wird per Ton in mehreren Sprachen erklärt“, sagt Neupert. Gleichzeitig wird von der Ladesäule der medizinische Notfalldienst alarmiert.

In einem zweiten Schritt könne das bisherige Ladesystem wieder reaktiviert werden. Zum Beispiel für den neuen Anbieter oder aber für Privatpersonen. „Denn die vorhandene Infrastruktur wird durch die Aufrüstung nicht beeinflusst“, sagt Neupert. Möglich sei so das Laden aller Arten von elektrischen Zweirädern. Aber für eine Entscheidung dränge die Zeit. Spätestens im Juli müsste mit dem Abbau begonnen werden, um Ende des Jahres fertig zu sein.

Verband begrüßt Ende des Radleihsystems

Bei den Verkehrspolitikern der Region Stuttgart könnte die Idee ankommen, denn dort überwog am Mittwoch die Erleichterung über das Ende des Projekts Regio Rad Stuttgart. Der Vertrag mit dem bisherigen Betreiber DB Connect endet zum 30. November. Zum 1. Januar bietet das Unternehmen Lime ein eigenwirtschaftliches Pedelec-Verleihsystem. Im Verkehrsausschuss bekannte Philipp Buchholz (Grüne) ein großer Fan des Projekts gewesen zu sein und gleichzeitig froh über dessen Ende zu sein. Die letzten Monate seien geprägt gewesen von großen Mängeln, sei es bei der Software, sei es bei den Schlössern. Frank Buß (Freie Wähler) sagte, die Erwartungen an das System seien nicht einmal im Ansatz erfüllt worden. „Es ist gut, dass nun ein Schlussstrich gezogen wird“.

Die Regionalräte gaben der Verwaltung grünes Licht für Gespräche mit dem neuen Anbieter. In denen soll ausgelotet werden, ob der Verband sich finanziell beteiligen könnte, etwa um ein Modell für Freiminuten zu etablieren, in deren Genuss die Inhaber der Polygo-Card kommen könnten. Mehreren Rednern war wichtig, dass dieser Auftrag nicht gleichbedeutend mit einer Zustimmung zu einer etwaigen Kostenbeteiligung der Region an dem neuen Angebot sei.