Quelle: Unbekannt

Im Gespräch mit der EZ bekennt sich Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger ohne Wenn und Aber zur Umsetzung des Bürgerwillens.

EsslingenMehr als 15.000 Esslingerinnen und Esslinger haben im Februar für Erweiterung und Modernisierung der Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof gestimmt. Nun gilt es für die Stadt, diesen Bürgerentscheid umzusetzen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt OB Jürgen Zieger, wie weit die Pläne für die Bücherei schon gediehen sind.

Der Bürgerentscheid liegt ein halbes Jahr zurück – Sie hatten sich im Vorfeld klar für einen Neubau an der Küferstraße ausgesprochen. Wie geht’s Ihnen inzwischen mit dem Votum für den Pfleghof?

Ich hatte mich für die andere Variante ausgesprochen, habe aber nie einen Zweifel gelassen, dass man das anders sehen kann. Deshalb war der Bürgerentscheid für mich keine Niederlage. Ich habe noch am selben Abend gesagt, dass wir ab sofort alles tun, um aus den Möglichkeiten des Bebenhäuser Pfleghofs das Beste zu machen.

Im Gemeinderat haben alle erklärt, dass das Votum für sie bindend sei. In sozialen Netzwerken äußern sich manche nun anders. Da heißt es, der Denkmalschutz oder die Finanzen würden es im Sinne der Neubaubefürworter richten. Ist die Bücherei im Pfleghof doch nicht so sicher?

Ich teile solche Überlegungen und Strategien nicht. Kostspielig sind beide Lösungen, den Denkmalschutz sehe ich gelassen. Wir haben heute ein Verständnis von Denkmalschutz, das den Erhalt historischer Substanz, ergänzt durch neue Elemente, vorsieht. Um die Ansprüche des 21. Jahrhunderts abbilden zu können, muss man eingreifen in historische Substanz. Das ist die beste Voraussetzung, um ein Baudenkmal nachhaltig zu nutzen und zu erhalten.

Ihre Haltung zum Umgang mit Denkmalen ist fortschrittlich. Der Bund Deutscher Architekten wirbt dafür, historische Gebäude im Interesse der Nachhaltigkeit stärker als Ressource für die Zukunft zu nutzen?

Diese Haltung ist gar nicht so neu. Auch als Vorsitzender des Forums Stadt, einer Arbeitsgemeinschaft von 90 historischen Städten, habe ich erklärt, dass ein aufgeklärter Umgang mit historischer Substanz sicherstellen muss, dass sich die Bedürfnisse un­serer Zeit in den Gebäuden abbilden. Dass das gelingen kann, zeigen Beispiele wie das Neue Museum in Berlin, aber auch Projekte in kleineren Städten. Es ist reizvoll, die Bruchlinien zwischen historischer und moderner Bausubstanz zu zeigen. Deshalb bin ich gespannt auf die Entwürfe zum Pfleghof. Dass wir einen größeren Aufwand in Kauf nehmen, muss klar sein – das ist der Preis des Bürgerentscheids. Dafür können wir den Pfleghof dauerhaft und nachhaltig als öffentliche Infrastruktur und Baudenkmal sichern.

Und die Finanzlage der Stadt?

Die ist nicht einfach, aber ich sehe auch da keine ernst zu nehmenden Kräfte, die wegen der Finanzen die neue Bücherei in Frage stellen würden. Das wäre der Bürgerschaft überhaupt nicht zu vermitteln.

Ein Knackpunkt in der Bücherei-Debatte war ein Interims-Quartier für die Umbauzeit. Mit der Stadtwerke-Zentrale haben sie eine neue Variante ins Spiel gebracht ...

...die wir sehr interessant finden. Der Umzug der Stadtwerke ist beschlossen, das bisherige Gebäude ist geeignet. Es ist gut erreichbar und könnte helfen, die Zeit bis zur Rückkehr in den Pfleghof überzeugend zu überbrücken. Mit einer kleineren Zweigstelle in der Küferstraße würden wir unterstreichen, dass unsere Bücherei in der östlichen Innenstadt ihren Platz hat, auch wenn sie einige Zeit in Richtung Westen ausweichen muss.

Was haben Sie sich für die Küferstraße genau vorgestellt?

Das müssen wir mit unserer Stadtbücherei noch konkretisieren. Ich könnte mir eine kleinere Kinder- und Jugendbibliothek vorstellen, ein Zeitschriften-Café, und vielleicht lässt sich mit der Medien-Ausleihe und -Rückgabe etwas machen. Und ich würde mir dort einen Raum wünschen, wo man sich über unser Bücherei-Projekt im Pfleghof informieren kann – vielleicht mit einer Webcam, die den aktuellen Baufortschritt zeigt. Das ist wichtig, weil die Erweiterung und Modernisierung des Pfleghofs fast vier Jahre dauert.

Wie realistisch ist es, geeignete Räume in der Küferstraße zu finden?

Die Küferstraße wird für uns eine Art Prototyp, um Urbanität in der Innenstadt neu zu denken. Es ist zu befürchten, dass es im Bezug auf den Handel zu weiteren Leerständen in der Innenstadt kommen wird. Da liegt die Überlegung, solche Räume anders zu bespielen, auf der Hand. Für die Bücherei schaue ich momentan auf kein konkretes Objekt – da wird es einige geben. Wir können mit solch einer Interims-Lösung eine ganze Reihe von Fragen überzeugend beantworten. Je länger wir diese Idee diskutieren, desto besser gefällt sie uns.

Zunächst hieß es, die Bauarbeiten im Bebenhäuser Pfleghof könnten Ende 2021 beginnen, nun ist ein Baubeginn 2022 im Gespräch, und wenn die Stadtwerke-Zentrale Interimsquartier wird, wird’s sogar Anfang 2023, weil das Gebäude erst Ende 2022 frei wird. Verschiebt sich das Projekt immer weiter nach hinten?

Wir hatten immer einen Baubeginn 2022 im Blick. Da kann man jetzt über Quartale diskutieren, aber der Zeitplan ergibt sich aus dem Entscheidungsgang und den planungsrechtlichen Grundlagen, denn wir brauchen für den Pfleghof einen Bebauungsplan. Ende 2022 ist ein realistischer Zeitpunkt. Nachdem sich mit dem Stadtwerke-Gebäude ein attraktiver und günstiger Interims-Standort ergibt, müssen wir beide Zeitpläne in Einklang bringen.

Der Bürgerentscheid hat drei Jahre bindende Wirkung. Müssen die Pfleghof-Befürworter fürchten, dass die Standort-Debatte dann erneut beginnt?

Das würde ich politisch skandalös finden und kann nur raten, solche Strategien nicht zu verfolgen. Ich stehe dafür als Oberbürgermeister nicht zur Verfügung und lasse nicht den geringsten Zweifel, dass wir den Umbau und die Erweiterung unserer Bücherei im Pfleghof mit aller Kraft umsetzen werden. Es gibt überhaupt keinen Grund, das anders zu sehen. Darüber können etwaige Einzelmeinungen nicht hinwegtäuschen. Wie ernst wir es meinen, sehen Sie auch daran, dass wir dem Gemeinderat empfehlen, das Gelände Küferstraße/Kupfergasse, das für den Neubau gekauft wurde, zu veräußern. Das ist eine Frage der Finanzierung, soll aber auch zeigen, dass wir es ernst meinen mit der Bücherei im Pfleghof.

Das Projekt birgt Chancen. Dennoch scheint bei manchen im Gemeinderat die große Begeisterung noch nicht aufzukommen. Was muss passieren, damit die ganze Stadt dieses Projekt zu ihrem macht?

Wir brauchen einen überzeugenden Entwurf, damit sich jeder ein Bild davon machen kann, welche Chance sich hier bietet. Dann wird das neue Begeisterung entfachen. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als ein historisches Gebäude aus dem 13. Jahrhundert so herzurichten, dass es auf reizvolle Weise Tradition und Moderne miteinander verbindet. Zu einer Stadt wie Esslingen passt dieses Projekt in geradezu idealer Weise.

Das Interview führte Alexander Maier.

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