Weil der Hauptbau der Esslinger Zollbergrealschule mit dem Umweltgift PCB verseucht war, muss die Schule seit Jahren in ein Containerdorf ausweichen. Doch die Arbeiten für ein neues Schulhaus haben begonnen. Jetzt wurde die Grundsteinlegung gefeiert.
Es ist zwar noch nicht das Richtfest, das an der Zollbergrealschule mit vielen Gästen aus Stadt- und Schulverwaltung sowie Lokalpolitik gefeiert wurde, sondern erst die symbolische Grundsteinlegung fürs neue Schulhaus. Trotzdem ist die Freude groß in der Schulgemeinschaft. „Für uns ist es ein Meilenstein, denn es geht voran, wir sehen das Ziel täglich wachsen“, sagte die Schulleiterin Carolin Saar beim kleinen Festakt in der Mensa, von wo man die Baustelle mit den kreisenden Kränen sehen konnte. Im Sommer 2026 ist der Umzug in den Neubau geplant. Bis dahin muss aber weiter in dem weißen Container-Ensemble auf einem der Schulsportplätze unterrichtet werden – mittlerweile schon das sechste Jahr.
Die Schule steht in der schwierigen Zeit zusammen
Die Container, so modern und digital sie innen ausgestattet sind, hätten auch zu rückläufigen Anmeldezahlen geführt, so Saar. Gleichzeitig haben die widrigen Umstände die Schulgemeinschaft aber auch eng zusammenwachsen lassen, betonte Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Dieses Wir-Gefühl brachte der Schulchor unter Leitung von Simone Korell und Barbara Mietchen mitreißend mit dem Refrain „Gemeinsam haben wir’s geschafft, wir stehen füreinander ein“ zum Ausdruck.
Wie bei „Wetten, dass...?“
Die Schule hatte sich einiges einfallen lassen für diesen Nachmittag. Nicht nur dass die Sportklasse 9c einen Tanz aufführte. Im Stil einer Außenwette von „Wetten, dass...?“, so nannte es der Lehrer Alexander Schulz, wurde zudem live in die Mensa übertragen, wie bei nasskaltem Wetter auf der Baustelle eine Zeitkapsel in das Fundament einbetoniert wurde. In der Metalldose befinden sich Zeitungen, Münzen und Unterschriften von allen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften. Kosten wird das Projekt, zu dem neben dem Ersatzneubau für das kontaminierte Haupthaus auch die Sanierung des Pavillongebäudes und des WLB-Baus in der Boßlerstraße 5 gehören, am Ende rund 30 Millionen Euro. In dieser Summe sind laut Stadt die Sporthalle, die Turnhalle mit Nebenräumen und das Mensagebäude noch gar nicht enthalten. Diese Gebäudeteile sollen erst in den kommenden Jahren im Rahmen eines eigenen Sanierungsprogramms in Angriff genommen werden.
Projekt kostet 30 Millionen
Mit dem Neubau – vorgesehen ist eine Konstruktion in Hybridbauweise aus Holz und Beton – sind große Hoffnungen verbunden. Möglich soll dann auch ein neues pädagogisches Konzept an der vor allem für ihren Sportzug bekannten Realschule sein, bei dem noch stärker individuelles Lernen im Fokus steht. „Wir werden bald vor einem tollen Schulhaus stehen“, so drückte es Corina Schimitzek, die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Nürtingen, aus.
„Experten für Grenz- und Blutwerte“
Sie blickte in ihrer Rede auch zurück auf die bewegte Geschichte der Zollbergrealschule. „Wir wurden unfreiwillig zu Experten für Grenzwerte und Blutwerte“, sagte Schimitzek. 2018 hatte ein Vater eines damaligen Schülers die Überprüfung der Räume auf Umweltgifte ins Rollen gebracht. Anfangs waren Schulamt und Stadt noch davon ausgegangen, dass trotz erhöhter PCB-Werte abschnittsweise saniert werden könnte. Aus den Deckenplatten, den Wandfugen und dem Boden dünstete seit Jahrzehnten der giftige Weichmacher aus. Es gab ein strenges Lüftungskonzept und Klassen mussten in die Mensa oder das Lernatelier ausweichen, während andere Bereiche abgesperrt waren.
Kontaminierte Bücher und Geräte müssen bergeweise entsorgt werden
Doch im Mai 2019 wurde die Reißleine gezogen und das Gebäude komplett geräumt. Die Giftstoffe, darunter das besonders gefährliche PCB 118, hatten sich überall festgesetzt. Auch Möbel, bergeweise Bücher, Aktenordner und technische Geräte musste die Schulgemeinschaft zurücklassen. Nur wenige unersetzliche Dokumente durften gerettet werden, mussten aber vorher aufwendig gereinigt werden. Bis das Containerdorf bezugsfertig war, kamen die Schülerinnen und Schüler in der benachbarten Rohräckerschule und teilweise sogar im Jugendzentrum t1 unter. Von Schulen aus der ganzen Stadt wurden Stühle organisiert.
Vergiftetes Gebäude wird Stück für Stück abgetragen
Der PCB-kontaminierte Altbau der Zollbergrealschule, der noch mit Lindan, PCP und Asbest beschwert war, konnte auch nicht einfach so abgerissen werden. Gut eineinhalb Jahre dauerten die Arbeiten, mit denen im Oktober 2022 begonnen worden war. Im April 2024 war der Weg dann frei für das neue Schulhaus. Stück für Stück und Schicht für Schicht musste zuvor der aus dem Jahr 1972 stammende Altbau zerlegt und abgetragen werden. Das alles spielte sich akribisch abgeschirmt von Bauzäunen ab. Denn die Baustelle war gefährlich.
Schulschwerpunkte
Sport und Berufsorientierung
Die dreizügige Realschule mit Sportprofil und offenem Ganztagskonzept ist unter anderem Partnerschule des TVB Stuttgart. Neben der Förderung von Bewegung stehen auch die unterschiedlichen Mint-Fächer im Fokus. Ein Schwerpunkt ist zudem die Berufsorientierung, bei der eng mit externen Partnerfirmen zusammengearbeitet wird.
Belastete Schulen
Auch in Räumen der Grundschulen in Sulzgries und St. Bernhardt und in der Realschule Oberesslingen wurden 2019 erhöhte PCB-Werte festgestellt. Weil die Konzentration aber deutlich geringer als in der Realschule auf dem Zollberg war, wurde dort saniert. Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB, kamen zwischen 1965 und 1980 in Fugen, Bodenbelägen oder beim Brandschutz zum Einsatz. Seit 1989 sind diese krebserregenden Stoffe verboten.