Speed-Dating kennt jeder, aber was ist Speed-Friending? Zum ersten Mal fand in Ludwigsburg im Mehrgenerationenhaus ein solches Event statt.
Nachdem viele Freundinnen Kinder bekommen hatten, änderte sich Tanjas Alltag. „Fürs Ausgehen, Kino, Museum oder mal einen Kaffee war plötzlich keine Zeit mehr“, erzählt sie. Die Freundschaften schliefen ein, denn die Eltern in ihrem Freundeskreis waren immer beschäftigt. Tanja wollte neue Leute kennenlernen – aber wie? „Ich kann ja nicht einfach über den Markt laufen, eine Gruppe ansprechen und sagen: Lasst mal was unternehmen.“
Sie ist deshalb aus Winnenden nach Ludwigsburg gekommen, um beim ersten Speed-Friending am Mittwochabend im Mehrgenerationenhaus teilzunehmen.
Die Idee: Ähnlich wie beim Speed-Dating gibt es kurze Gesprächsrunden. Nach jedem Gespräch wechseln die Teilnehmenden durch. So können sie schnell feststellen, bei wem die Chemie stimmt. Doch hier sollen keine romantischen Beziehungen, sondern Freundschaften zum Quatschen, Ausgehen und Zeit miteinander verbringen entstehen. Lassen sich so Freunde finden?
Auch Franziska ist gekommen, um neue Bekanntschaften zu schließen. Sie hat in Ludwigsburg studiert. Nach dem Studium sind viele Kommilitonen weggezogen. Sie wollte bleiben, denn sie hat hier eine Arbeit gefunden. Nur die Freunde fehlen ihr jetzt.
„Es ist wirklich schwer, neue zu finden“, sagt sie. Denn ihr ist es besonders wichtig, Gemeinsamkeiten zu teilen und auch tiefere Gespräche zu führen. Das brauche aber Zeit.
Ein anderer Teilnehmer, der anonym bleiben möchte, erzählt, dass er derzeit arbeitslos ist. „Viele Menschen lernen auf der Arbeit Menschen kennen. Diese Kontakte fehlen mir“, sagt er. Auch Ausgehen sei für ihn keine Möglichkeit, Bekanntschaften zu knüpfen. „Einfach mal in eine Bar? Das kann ich mir nicht leisten“.
Jede neunte Person in Deutschland fühlt sich einsam
Einsamkeit ist ein großes gesellschaftliches Tabu, sagt Katrin Ballandies, die Leiterin des Mehrgenerationenhauses in Ludwigsburg. „Niemand möchte zugeben, einsam zu sein – aber viele Menschen leiden darunter.“ Das spürt sie auch in ihrer täglichen Arbeit. Das Mehrgenerationenhaus bietet ein vielfältiges Programm an – vom Repair-Café über gemeinsame Mittagstische bis hin zu Spieleabenden.
„Viele unserer Gäste kommen aber nicht nur wegen der Angebote – sondern weil sie Gemeinschaft suchen“, sagt Ballandies. In dem Neubaugebiet würden auch viele junge Familien wohnen. „Viele ziehen hier her und tun sich dann schwer, Anschluss zu finden.“ Einsamkeit ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Früher waren es insbesondere ältere Menschen, die unter Einsamkeit litten, beobachtet Ballandies. Mittlerweile suchen aber auch viele junge Menschen die Angebote des Mehrgenerationenhauses auf, um sich hier auszutauschen und Bekanntschaften zu knüpfen.
Zahlen aus dem Einsamkeitsbarometer 2024 der Bundesregierung bestätigen den Trend: Jede neunte Person fühlt sich einsam. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl an Kontakten, sondern das subjektive Empfinden – also das Gefühl, keine erfüllenden oder tiefgehenden Beziehungen zu haben. Auch wer regelmäßig unter Menschen ist, kann sich demnach innerlich allein fühlen.
Im September soll das nächste Speed-Friending stattfinden
Beim ersten Speed-Friending in Ludwigsburg kamen die Teilnehmenden schnell ins Gespräch. Katrin Ballandies hatte Fragebögen vorbereitet, an denen sie sich orientieren konnten. Darauf standen Fragen wie: Bist du lieber draußen oder drinnen unterwegs? Oder: Was hast du zuletzt Neues ausprobiert?
Den Teilnehmenden ging damit der Gesprächsstoff nicht aus – im Gegenteil: Viele Gesprächspartner hörten gar nicht mehr auf, sich zu unterhalten. Vielleicht sind hier ja schon die ersten neuen Freundschaften entstanden.