Der englische Klassiker „Sturmhöhe“ von Emily Brontë ist schon oft verfilm worden. Aber so viel Erotik wie hier hat man anderswo noch nicht gesehen.
Die erste Adaption im Stummfilmformat von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (auf Deutsch: „Sturmhöhe“) geht auf das Jahr 1920 zurück. Seitdem wurde der 1847 unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichte Roman mehr als zwanzig Mal fürs Kino und Fernsehen verfilmt. Im Schnitt alle drei bis vier Jahre arbeiteten sich Filmschaffende an der toxischen Liebesgeschichte ab, deren Anziehungskraft in ihrer Undurchdringlichkeit liegt: zwei Ich-Erzähler, keine Identifikationsfigur, keine moralischen Einordnungen – und definitiv kein Happy End. Auf die zeitgenössische Leserschaft des viktorianischen Englands wirkte das verstörend. Aber gerade diese düstere Verstörungskraft und radikale Ambivalenz haben dem Roman seinen Status als wegweisenden Klassiker der Weltliteratur eingebracht.
Der Mann liebt nicht, er wird gerade erhängt
Nun hat sich die britische Regisseurin Emerald Fennell – ihr Thriller „Promising Young Woman“ wurde 2021 mit einem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet – den Stoff vorgenommen, ihn mit erfrischender Unerschrockenheit auf die zentrale Lovestory zugeschnitten und einen neuen, gezielt sinnlichen Zugang zur Vorlage gelegt.
Es beginnt nur mit einem Geräusch: dem schweren, sich langsam steigernden Atem eines Mannes. Erst als die Kamera den Blick auf das Geschehen freigibt, wird klar, dass es sich hier mitnichten um orgiastisches Schnauben handelt, sondern um das letzte Röcheln eines Gehängten. Dessen Ableben wird auf dem Marktplatz von einem großen Publikum gebannt verfolgt. Darunter ist auch die junge Catherine, in deren schreckgeweitete Augen zunächst Faszination, dann sogar Euphorie zu erkennen ist. Die Menge johlt, Catherine johlt mit.
Der Junge kommt als „Haustier“
Eine ähnliche innere Aufgewühltheit setzt die Ankunft eines Findeljungen in ihr frei, den der cholerische, trunksüchtige Vater aus Liverpool als „Haustier“ mit auf den Gutshof in Wuthering Heights gebracht hat. Zwischen dem Mädchen und dem Jungen, den sie Heathcliff tauft, entsteht eine enge Bindung, die über das Geschwisterliche hinausgeht. Wenn der gewalttätige Vater Catherine bedroht, nimmt Heathcliff alle Schuld und alle Schläge auf sich.
Schon in der ersten halben Kinostunde zeigt sich die Qualität von Fennells Inszenierung, die eine intensive Nähe zu den Kinderfiguren herstellt. In deren unschuldige Liebe zueinander mischen sich schon früh emotionales Kalkül, mischen sich Abhängigkeitsgefühle und Gewalterfahrungen.
Als einige Jahre später der schwerreiche Textilfabrikant Edgar (Shazad Latif) das Anwesen im fruchtbaren Nachbartal übernimmt, kann Catherine (Margot Robbie) es kaum erwarten, den neuen Hausherren kennenzulernen, der ihr schon bald einen Heiratsantrag macht. Trotz widerstrebender Gefühle entscheidet sich Catherine für die sichere Partie im goldenen Käfig. Der enttäuschte Heathcliff (Jacob Elordi) galoppiert wütend von dannen in den blutroten Abendhimmel – um wenige Jahre später als reicher Geschäftsmann nach Wuthering Heights zurückzukehren. Eigentlich will er sich nur an ihr rächen, aber schon bald siegen auf beiden Seiten die amourösen Anziehungskräfte, was in angemessener Ausführlichkeit bebildert wird.
Natürlich entfernt sich Fennell hier gezielt von der literarischen Vorlage, in der entsprechend der sittlichen Vorgaben der Entstehungszeit des Romans von Sex keine Rede ist. Aber ihre Strategie, den erotisch aufgeladenen Subtext von Brontës Roman herauszuarbeiten und deutlich zu unterstreichen, bewährt sich auf der Leinwand. Die zerstörerische Kraft, die sich aus der dramatischen Liebesbeziehung entwickelt, ergibt im Kontext einer leidenschaftlichen sexuellen Obsession sehr viel mehr Sinn als in einem prüden romantischen Korsett. Schließlich ist „Wuthering Heights“ mit seiner rohen Emotionalität aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als etwa Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Dabei überführt Fennell den Klassiker keineswegs ins gediegene Softporno-Format a la „Fifty Shades of Grey“, sondern findet zu einer visuellen Sinnlichkeit, in der weiblichem wie männlichem Begehren gleichermaßen Raum gegeben wird.
Faustgroße Erdbeeren zum Frühstück
Ohnehin überzeugt dieser „Wuthering Heights“ mit einer fantastischen Bildgestaltung. Stimmungsvolle Naturaufnahmen von windumtosten Hochmoorlandschaften, durch die sich die Braut mit einem gigantischen, wehenden Schleier den Weg bahnt. Opulent ausgestattete Innenräume, in denen der obszöne Luxus mit schrillen Farben veranschaulicht wird und faustgroße Erdbeeren zum Frühstück verzehrt werden. Und immer wieder zeigt die Regisseurin intime Nahaufnahmen, aus denen heraus sich die lodernden Blicke der Liebenden in den Kinosaal hinein brennen.
„Wuthering Heights“ ist definitiv ein Film, den man nicht auf dem Smartphone, sondern auf der großen Leinwand genießen sollte. Ob das Werk aber, wie vom Verleih lautstark beworben, das ideale Valentinstag-Event für verliebte Pärchen ist, darf jedoch entschieden bezweifelt werden. Denn mit rosaroter Romantik hat diese große, vergiftete Lovestory, in der die dunklen und bösartigen Seiten obsessiver Liebe kraftvoll herausgearbeitet werden, auch in dieser Adaption nichts zu tun.
Wuthering Heights. USA/Großbritannien 2026. Regie: Emerald Fennell. Mit Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, 136 Minuten. Ab 16 Jahren