Von wegen „Old Man“! Neil Young lockt am Dienstag 8000 Menschen auf dem Cannstatter Wasen: Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert in Stuttgart
Trump ist nicht gekommen. Als am Dienstagabend 8000 Fans den Auftritt von Neil Young auf dem Cannstatter Wasen feiern, bleibt Donald Trumps Platz leer. Young hat für den US-Präsidenten bei jedem seiner Sommer-Konzerte einen Platz reserviert. „Wir werden keine politische Show machen, sondern Musik, die wir alle lieben und diese dann gemeinsam feiern und genießen“, hatte Neil Young auf seiner Webseite geschrieben: „Präsident Trump, Sie sind eingeladen. Hören Sie sich unsere Musik an, so wie sie es seit Jahrzehnten getan haben.“
Auch ohne Trump im Publikum, hält der 79-Jährige, was er verspricht: Vom schlurfenden Folkrocksong „Ambulance Blues“, mit dem er das Konzert eröffnet, über das grimmige, mit Feedback-Gitarren verzierte „Fuckin’ Up“, bei dem viele im Publikum ihre Klappstühle verlassen, um Richtung Bühne zu stürmen, bis zum sentimentalen Folkklassiker „Harvest Moon“ und schließlich der Rebellen-Hymne „Rockin’ In The Free World“, die als Zugabe dran ist: Die kanadische Rocklegende spielt sich am Dienstagabend auf dem Cannstatter Wasen kreuz und quer durch sein Repertoire aus über 50 Jahren – und verzichtet auf politische Statements.
Kein Song vom aktuellen Album
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Neil Young ist nicht etwa dem sehr exklusiven kleinen Klub der Trump-Unterstützer unter den Rockstars unter dem Vorsitz von Kid Rock beigetreten. Er ist weiterhin neben Bruce Springsteen einer der schärfsten und prominentesten Kritiker Trumps, hat ihm immer wieder verboten den Song „Rockin’ in the Free World“ bei politischen Veranstaltungen zu spielen, und sagt ihm nach wie vor den Kampf an („Ich habe keine Angst vor dir!“). Aber weil er weiß, dass Trump eigentlich ein Fan seiner Musik war, und vielleicht auch, weil er es liebt, unberechenbar zu sein, hat er diese Einladung ausgesprochen, von der er natürlich wusste, dass sie niemals angenommen werden wird.
Apropos unberechenbar: Während sich andere Musiker gerne beim Publikum unbeliebt machen, weil sie statt ihrer Hits vor allem Songs von ihrer aktuellen Platte spielen wollen, steht in Stuttgart kein einziges Stück des Albums „Talkin’ to the Trees“ auf dem Programm, das Neil Young gerade mit seiner neuen Band The Chrome Hearts veröffentlicht hat, die ihn auch auf dieser Tour begleitet. Das Konzert in Stuttgart ist dabei nach Auftritten auf der Berliner Waldbühne und im Sparkassen-Park in Mönchengladbach der dritte und letzte Stop in Stuttgart.
Wunderbar wild und knurrig
The Chrome Hearts sind Micah Nelson (Gitarre, Gesang), Corey McCormick (Bass, Gesang), Anthony LoGerfo (Schlagzeug) und Spooner Oldham (Orgel) – und sie machen zusammen mit Neil Young einen großartigen Job. Als die fünf Männer am Dienstag um 19:40 Uhr für eine knapp zweistündige Show auf die Bühne auf den Wasen kommen, kämpft sich gerade die Sonne durch die Wolken. Und das Publikum, das sich eben noch auf den Stühlen unter Regenumhängen versteckt hatte, wird stattdessen von der Sonne, die hinter der Bühne langsam untergeht, geblendet – und von einer furios aufspielenden Band, die so wunderbar wild und knurrig klingt wie Neil Youngs alte Band Crazy Horse zu ihren besten Zeiten. Und wenn bei dem Konzert in Stuttgart die Gitarren immer wieder zu einem pfeifenden und dröhnenden Knäuel werden, versteht man, warum dieser Mann als der Pate des Grunge gilt.
Aktivist in den Liedern, wortkarg dazwischen
Zwar gibt es beim Konzert auch ruhigere Momente: wenn Young allein an der Akustikgitarre „The Needle and the Damage Done“ spielt, ein verstörendes Klagelied über die Heroinsucht; wenn er dezent von der Band begleitet sein betörendstes Liebeslied „Harvest Moon“ interpretiert; wenn er sich in „Old Man“, einer Ballade, die er schrieb, als er Mitte 20 war, als Vermittler zwischen den Generationen versucht. Doch immer wieder bäumen sich Songs wie „Cowgirl in the Sand“, „Cinnamon Girl“ oder „Fuckin’ Up“ zu mürrisch knurrenden Ungetümen auf, durch die fiepende Gitarren, nölende Orgelharmonien und und störrische Drums toben.
„Like A Hurricane“ und „Hey Hey, My My (Into The Black)“
Spätestens als Young zur wuchtigen Version von „Like a Hurricane“ eine Art Wolkenpiano von der Bühnendecke herabschweben lässt, hält all jene, die nicht schon vorher nach vorne gestürmt sind, nichts mehr auf ihren Stühlen. Und weil er das Publikum sowieso schon schwindelig gespielt hat, legt er gleich noch mit „Hey Hey, My My (Into the Black)" und einer der berühmtesten Zeilen der Popgeschichte nach: „Hey Hey, My My, Rock’n’Roll Can Never Die!“ Rock’n’Roll kann und darf nicht sterben!
In seinen Liedern beweist Young auch sonst immer wieder, dass man als alter weißer Mann kein alter weißer Mann sein muss, verdingt sich als widerspenstiger Aktivist. Das gilt nicht nur für die mit von knackigen Riffs begleitete Freiheitshymne „Rockin’ In The Free World“, sondern zum Beispiel auch für Lieder wie „Be The Rain“, in dem er gegen die Umweltzerstörung ansingt: „Save the planet for another day“ – Rettet den Planeten für einen weiteren Tag.
Doch außerhalb seiner Lieder bleibt Neil Young in Stuttgart wortkarg, wird anders als sein Kollege Bruce Springsteen nicht zum politischen Botschafter eines anderen Amerikas. Mehr als knappe Sätze wie „Wie geht’s euch da draußen?“ oder „Ich hoffe, der Song ist nicht zu persönlich für euch!“ (bevor er „Love to Burn“ spielt) müssen da genügen. Trump hätte die Einladung also ruhig annehmen können.
Neil Young: Setlist in Stuttgart
- Ambulance Blues
- Cowgirl in the Sand
- Be The Rain
- When You Dance, I Can Really Love
- Cinnamon Girl
- Fuckin’ Up
- Love To Burn
- The Needle and the Damage Done
- Harvest Moon
- Looking Forward
- Sun Green
- Like a Hurricane
- Hey Hey, My My (Into The Black)
- Name Of Love
- Old Man
- Zugabe:
- Rockin’ in the Free World