Rainer Kapp, der Stuttgarter Stadtklimatologe, sagt, im Neckarpark sei die Klimaanpassung konsequent umgesetzt worden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Neckarpark gilt als innovativstes Wohnquartier Stuttgarts. Vor allem, weil es als Schwamm gebaut ist. Mit Blick auf die direkte Nachbarschaft wirkt das Viertel aber wie eine Insel.

Als wäre man in einer Kapsel. So kommt es einem vor, wenn man durch den neuen Neckarpark schlendert. Das Quartier, das in Bad Cannstatt hochgezogen wird, ist ein Kosmos für sich. „Fast so eine Art Burg“, sagt Rainer Kapp, der Stuttgarter Stadtklimatologe. Recht hat er.

Haushohe Glasscheiben schirmen die Gebäude vor dem Umgebungslärm ab. Der andere, der große und oft lärmige Neckarpark mit Stadion, Wasen und Schleyerhalle liegt gleich ums Eck. Deshalb die gläserne Abgrenzung im kleinen Neckarpark.

Anders als bei Glaskuppeln kann man hier aber unter den Schutzscheiben durchlaufen. Diese Lücken im Bollwerk sind auch gut für den Durchzug bei Hitze. Und auf die Folgen des Klimawandels ist das Neckarpark-Quartier besonders gut vorbereitet. Rainer Kapp steht in der so genannten grünen Mitte, besser bekannt als Veielbrunnenpark, im Schatten eines Baums. „Ist doch gleich viel angenehmer.“ Er kommt gerade frisch vom Marga-von-Etzdorf-Platz, der steinernen Wüste nebenan. Da ist es an heißen Tagen schon vormittags wie in der Bratpfanne.

Fachleute kommen in Neckarpark nach Stuttgart

Die grüne Mitte indes, um die sich Häuserblocks scharen, ist keine gewöhnliche Wiese. Wäre es so, würden vermutlich nicht immer wieder Fachleute nach Stuttgart kommen, um sich dieses Puzzleteilchen einer Schwammstadt anzusehen. Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsareal, zwischen viel befahrener Mercedesstraße und Bahndamm, bot sich der Stadt die Gelegenheit, auf 22 Hektar ein Quartier ganz neu zu konzipieren. Mit Blick auf die klimatischen Herausforderungen der Zukunft.

„Man hat die wesentlichen Punkte konsequent umgesetzt“, sagt Rainer Kapp. Dieser kleine Fleck Stuttgart – inmitten von Infrastrukturgewimmel und Brachen – ist so saugfähig, dass der Stuttgarter Stadtklimatologe sagt: „Hier ist man relativ gut geschützt vor Starkregen.“ Für andere Teile Stuttgarts würde er das so nicht behaupten.

Die grüne Mitte des Neckarparks in Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Was die Fachwelt in Stuttgart zu sehen bekommt: Den zentralen Deichgraben, der sich zwischen der grünen Mitte und dem langen Hauptweg entlangzieht. Ein unterirdisches System an Zisternen und Rigolen kann Starkregen aufnehmen; zur Not ginge das Wasser über einen Überlaufkanal in den Neckar.

Die grüne Mitte ist ein Hektar groß. „Bei einer solchen Größe bildet sich ein eigenes Stadtklima aus“, erklärt Rainer Kapp. Eine eigene grüne Lunge, die die Bewohner in Hitzenächten hoffentlich durchatmen lässt und sie vor Sturzfluten schützt.

Volksbank Stuttgart hat Hauptsitz im Neckarpark

Noch ist es ruhig im neuen Vorzeige-Viertel. Auf dem Wasserspielplatz mit orangefarbenem Sonnensegel sandeln zwei Kinder. Groß gewohnt wird hier bisher nicht. Vorgesehen sind alles in allem rund 850 Wohneinheiten. Die Bäckerei Treiber eröffnet laut Aushang bald eine Filiale; ein Gastronom stuhlt draußen auf; das Hingucker-Gebäude für eine Kita und Schule ist parat.

In den anderen bereits fertigen Häusern befinden sich vor allem Büros. Die Volksbank, die ihren Hauptsitz (von der Stuttgarter City) hierher verlegt hat, sagt: die meiste Fläche in ihren zwei Gebäuden nutze sie selbst, der Rest sei vermietet. Eine Sprecherin der Dibag sagt, in ihren Gebäuden gebe es nur Restflächen. In den „Stuttgarter Höfen“ der Bülow AG ist noch etwas frei; auf 3400 Quadratmetern aber zieht Sony Europe ein. Von den 123 vollmöblierten Wohnappartements seien bisher 20 Prozent vermietet. Von den 39 Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen bereits 90 Prozent.

Eine Vorgabe im Neckarpark ist: Die Fassaden müssen begrünt werden. Die Bauherren setzen das ganz unterschiedlich um. Hier das neue Gebäude für eine Kita und Schule. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie gut sich der große Rest an Wohnungen, die dort gebaut werden, verkaufen, wird davon abhängen, was schwerer wiegt: die Zukunftsluft im Viertel oder das laute Drumherum. Die Arbeiten an den Wohnhäusern namens „Stuttgart Parkside“ sollen Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Die Strenger-Gruppe aus Ludwigsburg baut dort rund 90 Wohnungen, 30 davon für Mieter. Das luxuriöse Penthouse mit 134 Quadratmetern plus Dachgarten ist laut Website reserviert. Der Quadratmeterpreis liege bei circa 8000 Euro, sagt eine Strenger-Sprecherin. Die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gebe es ab 397.000 Euro.

Weitere Wohnungen – auch mit neuartigen Konzepten – sind von verschiedenen Bauherren oder Baugemeinschaften geplant. Auch die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft möchte hier Wohnungen entwickeln, der Erwerb eines Grundstücks sei für Herbst 2025 geplant, sagt eine Sprecherin.

Eine Besonderheit: Der geplante Anteil an preisgebundenen Wohnungen liege im Neckarpark bei 80 Prozent, sagt Frederike Myhsok, Sprecherin der Stadt. Neben 20 Prozent freifinanzierten Wohnungen, sind 60 Prozent als allgemeine Sozialmietwohnungen und weitere 20 Prozent preisgebundene Wohnungen vorgesehen.“

Für alle Bauten gilt: Die Fassaden müssen begrünt sein. Betonwände heizen sich schnell auf und speichern die Wärme. Die Bauherren setzen die Vorgabe unterschiedlich um. Vom neuen Kita- und Schulgebäude zum Beispiel fließen die Pflanzen optisch hinab; an einem Bürobau hat man sich für eine Art flauschige Wandteppiche entschieden.

Professor aus Stuttgart forscht im Ahrtal

Der Stuttgarter Professor Jörn Birkmann beurteilt das neue Viertel Neckarpark als innovativ. „Das Projekt muss aber durch weitere Maßnahmen im Umfeld ergänzt werden, damit es eine bessere Wirkung für Kühlung und Regenrückhalt sowie nahräumliche Erholung erzielt.“ Birkmann gehört zu den Wissenschaftlern, die den Wiederaufbau im Ahrtal begleiten. „Viele der Industriegebiete im Umfeld am Neckar und Freizeitflächen wie der Wasen sollten mittel- und langfristig umgestaltet werden“, sagt er.

Bis der Namensvetter, also der große Neckarpark, mit all seinen versiegelten Flächen grüner und saugfähiger wird, bleibt der kleine innovative Neckarpark eine Kapsel – ihrer Zeit voraus. Und so lange das so ist, braucht es haushohe Glasscheiben, um Zukunft und Gegenwart von einander abzugrenzen.

Das Quartier in Kürze

Parkgarage
Eines der ersten fertigen Gebäude im Neckarpark war 2020 die architektonisch markante Parkgarage, entworfen von asp Architekten. Dort sollen einmal die Autos und Räder der Quartiersbewohner parken. In den ersten vier Jahren nach Fertigstellung stand sie leer. Nun betreibt sie interimsweise die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Sie dient zudem als Lärmpuffer und Energiezentrale.

Energiekonzept
Das Quartier hängt an einem Niedrigtemperaturnetz, gespeist mit Wärme aus dem Abwasserkanal unter der Benzstraße.