Jutta Zwaschka (links) und Ilona Scharf vor der Plakette an der evangelischen Kirche in Ostfildern-Nellingen. Foto: /Ulrike Rapp-Hirrlinger

Der Naturschutzbund Ostfildern-Nellingen kümmert sich um Turmfalken, Dohlen und andere Tiere in Kirchtürmen und zeichnet die Kirchen aus.

Ostfildern - Als „Lebensraum Kirchturm“ weist eine gelb-braune Plakette die evangelische Kirche St. Blasius im Klosterhof in Ostfildern-Nellingen aus. Verliehen hat sie der Naturschutzbund (Nabu). Er zeichnet damit Kirchengemeinden für ihr Engagement für den Artenschutz aus – zuletzt die evangelische Kirche in Scharnhausen.

Die Nistmöglichkeiten in den Kirchtürmen sollen nicht nur Ersatz für natürliche Bruthöhlen und -nischen in Felsen oder Bäumen sein, die zunehmend weniger werden. „Viele Nistplätze gehen auch verloren, weil die Kirchtürme mit Netzen gegen Tauben verschlossen werden. Damit finden aber auch Fledermäuse, Dohlen, Turmfalken, Schleiereulen oder Mauersegler keine Brutmöglichkeiten mehr“, erklärt Ilona Scharf vom Nabu Nellingen. Türme sind vor allem deshalb ideal, weil viele Tiere die luftige Höhe brauchen. Mit der Aktion wolle man ein Bewusstsein für den Artenschutz schaffen. Sind die Kirchengemeinden aufgeschlossen für tierische Untermieter, werden vom Nabu geeignete Nistmöglichkeiten im Kirchturm eingebaut.

Unterschiedliche Nistkästen

„Das sind meist Maßanfertigungen, die uns ein Schreiner im Ruhestand baut“, sagt Scharfs Mitstreiterin Jutta Zwaschka. Entscheidend ist, dass die Vögel den Nistplatz gut anfliegen können. Zudem muss die Himmelsrichtung für den Anflug passen. Manche Tiere brauchen eine Landemöglichkeit vor dem Einflugloch. Auch die Kästen sind unterschiedlich beschaffen: Während der Turmfalke einen quadratischen Kasten mit einem großen rechteckigen Loch samt Ansitzstange benötigt, schätzen Dohlen eine runde Öffnung. Schleiereulen brauchen wegen ihrer Spannweite ebenfalls ein geräumiges Quartier mit rechteckigem Einlass. Der Mauersegler wiederum brütet lieber in kleinen flachen Kästen, die unter Dachvorsprüngen angebracht sind.

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Bevor Nistkästen in einem Kirchturm eingebaut werden, schauen die Nabu-Engagierten, ob sich dort nicht bereits Fledermäuse niedergelassen haben. Denn diese sind für Turmfalken und vor allem Schleiereulen leichte Beute. „Fledermäuse haben Priorität, weil sie alle auf der roten Liste stehen und stärker bedroht sind als die Vögel“, sagt Scharf. In Ostfildern haben die Turmfalken und Dohlen die Kirchtürme derzeit allerdings für sich. Idealerweise werden die Niststätten der unterschiedlichen Vögel im Turm räumlich getrennt, denn es kommt zuweilen zu Revierkämpfen.

In den Türmen der evangelischen und der katholischen Kirche in Nellingen ist je ein Turmfalkenpaar heimisch. In der evangelischen Kirche gibt es zudem eine Falkenkamera, mit der das Brüten und die Entwicklung des Nachwuchses beobachtet werden kann. „Vor allem für Kinder ist das eine tolle Sache“, berichtet Zwaschka. In diesem Jahr wurde für zwei Vögel sogar ein Namenswettbewerb ausgerufen: „Falco“ und „Turmi“ wurden die beiden schließlich benannt. Inzwischen sind die Jungtiere mit ihren Eltern ausgezogen.

Dohlenkästen in der Kirche im Klosterhof

Ganz ohne Zwischenfälle gehe das oft nicht ab, erzählt Scharf. „Die Jungfalken stürzen oft ab.“ Auch in Nellingen wurde Scharf mehrmals zu Hilfseinsätzen gerufen, weil die Jungen zu früh ausgeflogen waren und dann im Klosterhof strandeten. „Wir haben sie dann immer wieder zurück in den Turm befördert“, sagt Scharf. Für die Kinder der benachbarten Klosterhofschule war das ein spannendes Spektakel. In der Kirche im Klosterhof hat der Nabu vergangenes Jahr auch Dohlenkästen angebracht. Allerdings brauche es lange, bis diese angenommen würden, erklären die beiden Nabu-Frauen. In der evangelischen Kirche in Scharnhausen gibt es seit 2012 sechs Dohlenkästen. Erstmals gebrütet haben Dohlen dort 2018. In diesem Jahr konnte der Nabu die Jungtiere erstmals beringen. Dies sei derzeit die einzige Dohlenkolonie in Ostfildern, erklärt Scharf. Im Raum Esslingen seien Dohlen relativ selten. Auch Schleiereulen gebe es in den Ostfilderner Kirchtürmen derzeit keine, bedauert sie.

Waghalsige Kletterei

Sind die Vögel ausgeflogen, werden die Kästen gereinigt. Im Spätherbst verschließen die Nabu-Mitarbeitenden dann die Öffnungen in den Kirchtürmen, damit sich über den Winter keine Tauben einnisten. Im Frühjahr werden sie wieder geöffnet und danach werde etwa alle zwei Wochen nachgeschaut, was sich in den Nestern tut. Das kann, etwa in Scharnhausen, eine waghalsige Kletterei erfordern, wie Zwaschka beschreibt. Dort führe eine steile lange Leiter zu den Turmfalkenkästen. Halt finde man nur auf einer wackeligen Plattform.

Der Nabu hofft, dass sich noch mehr Kirchengemeinden für das Projekt „Lebensraum Kirchturm“ begeistern. Man stehe jederzeit – im Übrigen auch Privatleuten oder Firmen, die sich für den Artenschutz engagieren wollen – unterstützend zur Verfügung, sagen die beiden Frauen.

Weitere Informationen im Internet unter www.nabu-ostfildern.de

Lebensraum Kirchturm

Nistplätze
 Mit der Aktion „Lebensraum Kirchturm“ setzt sich der Nabu für die Sicherung von Nistplätzen bedrohter Arten ein. Kirchtürme sind optimale Orte, um Brutstätten für Turmfalken, Fledermäuse, Schleiereulen, Dohlen und andere Arten zu erhalten oder neu einzurichten. Kirchen, die sich besonders für den Artenschutz einsetzen, werden mit einer Urkunde und einer Plakette ausgezeichnet.

Aktion
Ins Leben gerufen wurde die Aktion 2007. Damals war der Turmfalke „Vogel des Jahres“. Wie kaum ein anderer ist er auf Nistmöglichkeiten in Kirchtürmen angewiesen. In Baden-Württemberg beteiligen sich rund 240 Kirchen an der Aktion, im Landkreis Esslingen etwa 15. Darunter sind evangelische und katholische Kirchen in Ostfildern, Esslingen, Plochingen, Reichenbach, Baltmannsweiler, Dettingen und Lenningen. Alle Kirchen finden sich unter www.nabu.de, Stichwort „Lebensraum Kirchturm“.