Das vom Regierungspräsidium Stuttgart angeführte Naturdenkmal Lindenbühlsee kennt in Fellbach quasi kein Mensch. Allerdings soll es wirklich existieren – aber wo? Eine Spurensuche.
Jagt jetzt eine Fellbacher (Rems-Murr-Kreis) Fake News die nächste? Noch ein Fellbacher Tümpel, den keiner kennt? Zu Jahresanfang berichtete unsere Redaktion über einen vermeintlichen frisch entdeckten See auf dem Kappelberg. Tatsächlich verbarg sich dahinter ein launiger Gag des Fellbacher Weingärtners Rainer Schnaitmann.
Der Spitzenwengerter ist zugleich Hobby-Fotograf, und für den Jahreskalender 2025 für seine Stammkunden hatte er per Drohne diverse wunderschöne Weinberg-Impression aufgenommen und auf die zwölf Monate verteilt. Für einen bestimmten Monat hatte der Weinfachmann allerdings ein besonderes Schmankerl in petto: eine Fotomontage mit einem Gewässer auf dem Fellbacher Hausberg. Das Rätselraten löste sich beim Blick auf die letzte Seite des Kalenders, wo Schnaitmann die jeweiligen fotografierten Gegenden beschrieb. Zum Seefoto erklärt er im Kleingedruckten: „Aprilscherz: Der obere Speichersee – von KI erzeugt.“
Ist dies der nächste See-Täuschungsversuch?
Dieser Tage, knapp elf Monate später, flatterte nun der offenkundig nächste Täuschungsversuch ins Zeitungspostfach. Erster Eindruck bei oberflächlicher Lektüre: Offenbar wurde nun ein weiterer Fellbacher Phantom-See entdeckt. Dieser Teich hat sogar einen Namen: Lindenbühlsee heißt er, und wird in den ausführlichen Erläuterungen des Absenders der Mail, dem Stuttgarter Regierungspräsidium, als Naturdenkmal bezeichnet.
Erste Recherchen nach dem Standort des Sees führen nicht gerade zum Ziel: Auf den einschlägigen Stadtplänen ist zwar im Stadtteil Schmiden ein Lindenbühlweg, ein Lindenbühlhof und ein Gewann Lindenbühl zu entdecken, nirgendwo allerdings ist selbst bei großräumigerer Betrachtung ein Lindenbühlsee eingezeichnet.
Auch die Pressestelle im Rathaus weiß nichts Genaues und verweist auf den Wikipedia-Eintrag mit einer Liste, auf der der Lindenbühlsee samt Foto als eines der 19 geschützten Naturdenkmale in Fellbach aufgeführt wird.
Immerhin, der Blick ins Archiv unserer Zeitung ergibt drei Treffer in den vergangenen 30 Jahren. Am ausführlichsten wird das vermeintliche Gewässer in einem Artikel über eine Biotop-Radtour von BUND, Nabu und Naturfreunden vom 16. Juni 2000 beleuchtet. Titel: „Auf dem Drahtesel Tiere und Teiche bewundert“.
Schon im Jahr 2000 war kaum Wasser zu erkennen
Die entsprechende Passage: „Begleitet vom Gesang der Feldlerche und der Goldammer fuhr die Gruppe übers Schmidener Feld zum Naturdenkmal ,Lindenbühlsee’. Niemandem war dieses Feuchtbiotop bekannt, und die Bezeichnung ,See’ für diesen isoliert liegenden Tümpel am Rande der Markungsgrenze in Richtung Waiblingen erschien allen doch sehr übertrieben. Hinter Weiden und Brombeerhecken konnte man etwas Wasser erkennen, Lebensraum für Amphibien, Libellenlarven und Posthornschnecken.“
Die Nachfragen beim ortskundigen Stadtrat Jörg Schiller und bei Landwirt Peter Treiber junior ergeben detaillierte Auskünfte, sodass man sich problemlos dorthin lotsen lässt. Erkenntnis: Der nur 0,2 Hektar umfassende, längliche Lindenbühlsee liegt tatsächlich ganz im Osten Schmidens, an einem Feldweg, der wiederum die Stadtgrenze zu Waiblingen bildet.
Wenn man den in der Nähe gelegenen, verlassen wirkenden Aussiedlerhof passiert und am Gewässer-Ziel angekommen ist, muss man allerdings umgehend konstatieren: Seit dem Zeitungsartikel vor 25 Jahren hat sich hier nicht viel entwickelt. Wenig überraschend singen im November 2025 weder Goldammer noch Feldlerche, und ansonsten den Begriff „See“ als übertrieben zu bezeichnen wäre – übertrieben.
Denn von einem Weiher, einem Bächle, einer Quelle, einem Pfuhl, einem Feuchtbiotop ist weit und breit nichts zu sehen. Die von Sträuchern umgebene Senke mittendrin, wo vielleicht irgendwann mal ein Rinnsal war, könnte man derzeit locker mit Wanderschuhen durchstiefeln – was allerdings bei einem Naturdenkmal eher nicht angebracht wäre.
Doch warum kommt das Stuttgarter Regierungspräsidium ausgerechnet jetzt mit dem Lindenbühlsee an die Öffentlichkeit? Nun, die Behörde startet am Montag, 24. November, die voraussichtlich knapp zwei Wochen dauernden, landschaftspflegerischen Arbeiten mit dem Ziel, das Naturdenkmal aufzuwerten. Dies erfolgt als zusätzliche Ausgleichsmaßnahme für verschiedene Baumaßnahmen in Fellbach – als Ergänzung, weil die bisherige Ausgleichsmaßnahme im Weidachtal des Stadtteils Oeffingen nicht so erfolgreich umgesetzt werden konnte wie anfangs gedacht.
Aktuell ist der Lindenbühlsee nahezu vollständig von Sträuchern und Bäumen umgeben und verschattet, die nordwestlich angrenzende Fläche ist überwiegend von Brombeeren überwuchert. Jetzt werden die vorhandenen Sträucher entfernt und fünf kleinere Einzelbäume gefällt, zudem wird eine größere Baumgruppe zurückgeschnitten.
Ziel: Verschattung des Naturdenkmals verringern
Das ermöglicht größeren Lichteinfall, wodurch sich Gräser und Kräuter entwickeln können, sodass dieser Bereich ökologisch aufgewertet wird. Ziel ist es, die Verschattung des Lindenbühlsees zu verringern. Anschließend wird die Fläche mit einer Blühmischung neu eingesät.
Spaziergänger und Gassigeher können die Ausgleichsarbeiten – ein Minibagger ist bereits am Rande des Gestrüpps postiert – noch bis voraussichtlich 5. Dezember beobachten. Und immerhin: Durch die jetzige Verlautbarung des RP dürften der See, seine Existenz und seine Lage nunmehr ein paar mehr Menschen bekannt sein als bisher.