Ein Erinnerungsfoto an neun bereichernde Monate. Erst zurück in der Heimat sei ihr bewusst geworden, wie pro-israelisch Deutschland geprägt ist, sagt Carolin Taut. Foto: EMS/Krüger

Die Kirchheimerin Carolin Taut absolvierte einen Freiwilligendienst in Jordanien. Dort gilt das Motto „Erziehung zum Frieden“. Funktioniert das?

Die Sirene, die am Morgen des 13. Juni in Amman ertönt, ist Caroline Taut noch unbekannt. Die 18-Jährige wirft einen Blick aufs Handy, dann wird ihr schnell klar, was es bedeutet: Israel hat den Iran angegriffen. „Mein erstes Gefühl war nicht Angst, eher die Frage: Wie geht es jetzt weiter?“, erzählt die junge Frau aus Kirchheim unter Teck, die im September vergangenen Jahres ihren Freiwilligendienst an der Theodor-Schneller-Schule in der Hauptstadt Jordaniens begonnen hatte. Bis Ende Juni, insgesamt neun Monate, sammelte sie Erfahrungen im Rahmen von weltwärts, einem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ).

Der Sirenenalarm steht in scharfem Kontrast zu dem Ort, an dem Carolin arbeitet: Die Theodor-Schneller-Schule steht unter dem Motto: „Erziehung zum Frieden“. Die Einrichtung ist mehr als nur eine Schule – sie ist Teil einer langen, bis nach Baden-Württemberg reichenden Geschichte. Ihr Ursprung liegt im Jahr 1860, als der evangelische Missionar Johann Ludwig Schneller aus Reutlingen in Jerusalem das „Syrische Waisenhaus“ gründete. Damals nahm er Kinder auf, die im Bürgerkrieg zwischen Drusen und Christen ihre Eltern verloren hatten.

Die Schnellerschule führt eine Tradition fort

Heute führt die Schnellerschule – gemeinsam mit ihrer Partnereinrichtung im Libanon – diese Tradition fort. Christliche und muslimische Kinder lernen und leben hier gemeinsam. Besonders im dazugehörigen Internat geht es um „Miteinander“. Die Mädchen und Jungen sind in altersgemischten Gruppen – den „Families“ organisiert.

Bildung, Fürsorge und Zusammenleben – wie diese Grundwerte in der Praxis funktionieren, erlebte Carolin täglich im Internat. Hausaufgabenbetreuung, Spielen, Essen oder gemeinsame Feste feiern. Dass die Kinder unterschiedliche Glaubenshintergründe haben, spielte im Alltag zwar eine Rolle, aber eher im Positiven: „Zu Weihnachten haben die christlichen Kinder den Weihnachtsbaum geschmückt. Und zu Ramadan haben manche Muslime gefastet. Das wurde alles akzeptiert“, erzählt Carolin. Lediglich der Religionsunterricht sei zweigeteilt.

Insgesamt sei das Zusammenleben im Internat von einem friedlichen Miteinander geprägt, nicht unbedingt selbstverständlich in diesen Zeiten. Der Gaza-Krieg, der Konflikt zwischen Palästinensern und Juden spielt außerhalb der Schulmauern eine größere Rolle. „Ich wurde manchmal im Bus gefragt: ,Pro-Palestine or Pro-Israel?“, erzählt Carolin. Auch auf Hitler sei sie mal wegen ihres deutschen Hintergrunds angesprochen worden. Sie konnte kaum glauben, was sie zu hören bekam: Man wäre froh, wenn er noch leben würde, um Juden zu töten.

Hunderttausende Palästinenser sind nach Jordanien geflohen

Vorurteile und Hass speisen sich in Jordanien aus zwei Kriegen des 20. Jahrhunderts, die nachwirken. Nach dem Arabisch-Israelischen Krieg 1949 und dem Sechstagekrieg 1967 flohen Hunderttausende Palästinenser – vor allem aus dem heutigen Israel, dem Westjordanland, dem Gazastreifen – nach Jordanien. Schätzungen der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge hat etwa die Hälfte der Bevölkerung palästinensische Wurzeln.

Trotz eines Friedensvertrags mit Israel von 1994 ist die Haltung in Jordanien meist israelkritisch. Der im Land oft benutzte Begriff der „Anti-Normalisierung“ beschreibt die weit verbreitete Ablehnung politischer oder wirtschaftlicher Kooperation mit Israel.

Vor allem mit dem Israel-Iran-Konflikt sei ihr bewusst geworden, wie anti-israelisch die Medien in Jordanien berichten, sagt Carolin. „Ich bin weiterhin deutschen Medien auf Social Media gefolgt, da hat man den Unterschied sehr deutlich gespürt.“

Das Internatsgebäude in Amman Foto: privat

Dass auch jüdische Kinder Teil der Schulgemeinschaft werden könnten, hält Carolin – vor dem Hintergrund der antisemitischen Stimmung – derzeit für kaum vorstellbar. Vor allem nach den Ereignissen des 13. Juni. Wenige Stunden nach dem ersten Aufheulen der Sirenen erfährt Carolin: Die Alarmgeräusche bedeuten, dass die Luftangriffe zwischen dem Iran und Israel auch den jordanischen Luftraum betreffen. Man solle besser im Haus bleiben. Anwohner sollten möglichst nicht am Fenster stehen, weil Trümmerteile von abgeschossenen Raketen herunterfallen könnten. Der dringende Rat: Bei heftigen Luftangriffen im Gebäude verstecken, am besten in Räumen ohne Fenster.

Nach ein paar Tagen seien die Sirenen und Luftangriffe schon Teil des Alltags geworden. „Ich hatte das Gefühl, dass die Einheimischen die Alarme bald nicht mehr ernst genommen haben. Dann war man eben draußen, wenn man gerade draußen war.“ Einen Anblick wird sie nicht vergessen: „Wenn die Raketen am Himmel fliegen, sieht das fast aus wie Sternschnuppen.“

Die Sprache ist eine Herausforderung

Mitteilungen für sie und die anderen vom Freiwilligen Dienst gab es regelmäßig durch das Auswärtige Amt. Außerdem sei immer jemand von ihrer Entsendeorganisation, der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS), ansprechbar gewesen.

Parallel zu den politischen Spannungen kämpfte Carolin mit praktischen Herausforderungen wie der Sprachbarriere: Sie besuchte zwar von Beginn an einen Arabisch-Sprachkurs, doch vor allem im Internatsalltag mit den Kindern sei die Verständigung nicht immer leicht gewesen. Sie erzählt: „Ein kleines Mädchen namens Elina hat ganz schnell verstanden: Wenn ich sie nicht verstehe, kann sie die Fragen umformulieren, solange, bis ich sie verstehe“. Elina habe ihr auch bei jeder Vokabel direkt den Singular und den Plural gesagt. „Sie ist drangeblieben, um mir was beizubringen.“

Was Carolin für den Dienst motivierte? Für sie stand fest: Nach dem Abitur geht es ins Ausland. In ihrem Umfeld und der christlichen Gemeinde in Kirchheim machten viele Auslandserfahrungen – auch mit der EMS. „Ich glaube, als Kind hätte ich mich irgendwo in Südamerika, Afrika oder Südostasien gesehen“, sagt Carolin. Doch dann die Wahl fiel schließlich auf Jordanien – weil da die Bewerbungsfrist im Gegensatz zu anderen weltwärts-Ländern verlängert wurde.

Weltwärts stuft die Einsätze in Jordanien weiterhin als sicher ein. „Die Sicherheitslage dort hat sich nicht verschärft, und sie wird sich auf absehbare Zeit auch wahrscheinlich nicht verschlechtern”, sagt Moritz Osswald von weltwärts. In angrenzende Länder wie dem Libanon, Irak, Saudi-Arabien, Ägypten oder Syrien gibt es keine Entsendungen. Nach Israel, das viele Jahre zum weltwärts-Kosmos zählte, werden seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 auch keine Freiwilligen mehr entsendet. „Sicherheit hat für uns höchste Priorität“, sagt Osswald. Wie Carolin sind im vergangenen Jahr 2500 Freiwillige weltwärts gegangen, darunter 420 junge Menschen aus Baden-Württemberg.

Die Monate in Jordanien haben Spuren hinterlassen

Carolin ist inzwischen zurück in Deutschland. Erst in der Heimat sei ihr aber richtig bewusst geworden, wie pro-israelisch wir hierzulande doch geprägt sind. „Dabei verstehe ich beide Seiten. Das war schon ein Zwiespalt.“ Carolin betont: „Bei jedem Konflikt muss man differenzieren.“

Wie bei vielen Weltwärts-Freiwilligen haben die Monate in Jordanien nachhaltige Spuren hinterlassen. „Ich habe gelernt, wie wichtig echte Begegnung ist“, sagt Carolin Taut. Und das Jahr in Jordanien hat geholfen, eine Entscheidung über ihren Berufsweg zu treffen: Sie wird Soziologie studieren. „Mich interessiert, wie unsere Gesellschaft tickt – und wo sie sich hin entwickelt.“