Das Stuttgarter Museum an der Kulturmeile will – entgegen ersten Ankündigungen – doch keine Medienbegleitung für die Nacktbesuche zulassen. Foto: Haus der Geschichte

Nach dem riesigen Medieninteresse an Nacktbesuchen im Haus der Geschichte verbannt das Stuttgarter Museum nun die Presse. Journalisten und TV-Teams werden nach Zusagen ausgeladen.

Fast hatte man den Eindruck, das real existierende Sommerloch befindet sich auf über 2000 Quadratmetern mitten in Stuttgart. So groß ist die Fläche für die Dauerausstellung des Hauses der Geschichte. Den Sommertemperaturen angemessen geht es dort gerade ums Schwimmen, also um Abkühlung, wenn die Temperaturen steigen. Es geht ums Freimachen. Am 30. August und 13. September dürfen sich die Besucherinnen und Besucher völlig freimachen, sich also ausziehen, um die Ausstellung „Frei Schwimmen“ zu besuchen.

Nackt ist Pflicht“ titelt die FAZ

Das Thema, über das unsere Redaktion zuerst berichtet hat, nimmt bundesweit Sommerloch-Ausmaße an – und auch weit über Deutschland hinaus. Das heißt: Alle wollen darüber berichten, als ob es nichts Wichtigeres gebe. Ob Frühstücksfernsehen oder Talk im WDR-Radio, ob „Times“ in London oder „Welt“ – das Haus der Geschichte kommt groß raus. Die „FAZ“ titelt gar: „Nackt ist Pflicht“. Und das im einst als spießig angesehenen Stuttgart!

Die Ausstellung „Frei Schwimmen“ beschäftigt sich nach Angaben des Museums mit öffentlichen Bädern als Spiegel der Gesellschaft. Mit mehr als 200 Objekten und Fotos will man zeigen, wie neben Gleichberechtigung und Demokratie auch Sexismus und Rassismus, Moralvorstellungen, Ausgrenzung und Vorurteile das öffentliche Baden geprägt haben.

Rechnungshof fordert „neue Strategie“ des Museums

Museen freuen sich normalerweise über Werbung – doch für das Haus der Geschichte ist das Aufsehen wohl doch zu groß geworden. Im Juli hatte der Rechnungshof Baden-Württemberg noch kritisiert, das Stuttgarter Museum bleibe hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Besucherzahlen (unter 50.000 im Jahr) seien unbefriedigend. Die Landesprüfer schlugen deshalb vor, das Haus der Geschichte sollte seine Strategie neu definieren: Es sollten neue Zielgruppen angesprochen und der Museumsbesuch sowie das digitale Angebot attraktiver gestaltet werden.

Neue Zielgruppen? Sind das die Nackten? Nun aber zieht das Haus der Geschichte die Reißleine. Die Medien müssen nun doch draußen bleiben an den Tagen der runtergelassenen Hosen. Zunächst hatte die Pressestelle mitgeteilt, Fotografen und TV-Teams (vier hatten sich bereits angemeldet) könnten in verschiedenen Zeitfenstern beim Nacktbesuch teilnehmen. Sogar konkrete Vorgaben für die Bildberichterstattung waren schon gemacht worden: Die Besucherinnen und Besucher hätten nur von hinten fotografiert werden dürfen, Gesichter wären verpixelt worden.

FKK-Anhänger hätten sich fotografieren lassen

Nun aber der Rückzieher. Plötzlich erklärt – entgegen den bisherigen Mitteilungen – das Museum, bei beiden Veranstaltungen handele es sich „um geschlossene Gesellschaften“. Man wolle das „Schutzbedürfnis und die Persönlichkeitsrechte“ der Nackten berücksichtigen. Etlichen FKK-Anhängern hätte es freilich gar nichts ausgemacht, so fotografiert zu werden wie Gott sie schuf. Denn das sind sie gewohnt. Der Verein GetNaked wirbt etwa dafür, „Body Shaming“ zu stoppen und gegen Beleidigungen und Diskriminierungen wegen vermeintlicher „Unzulänglichkeit“ eines Körpers vorzugehen. Mediale Beachtung hilft den Nudisten, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit vorzustellen und ist deshalb von vielen gewollt.

Befürchtet das Haus der Geschichte etwa, durch die öffentliche Aufmerksamkeit als „Nacktmuseum“ abgestempelt zu werden? Zuerst war man äußerst auskunftsfreudig, freute sich über die vielen Presseanfragen. Nun aber ist die Pressestelle kurz angebunden. Wer die Entscheidung zur Ausladung der Medien getroffen habe – etwa die Museumsleitung? – wird nicht beantwortet. „Dazu sagen wir nichts“, hört man. Museumsleiterin Cornelia Hecht-Zeiler meldet sich nicht. Unsere Redaktion hat mehrmals versucht, sie anzurufen, hat ihr auch eine schriftliche Anfrage gestellt – bisher kam nichts von ihr zurück. Im Urlaub ist sie jedenfalls nicht.

„Das ist traurig, faul und feige“

Klare Worte findet dagegen die Künstlerin Justyna Koeke. Sie bezeichnet den Rückzug als „traurig, faul und feige“. Sie kritisiert, dass das Haus der Geschichte mit der Ausladung der Presse die Chance verpasse, etwas Ungewöhnliches zu schaffen. Ihrer Ansicht nach ziehe sich die Institution aus Bequemlichkeit zurück, weil eine ernsthafte Diskussion zu viel Energie und Zeit kosten würde. „In Erinnerung bleibt nur das Ungewöhnliche“, sagte sie.

Künstler Norbert Nieser Foto: privat

Auch der Künstler Norbert Nieser ist enttäuscht. Es sei eine mutige Idee gewesen, sagt er, die mit Pressebegleitung sicher spannende Berichte ermöglicht hätte. Dass das Museum nun zurückrudere, wirke zwar „etwas verklemmt“. Gleichzeitig könne er nachvollziehen, dass Verantwortliche Angst vor unpassenden Schlagzeilen oder Shitstorms gehabt hätten. Letztlich sei es zwar verständlich, aber doch eine verpasste Chance, sagt Nieser.