Beim VfB stand in dieser Saison mit Yanik Spalt nur ein einziger Spieler aus der eigenen Jugend in einem Pflichtspiel auf dem Platz. Allein ist der Club mit diesem Problem aber nicht.
Durch das jüngste 1:2 beim FC St. Pauli hat die Euphorie rund um den VfB zwar einen kleinen Dämpfer erhalten – doch insgesamt gibt der Club derzeit nur wenig Anlass zur Kritik. Der VfB ist in allen Wettbewerben erfolgreich unterwegs: Jüngst wurde das dritte DFB-Pokal-Halbfinale binnen vier Jahren erreicht; in der Bundesliga kämpft man um die Champions-League-Plätze und in der Europa League stehen die Cannstatter in den Play-offs.
Während der VfB sportlich überzeugt, ist vom eigenen Nachwuchs allerdings auf höchster Ebene wenig zu sehen. Beinahe hat es den Anschein, als sei der Sprung aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) bis in die Bundesliga-Mannschaft für die Talente des Clubs nahezu unmöglich. Die Stuttgarter – und nicht nur sie – besitzen also ein Problem beim Thema Durchlässigkeit.
Die letzten Youngster, die sich in Stuttgart aus dem eigenem Nachwuchs zu einem wichtigen Bestandteil der Mannschaft mit regelmäßigen Spielminuten entwickelt haben, waren Timo Werner und Timo Baumgartl – beide starteten allerdings vor über zehn Jahren ihre Profikarriere. Berkay Özcan und Lilian Egloff sammelten seitdem beim VfB zwar die meisten Spielminuten als Spieler aus dem eigenen NLZ, setzten sich aber in Stuttgart nicht nachhaltig durch.
Im aktuellen Kader des VfB stehen lediglich zwei Eigengewächse, also Spieler, die bereits ab der U-17-Mannschaft das Trikot mit dem roten Brustring trugen: Das sind der Torhüter Florian Hellstern und der Mittelfeldspieler Mirza Catovic. Keiner der beiden kam aber bislang in einem Pflichtspiel der Lizenzmannschaft zum Einsatz. Lediglich das 18-jährige Eigengewächs Yanik Spalt durfte am letzten Spieltag der Europa-League-Ligaphase etwas mehr als zehn Minuten Profiluft schnuppern. Das war beim 0:2 bei der AS Rom, einer Partie, in welcher die Stuttgarter diverse personelle Probleme plagten.
Auch der Trainer Sebastian Hoeneß ist sich der Thematik bewusst – und wünscht sich künftig mehr Einsatzzeit für die Nachwuchsspieler. „Wir haben alle das größte Interesse daran, dass sich das ändert“, sagte Hoeneß zuletzt vor dem Europa-League-Spiel gegen die Young Boys Bern. „Wir müssen schauen, dass wir die Jungs langsam aber sicher da oben reinkriegen“, so der VfB-Coach weiter. Gleichzeitig betonte er aber, dass sich solche Dinge eben entwickeln müssten. Sprich: die eigenen Youngster sind offensichtlich noch nicht reif für höchste Aufgaben.
Ähnlich ordnet Hannes Wolf das Szenario ein, dem als Cheftrainer des VfB in der Saison 2016/17 der direkte Wiederaufstieg in die erste Liga gelang. Wolf ist aktuell Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) – und zudem der Trainer der deutschen U-20-Nationalmannschaft. „Das ist nicht nur ein VfB-Thema. Wir hatten in Deutschland generell eine Phase, in der wir zu wenig Spieler entsprechend ausgebildet und entwickelt haben“, sagte Wolf im Rahmen einer Schulung des DFB in der Stuttgarter Porsche Arena.
Tatsächlich war die Nachwuchsausbildung in Deutschland lange von wenig freiem Spiel und einer starken Fokussierung auf taktische Inhalte geprägt, wie eine interne Analyse des DFB ergab. In den vergangenen Jahren steuerte der Verband daher mit einer neuen Trainingsphilosophie für Deutschland gegen, bei der unter anderem in kleineren Spielfeldern mit kleineren Gruppen vor allem die Anzahl der Ballkontakte pro Trainingseinheit erhöht wird.
Doch dieser Prozess braucht offensichtlich Zeit, so bleibt der Übergang von der U 19 zu den Profis bundesweit weiter eine große Hürde. „Der direkte Weg nach oben ist nicht so einfach“, sagte Wolf.
Stattdessen führt der Beginn der Profikarriere immer häufiger über den Umweg einer Leihe. „In meiner ersten U 20 beim DFB haben unter anderen Nick Woltemade, Fisnik Asllani, Paul Nebel und Maximilian Beier gespielt. Die waren alle ausgeliehen – und haben nicht den direkten Weg genommen.“ So sammelten die Spieler in der zweiten Bundesliga ihre Erfahrungen – und sind nun gestandene Bundesliga- oder Premier-League-Profis.
Auch beim VfB könnte es in der kommenden Saison zu erfolgreichen Rückkehrern kommen. Laurin Ulrich (1. FC Magdeburg) und Dennis Seimen (SC Paderborn) spielen eine zentrale Rolle bei ihren Leihclubs in Liga zwei und dürften beim VfB den Anschluss in den Profikader finden. Jarzinho Malanga (SV Elversberg) oder der mit einer Rückkaufoption ausgestattete Benjamin Boakye (Arminia Bielefeld) kommen in Liga zwei ebenfalls regelmäßig zum Einsatz.
Auch wenn nicht alle der Genannten langfristig in der Bundesliga-Startelf des VfB landen werden, ist das Ziel des Clubs dennoch klar: die Durchlässigkeit für die eigenen Talente muss erhöht werden – das weiß auch der Erfolgstrainer Sebastian Hoeneß: „Das finale Ziel muss immer sein, dass die eigenen Jungs auch bei uns im Stadion auflaufen.“