Die Metzgerei am Bubenbad ist seit Anfang 2026 geschlossen. Chryso Makri (re.) wollte stets lieber ein Bild von sich aus jungen Jahren zeigen, sagt ihr Sohn Christos. Foto: Steegmüller, privat

Chryso Makri war für ihre Kunden mehr als eine Verkäuferin: „Sie war eine Institution“, sagt eine, „sie hatte ein großes Herz“, ein anderer. Ihr Tod ist ein großer Verlust.

Seit Wochen stehen vor der Metzgerei am Bubenbad immer wieder frische Blumen und Kerzen. Chryso Makri ist kurz vor Silvester plötzlich verstorben – und sie wird schmerzlich vermisst. Eigentlich hatte sie schon längst das Rentenalter erreicht. „Aber der Laden war ihr Leben“, sagt ihr Sohn Christos Makris. Von 4 Uhr morgens an stand sie in dem Geschäft, um für ihre Kunden Mittagstisch zu kochen, Olivenstangen und süße Stückchen zu backen, Feierabend machte sie erst nach 18 Uhr. Nicht nur mit ihren Fleisch- und Wurstwaren, ihren Maultaschen und dem berühmten Kartoffelsalat, für den sie jeden Tag zehn Kilo Kartoffeln schälte, begeisterte sie ihre Kunden. Für die Bewohnerin des Stadtteils Gänsheide war die Metzgerin „eine Institution“ – und ihre Metzgerei ein Treffpunkt.

Erst die Lehre, dann der Meister als Metzgerin

Chryso Makri kam 1970 aus Griechenland nach Bietigheim-Bissingen. Mit ihrer Schwester fand sie bei der Metzgerei Reinhardt eine Anstellung, absolvierte die Fleischerlehre und die Meisterprüfung. Ihr Chef habe sie gefördert, erzählt der Sohn. Der Betrieb ging allerdings in die Insolvenz, Chryso Makri machte sich in Stuttgart selbstständig.

In der Unterführung beim Breuninger übernahm sie eine Metzgerei und die Bäckerei nebenan. Als sie ihr Geschäft vor rund 20 Jahren verkleinern wollte, wurde sie am Bubenbad fündig. Ihre Schwester arbeitete viele Jahre mit, der Ehemann half auch, bis der mittlerweile 83-Jährige aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte. Zuletzt unterstützte sie ihr Sohn.

Immer wieder frische Blumen vor der Metzgerei am Bubenbad: „Es ist eine Riesenlücke entstanden“, sagt ein Nachbar. Foto: Sebastian Steegmüller

Wer bei ihr einkaufte, bekam auf Wunsch zum Fleisch gleich ein Rezept. Chryso Makri verwendete keine Fertigprodukte: Kasseler im Blätterteig, Wirsingrouladen oder auf griechische Art gefüllte Paprika und andere Spezialitäten aus ihrer einstigen Heimat kochte sie, „alles, was es heute nicht mehr gibt“, fasst ihr Sohn zusammen. Am Wochenende backte sie Rosinenbrötchen und bot griechische Süßspeisen an. Als der letzte Lebensmittelladen auf der Gänsheide schloss, erweiterte sie das Sortiment um Gemüse, Obst, Eier sowie Brot – für die älteren, nicht mehr so mobilen Kunden. Schüler bekamen bei ihr Schnitzelbrötchen zum halben Preis oder auch mal umsonst. Wer kein Geld dabei hatte, durfte die Einkäufe trotzdem mitnehmen, Chryso Makri vertraute darauf, dass sie irgendwann bezahlt werden würden.

In der Metzgerei am Bubenbad wurde viel gelacht

„Sie war eine Institution“, sagt Sylvia Tsoukas. Ihre Arbeit habe aus viel mehr bestanden, als nur Lebensmittel zu verkaufen, findet die 73-Jährige aus der Nachbarschaft, deren Mann wie Chryso Makri aus dem griechischen Pindos-Gebirge stammte. Sie habe sich immer kurz Zeit für „ein nettes Gespräch über Gott und die Welt“ genommen oder aufmunternde Worte gehabt, kannte alle Kunden beim Namen, habe sich um jeden gekümmert. In der Metzgerei wurde viel gelacht. Zur Trauerfeier kamen fast 100 Menschen. „Daran sieht man die Wertschätzung“, sagt Sylvia Tsoukas.

„Man müsste ihr ein Denkmal setzen“, findet der Nachbar Daniel Hartmann. Menschen, die so hart arbeiten, so freundlich, fröhlich und ehrlich seien, gebe es heutzutage nicht mehr. Obwohl er Vegetarier ist, wurde der 49-Jährige Stammkunde und ging wie viele im Viertel zum Einkaufen „zur Frau Makri“. Für ihn war die Metzgerin eine Marke. Griechische Gastfreundschaft und schwäbische Gründlichkeit verkörpert sie für den Musiker, „eine starke Frau“, die die Bewohner im Viertel zusammenbrachte und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit vermittelte. Ihr Tod sei ein ganz großer Verlust: „Jetzt ist eine Riesenlücke entstanden.“

Noch in ihrer Arbeitskleidung schlief sie daheim auf dem Sofa ein und wachte nicht mehr auf. Die dreifache Großmutter wurde 72 Jahre alt. Sie sei nie zum Arzt gegangen, erzählt ihr Sohn, habe nie auf sich selbst aufgepasst. „Die Metzgerei war ihr Leben, ohne die Kundschaft und das Geschäft ging es nicht“, sagt er. Einen Hoffnungsschimmer für die Nachbarschaft gibt es: Ein größerer Betrieb hat Interesse angemeldet, den seither geschlossenen Laden zu übernehmen. Christos Makri kann sich vorstellen, weiter in der Filiale zu arbeiten, denn: „Das war der Wunsch meiner Mutter.“