Der Stöffler-Platz am Anfang der Köngener Fußgängerzone ist derzeit verwaist. Foto: Tom Weller - Tom Weller

Ohne Supermarkt fehlt etwas in Köngen. Vor allem Menschen ohne Auto sind benachteiligt.

KöngenEine Rentnerin, die mit ihrem Rollator in der Köngener Fußgängerzone unterwegs ist, macht ihrem Ärger Luft. „Es ist einfach beschissen.“ Nach der Schließung des Discounters Treff 3000 hat sie derzeit keine Möglichkeit mehr, in den Laden zu gehen und Lebensmittel für den täglichen Bedarf zu holen. Zwar fahre ihre Tochter sie immer in den Supermarkt. Ein Stück Unabhängigkeit geht da aber für sie und für viele andere Senioren verloren. Um den Leerstand möglichst bald zu beenden, verhandelt Bürgermeister Otto Ruppaner derzeit mit den Vertretern großer Lebensmittelketten. „Wir sind zuversichtlich, bald eine Lösung zu finden“, bestätigt der Verwaltungschef. Ein fester Vertrag sei aber noch nicht unterschrieben.

Im Rennen ist offenbar der Markendiscounter Netto, der auf einem Plakat am ehemaligen Treff 3000 bereits neue Mitarbeiter für den Standort suchte. Von dem Unternehmen war allerdings noch keine Bestätigung zu bekommen: „Wir können jetzt noch nichts kommunizieren“, war in der Zentrale zu erfahren. Um den Leerstand bald zu beheben, wirbt der Verwaltungschef bereits seit Monaten um Interessenten für die Ladenfläche in der Fußgängerzone. Da die Räume stark renovierungsbedürftig sind, muss der Vermieter zunächst in die Sanierung investieren.

Um die Interimszeit zu überbrücken, tun die Einzelhändler in der Fußgängerzone Hirschstraße viel, um die Kundschaft nicht im Regen stehen zu lassen. Allerdings haben jetzt in den Sommerferien einige Läden geschlossen. Seit gestern hat die Löwen-Metzgerei Blessing und Kurz wieder geöffnet. „Wir haben Bio-Produkte, Joghurt und Butter ins Angebot aufgenommen“, bestätigt Sonja Kurz-Blessing.

Geschäfte erweitern die Angebote

Käse, Salate und ein Tagesessen von Montag bis Freitag hat die Metzgerei schon lange im Angebot. „Das tun wir gerne für die Kunden, früher war das in Metzgereien üblich“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Die Metzgerei betreibt auch einen Automaten, an dem 24 Stunden täglich perfekt gekühlte Wurst, Dosen, Fleisch und sogar Getränke zu haben sind. „Wir bewerben unsere Angebote im Internet“, sagt Kurz-Blessing. Man müsse mehr denn je über moderne Marketing- und Vertriebsformen nachdenken, ist Sonja Kurz-Blessing überzeugt. Von ihren Kunden weiß sie, dass ohne Supermarkt etwas in der Ortsmitte fehlt.

Der Obst- und Gemüsefrischmarkt Demirtürk am Stöffler-Platz hat Molkereiprodukte ins Angebot aufgenommen, damit auch weniger mobile Kunden ihren Grundbedarf im Zentrum bekommen. „Die haben jetzt Ferien, da fehlt wirklich was“, findet eine junge Mutter mit Kinderwagen. Sie müsse jetzt öfter ins Kö 8 fahren, was mit dem Baby umständlich sei. Den Treff 3000 vermisst auch die Rentnerin Karin Weil. „Ich war drei Mal die Woche dort, um einzukaufen.“ Und das Geschäft sei immer voll gewesen. Zwar fährt sie auch ins Kö 8, aber der schnelle Einkauf unter der Woche sei jetzt schwieriger.

Froh ist Inge Wisst (82), dass sie ihren Sohn hat. „Der fährt mit mir einkaufen, sonst hätte ich wirkliche Probleme.“ Sie weiß aber von vielen Seniorinnen und Senioren, die alleinstehend sind: „Die sind jetzt aufgeschmissen.“ Dass der Bürgerbus jetzt auch ins Neckartal zum Aldi und ins Einkaufszentrum Kö 8 fährt, findet Wisst gut. Das sei aber für viele beschwerlich, weiß die rüstige Rentnerin. Dass Edeka die Treff-Märkte einfach so aufgegeben habe, ärgert Inge Wisst. „Das ist unverschämt gegenüber den Kunden, die nicht mehr so gut zu Fuß sind.“

Viele Köngener haben mit dem Leerstand Probleme. Das bestätigt Iris Schmauk: „Für ältere Menschen ist es schwer, sich in den großen Einkaufsmärkten im Neckartal zurechtzufinden.“ Die Floristin bietet in ihrem Geschäft in der Hirschstraße auch Essig und Öl an, um den Leerstand zu überbrücken. Da hätten ihre Kollegen sich viel einfallen lassen, lobt sie die Initiative der Geschäftsinhaber in der Ortsmitte.

„Wir brauchen hier wieder einen Einkaufsmarkt“, findet die Sprecherin des Werberings im Bund der Selbstständigen (BdS). Der Treff 3000 hat aus ihrer Sicht viele Kunden in die Ortsmitte gebracht. „Es ist schon ärgerlich, dass wir den Drogeriemarkt nach dem Aus für Schlecker verloren haben.“ Schmauk ist überzeugt, dass sich ein Lebensmittelmarkt in der Köngener Ortsmitte rechnet. Die Gefahr, dass die Fußgängerzone in den Monaten des Leerstands ausblutet, sieht sie nicht. Mit den Ärzten und der Praxis für Physiotherapie sei das Zentrum nach wie vor belebt. „Wir machen den Köngenern so attraktive Angebote, dass sich der Besuch in der Ortsmitte trotzdem lohnt.“ Da gelte es jetzt, die Kundschaft zu überzeugen.

Um den weniger mobilen Kunden zu helfen, hat der Bürgerbusverein sein Netz erweitert. Die Fahrerinnen und Fahrer steuern jetzt auch den Discounter Aldi und das Kö 8 im Neckartal an, um die Monate des Leerstands zu überbrücken. „Da hat uns das Landratsamt sehr unterstützt“, sagt Hauptamtsleiter Gerald Stoll. Es sei kein Problem gewesen, den Fahrplan auszuweiten.

Es kommentiert: Elisabeth Maier

Die Zeichen mehren sich, dass sich für die Ladenfläche des Treff 3000 in Köngen eine Lösung findet. Das ist dringend nötig, denn schon jetzt klagt nicht nur die weniger mobile Kundschaft über die Lücke in der Nahversorgung in Köngen. Dass Edeka Südwest den gut frequentierten Standort in der Ortsmitte kurzfristig aufgab, ist ärgerlich. Umso besser, dass die monatelangen Verhandlungen, die Bürgermeister Otto Ruppaner führte, jetzt Wirkung zeigen. Er erreichte auch, dass Edeka den Mietvertrag kündigen wird, sobald ein neuer Mieter für den Laden am Stöffler-Platz gefunden ist.
Dem Leerstand zum Trotz kämpfen Köngens Einzelhändler um ihre attraktive Ortsmitte. Sie haben flexibel reagiert, ihr Angebot vorübergehend erweitert. Gerade in Köngen leben viele ältere Menschen im Ortskern. Die Gemeinde hat einiges investiert, um die Fußgängerzone mit einem barrierefrei gepflasterten Streifen gerade für Eltern mit Kinderwagen und Rollatoren zugänglich zu machen.
Dass nach Ruppaners Worten gleich zwei Interessenten für den Laden im Rennen geblieben sind, zeigt, dass sich der Kampf offenbar gelohnt hat. Aber das Aus für den Treff 3000 in Köngen und Denkendorf wie auch für den Edeka-Markt in der Wendlinger Stadtmitte macht deutlich, wie schwer es für Kommunen geworden ist, eine attraktive Nahversorgung aufrecht zu erhalten. Die aber ist angesichts des demografischen Wandels wichtiger denn je.
Da gilt es nicht nur für die Kommunalpolitiker, den Einzelhandel zu stärken. Vor allem entscheiden die Kundinnen und Kunden, ob sich ein attraktives Sortiment auch in kleineren Gemeinden und Städten rechnet. Klagen hilft nicht. Wer im Supermarkt nur einen Hefewürfel kauft, und für den Großeinkauf auf die grüne Wiese setzt, darf sich nicht wundern, wenn Läden ausbluten. Schließlich sind die Einzelhändler gefordert, mit guter Beratung, aber auch mit neuen Vertriebswegen wie Online-Handel oder Lieferservice die Kundschaft zu halten.

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