Die Tötung von Luca S. am Kronenhof, eine Hausdurchsuchung nach Bombendrohung in Zell – derzeit häufen sich in Esslingen die dramatischen Ereignisse. Was macht das mit der Stimmung in der Stadt?
Derzeit will in Esslingen einfach keine Ruhe einkehren. Während der Schock über den gewaltsamen Tod von Luca S. weiter nachwirkt, folgte am vergangenen Dienstag schon die nächste beunruhigende Schlagzeile. Im Stadtteil Zell war die Polizei nach einer Bombendrohung mit einem Großaufgebot im Einsatz und durchsuchte eine Doppelhaushälfte. Wie reagieren die Menschen in der Stadt auf diese Ereignisse? Grassiert in Esslingen nun die Angst?
Das nicht, sagt Angelika Schmierer, aber „ein ungutes Gefühl“ habe sie schon. Die 59-Jährige wohnt in der Nähe des Zeller Bahnhofs. Sie fühle sich in dem Stadtteil schon länger unsicher und habe stets einen Schlagstock in der Tasche. Die erhöhte Polizeipräsenz nach der Durchsuchung am Dienstag kommentiert Schmierer mit den Worten: „Das finde ich gut.“ Ein 53-Jähriger Anwohner hatte Nachbarn mit dem Tod bedroht. In seiner Wohnung in der Hauptstraße waren außerdem Sprengstoff und möglicherweise Waffen vermutet worden, deshalb nahm die Polizei den Mann in Gewahrsam. Allerdings wurden bei ihm keine gefährlichen Gegenstände oder Substanzen gefunden.
Vorwurf der „Narrenfreiheit“ nach Hausdurchsuchung in Zell
Servet Erol will den Vorfall ohnehin nicht überbewerten. Der 53-Jährige sei Stammkunde bei ihm gewesen, sagt der Inhaber von Servet’s Kebabhaus. „Er ist kein schlechter Mensch, aber psychisch sehr krank.“ Als Erol von der Durchsuchung hörte, sei ihm schon klar gewesen: „Keine Chance, dass der eine Bombe gebaut hat.“ Uwe Mäckle schätzt die Lage dagegen anders ein. Er ist der Eigentümer der Doppelhaushälfte, die direkt an die des 53-Jährigen angrenzt. Der Mann sei nach seinem Einzug zunächst sehr umgänglich gewesen, das habe sich aber vor einigen Jahren geändert. Mäckle erzählt: „Irgendwann sind seine Frau und seine Kinder ausgezogen, weil er so aggressiv geworden ist.“
Der 53-Jährige habe immer wieder Nachbarn und Passanten – insbesondere Frauen – beleidigt und bedroht. „Meine Mieterin hat mir gesagt, sie fühle sich dort nicht mehr wohl“, berichtet Mäckle. Dennoch griffen die Behörden lange Zeit nicht ein. Mäckle hat zwar ein gewisses Verständnis für die Zurückhaltung. Über Maßnahmen wie Hausdurchsuchungen, die in die Grundrechte der Betroffenen eingreifen, sagt er: „Das ist ein schmaler Grat, das kann auch in die andere Richtung ausschlagen.“ Bei dem 53-Jährigen spricht Mäckle jedoch von „Narrenfreiheit“, die Reaktionen der Behörden hätten lange in keinem Verhältnis zu den Drohungen gestanden. Mäckle ist froh, dass in dem Haus nichts Gefährliches gefunden wurde, „aber das weiß man halt erst, wenn man nachgesehen hat“. Für ihn steht fest, dass der Fall am Kronenhof der Auslöser gewesen ist, die Wohnung des 53-Jährigen nun doch zu durchsuchen.
Sicherheit in Esslingen: „Polizeipräsenz nicht die Lösung“
Am Todesort von Luca S. in der Innenstadt halten immer wieder Menschen inne und blicken nachdenklich auf die Hausruine und die Gedenkplakate am Absperrungszaun. So auch Peter Müller. Der 66-Jährige lebt inzwischen in Plochingen, ist aber in Esslingen aufgewachsen und weiterhin oft in der Stadt. Trotz des Anblicks vor ihm sagt er: „Ich fühle mich hier nicht unsicher.“ Solche Ereignisse wie der tödliche Mietstreit seien zwar dramatisch, aber auch Ausnahmen. Müller stören eher kleinere Dinge, er nehme zum Beispiel auf dem Bahnhofsvorplatz ein diffuses Unsicherheitsgefühl wahr. Er sagt allerdings: „Eine erhöhte Polizeipräsenz an einem Ort ist nicht die Lösung, dann verlagert sich das Problem nur.“
Nur wenige Hundert Meter entfernt vom Kronenhof liegt statt Trauer und Unruhe Feierstimmung in der Luft. Kein Wunder, es ist Mittelalter- und Weihnachtsmarkt. Den 35-jährigen Maik Seeger aus Waiblingen haben die jüngsten Vorfälle in der Stadt nicht von einem Besuch abgehalten. Er sagt: „Esslingen war zuletzt zwar öfters in den Schlagzeilen, aber ich habe deswegen jetzt nicht das Gefühl, dass die Sicherheitslage schlechter geworden wäre.“
Auch Julius Bruns, Student an der Esslinger Hochschule, sagt auf dem Weihnachtsmarkt: „Ich persönlich schränke mich nicht ein.“ Er wolle die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen zwar nicht herunterspielen, aber als gefährliches Pflaster nehme er seinen Wohnort dennoch nicht wahr. Der 26-jährige Bruns, der zum Studieren aus dem Ruhrgebiet ins Schwabenland gekommen ist, sagt: „Für mich bleibt Esslingen eine schöne, schnuckelige Stadt.“
Hintergrund
Konsequenzen
Die Polizei hat den 53-Jährigen aus Zell in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Ob sich der Mann wegen einer Störung des öffentlichen Friedens durch Androhen von Straftaten irgendwann vor Gericht verantworten muss, war nach der Hausdursuchung noch unklar. Im Fall der Tötung von Luca S. steht der Vorwurf des Behördenversagens im Raum. Neben dem Vater des Opfers hatte auch ein Anwalt die Polizei schon vor der Tat vor dem Tatverdächtigen gewarnt. Inzwischen beschäftigt sich aus Gründen der Objektivität die Staatsanwaltschaft Heilbronn mit der Frage, ob hier Versäumnisse vorliegen.
Statistik
Die Zahl der Straftaten in Esslingen ist 2023 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Konkret wurden im vergangenen Jahr 4507 Straftaten angezeigt, 2022 waren es noch 4171. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik des Polizeireviers Esslingen hervor. Der Bericht wurde Ende November veröffentlicht. Zahlen für 2024 liegen noch nicht vor.