Mario Gomez Foto: Baumann - Baumann

In der vermaledeiten Abstiegssaison lief vieles schief. Und Mario Gomez wie ein Schatten seiner selbst über den Rasen. Neuerdings spielt der 34-Jährige befreit auf – und läuft so viel wie noch in seinem Fußballer-Leben. Dank Trainer Tim Walter und dessen neuer Spielidee.

Stuttgart Auf diesen Eintrag in sein persönliches Rekordbuch hätte Mario Gomez bestimmt gerne verzichtet. Aber nun, da der Schock seines ersten Abstiegs in die Niederungen der Zweiten Fußball-Bundesliga verdaut ist, ließ sich diese sehr spezielle Bestmarke einfach nicht mehr auf die lange Bank schieben. Schnell ist es gegangen: Lediglich 29 Zweitligaminuten waren gespielt, ehe Mario Gomez in der Auftaktpartie gegen Hannover 96 (2:1) im Anschluss an eine gut getimte Flanke von Borna Sosa aus kurzer Distanz mit rechts einnetzte. Damit ist der Stürmer nun der einzige Profi im deutschen Fußballbetrieb, der im Trikot des VfB Stuttgart, also für ein und denselben Verein, in der Regionalliga (heute dritte Liga), in der Zweiten sowie Ersten Bundesliga, in der Relegation, im DFB-Pokal, im Uefa-Pokal (heute Europa League) sowie in der Champions League mindestens ein Tor erzielt hat.

Vor dem schweren Auswärtsspiel beim 1. FC Heidenheim am Sonntag (13.30 Uhr) vergaß es der 34-Jährige nicht, seine Lust auf die neue Stuttgarter Spielidee mit Offensiv- und Ballbesitzfußball zum Ausdruck zu bringen. „Wir haben einen neuen Trainer mit einer ganz anderen Intention als bisher. Wenn der Gegner in der zweiten Halbzeit nicht mehr aufs Tor schießt, sagt das schon was aus“, sagte Gomez nach der Hannover-Partie: „Es ist schön, den Ball zu haben – und ihm nicht ständig hinterherzulaufen.“

Im Leben noch nie so viel gelaufen

Da auch Tim Walter weiß, wie wichtig bei allem fußballerischen Reformwillen gerade die beiden offensiven Haudegen, nämlich Gomez sowie der Zehner Daniel Didavi, sind, gab der Cheftrainer das Kompliment gerne zurück: „Mario ist, glaube ich, in seinem ganzen Leben noch nie so viel gelaufen“, sagte Walter mit einem Schmunzeln: „Man merkt, dass er befreit ist, dass er Spaß hat.“ Und tatsächlich, bei Mario Gomez war nicht nur aufgrund seiner für ihn ungewöhnlich hohen Laufleistung von fast elf Kilometern viel frische Motivation zu erkennen.

Dies war in der vermaledeiten Abstiegssaison nicht immer so gewesen. Denn da lief beim VfB viel schief – und auch Gomez oft im Trainings- wie im Spielbetrieb wie ein Schatten seiner selbst über den Rasen. 264 Erstligatore für den VfB, den FC Bayern, den AC Florenz, Besiktas Istanbul und den VfL Wolfsburg stehen in der Karriere des 34-Jährigen bislang zu Buche. Bei 483 Spielen macht dies eine sagenhafte Quote von 0,54 Toren pro Partie. Da waren die acht Treffer in den 31 Einsätzen der Vorsaison für einen wie Gomez (Torquote 0,25) eine nahezu jämmerliche Ausbeute. Vieles passte dem Star nicht. Die Entlassung des Trainers Tayfun Korkut etwa, das ist längst kein Geheimnis, kam für den Mann aus Riedlingen an der Donau zu früh. Die des Nachfolgers Markus Weinzierl dagegen viel zu spät.

Mit dem VfB-Sportchef Thomas Hitzlsperger („Mario will noch einmal beweisen, dass er eine tragende Rolle spielen kann“), seinem ehemaligen Mitspieler in Verein wie Nationalelf, kann Gomez dennoch weiterhin gut. Also ließ das Treuebekenntnis zu seinem Heimatclub, bei dem der Familienvater (ein Sohn) noch einen Vertrag bis zum Saisonende besitzt, trotz diverser Angebote nicht lange auf sich warten. „Mario will mithelfen, den sportlichen Schaden zu reparieren. In dieser Lage wird er den Verein nicht verlassen“, sagte sein Berater Uli Ferber am Tag nach dem 0:0 bei Union Berlin.

Nun hat sich Gomez („Wir Offensivspieler haben in der Vorsaison alle gelitten – keiner hat sich in seinem Spiel wohlgefühlt“) neu sortiert. Der Altmeister präsentiert sich fit – und ist mit Sieg und Tor auch erfolgreich in die neue Saison gestartet. Eine Runde, vor deren Beginn der Sportdirektor Sven Mislintat sagte: „Es kann sein, dass er nicht immer spielt. Aber sein Wert für die Mannschaft ist auch in der Kabine, im Gespräch mit den Mitspielern, immens.“ Mit 34 Jahren in 34 Saisonspielen Vollgas zu geben – das ist für Gomez nahezu unmöglich. Auch Tim Walter stimmt zu: „Mario ist ein sehr, sehr guter Mensch. Er ist ein Vollprofi. Er gibt im Training alles, er nimmt die Jungs mit“, sagt der Trainer, der gerade mal neun Jahre älter ist als der ehemalige Nationalstürmer: „Wir wissen auch, dass er nicht mehr der Mario mit 20 Jahren ist. Aber er hat noch immer einen hohen Stellenwert für uns. Ich weiß, was ich an ihm habe.“

Kein Weltenretter mehr

Die Kapitänsbinde allerdings, die ging an Marc Oliver Kempf – und damit an einen deutlich Jüngeren. Mario Gomez hat kein Problem damit. „Ich muss nicht mehr die Welt retten“, sagte er unlängst – und gibt sich gerade im Umgang mit den jungen Spielern ohne Allüren. Vielmehr hat es sich der alte Sturmfuchs abseits des Platzes in der Rolle des Elder Statesman eingerichtet. Für Gomez zählt nicht mehr der persönliche Imagegewinn, er braucht keine Instagram-Storys. Was zählt, ist der Wiederaufstieg mit dem VfB. Dem könnte dann vielleicht eine einjährige Vertragsverlängerung folgen – und mit dann 35 noch das ein oder andere Erstligator.

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