Amir Shkify ist ein sehr freundlicher Dozent – halbe Sätze aber lässt der Mann nicht gelten. Foto: Natalie Kanter

Amir Shkify kam 2015 nach Deutschland. Heute bringt der Deutsch-Syrer Menschen aus unterschiedlichsten Ländern in Leinfelden-Echterdingen die deutsche Sprache bei.

Amir Shkify übt mit seinen Schülerinnen und Schülern das Alphabet.: „A, B, C, D...“, tönt es durch den Raum der Volkshochschule in Leinfelden. Der 32-Jährige zählt mit den Fingern mit, lächelt viel und motiviert mit seinem freundlichen Blick. An der Tafel erklärt er den Unterschied zwischen „ie“ und „ei“. „Das lernen wir noch – gemeinsam“, sagt er, als eine Schülerin zugibt, die Höhe von Deutschlands höchstem Berg aus dem Deutschbuch nicht vorlesen zu können. Und tatsächlich kennt der Dozent einen super Trick, wie die 2962 Meter der Zugspitze und auch andere große Zahlen zu knacken sind: Man zerlegt die Ziffern in Einzelteile und fügt sie dann wieder zusammen.

Amir Shkify kann auch streng sein. Halbe Sätze lässt er nicht gelten. Wenn die Aussprache noch nicht passt, lässt er das Wort so oft wiederholen, bis es sich gut anhört. Außerdem: „Ein Koffer ist ein Koffer und eben keine Tasche.“ Und auch die Hausaufgaben sollten gemacht sein. Denn Vorbereitung ist die halbe Miete zur bestandenen B1-Prüfung. Jeden Dienstagabend und Mittwochabend bringt der schwarz-gelockte Mann elf Erwachsenen drei Stunden lang die deutsche Sprache bei.

Deutsch lernen in Leinfelden: Viele Nationen kommen zusammen

Die Gruppe ist bunt gemischt: Eine Mutter und ihr Sohn aus Russland sitzen in dem 250. Integrationskurs der VHS Leinfelden-Echterdingen, genauso wie eine junge Journalistin aus dem Kosovo. Ein Universitätsprofessor aus Griechenland lernt hier deutsch. Ein Koch aus Sri Lanka und ein Koch von den Philippinen gehören zu den Teilnehmern. Andere kommen aus den USA und der Ukraine. Dass hier Menschen aus vielen Nationen zusammenkommen, bringt Farbe ins Spiel. „Sie lernen von mir Deutsch und ich lerne ein paar Worte in ihrer Sprache“, sagt Amir Shkify.

Die Arbeit als Lehrer macht dem 32-Jährigen Spaß. Foto: Natalie Kanter

Wer in diesem Kurs sitzt, muss damit rechnen, die 16 Bundesländer Deutschlands aufzählen zu müssen. Die Teilnehmer sollten die Notrufnummer von Deutschland kennen und sich vorstellen können – mit Name, Alter, Beruf und Traumberuf. Denn: „Das haben wir schon gelernt“, sagt ihr Lehrer. Niemand kann sich wegducken, wenn es heißt, Bilder aus dem Kursbuch im Detail zu beschreiben. Das Kapitel trägt den Titel: Leben in Deutschland. „Nächstes Mal werden die Artikel abgefragt“, kündigt Amir Shkify an.

Das Besondere: Vor zehn Jahren saß er selbst in einem dieser Deutsch-Kurse. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Sprache so schnell, wie möglich zu lernen. „Er war hoch motiviert, hat ständig Fragen gestellt, wollte sehr schnell weiter kommen“, erzählt Vasiliki Spyropoulou – seine damalige Lehrerin. Denn der 32-Jährige kommt ursprünglich aus Syrien – genau genommen aus Idlib. Wegen des Bürgerkriegs hat er im August 2015 seine Heimat verlassen, ist nach Deutschland geflohen und wurde dem Landkreis Esslingen als Asylsuchender zugewiesen. Zunächst hat er in einer Gemeinschaftsunterkunft in Oberaichen gelebt und dann über eine Anzeige eine kleine Wohnung in Stetten gefunden.

Integration in Leinfelden-Echterdingen: Studium mit 1,3 beendet

Mittlerweile hat Amir Shkify die doppelte Staatsbürgerschaft, lebt mit seiner Frau, die er in Deutschland kennengelernt hat und seinen Kindern, die nur Deutsch und kein Arabisch sprechen, in Leinfelden-Echterdingen. Sein Lehrerstudium, das er in Syrien begonnen hatte, hat er an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit einen Notendurchschnitt von 1,3 abgeschlossen und dafür auch einen Preis gewonnen.

Vor mehr als zehn Jahren ist Amir Shkify in Deutschland angekommen. Mittlerweile ist er Deutsch-Syrer. Foto: Natalie Kanter

Als Sozialarbeiter arbeitet er nun für die AWO, betreut 100 Menschen in einer Gemeinschaftsunterkunft in Feuerbach und gibt zweimal die Woche als Dozent Deutschkurse in Leinfelden-Echterdingen. Kontakt zu anderen Menschen zu haben, ihnen zu helfen, das war immer sein berufliches Ziel. „Menschen, die nach Deutschland kommen, brauchen von Anfang an Hilfe“, betont er. Und : „Sprache ist ein Schlüssel, er sperrt jede Türe auf.“

Nachdem der Bürgerkrieg beendet war, war er einmal wieder in Syrien. Allerdings hat er festgestellt: „Ich fühle mich fremd dort.“ Und schiebt die Erklärung gleich nach: Wegen des Krieges habe er in Syrien seinen Weg nicht gefunden, und hat dann in Deutschland von „Null angefangen“. Mittlerweile sei es für ihn manchmal einfacher, seine Gedanken in deutscher Sprache auszudrücken, als in seiner Muttersprache. „Ich träume oft auch auf Deutsch.“ „Deutschland ist mein Heimatland geworden.“

BaMF streicht freiwillige Leistungen für Deutschkurse

Finanzierung-Stopp
Das Bundesinnenministerium, das die Aufsicht über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hat, gewährt Migrantinnen und Migranten, die nicht von den Jobcentern oder den Agenturen für Arbeit zur Teilnahme an Deutschkursen verpflichtet wurden, ab sofort nicht mehr die Übernahme der Kosten. Asylbewerber, Geduldete, Menschen aus der Ukraine sowie Unionsbürger, werden nicht mehr zugelassen, heißt es in einem Schreiben des BaMF, dass die Volkshochschulen als Träger der Kurse dieser Tage erhalten haben. Anträge, die beim BamF liegen, werden sukzessive abgelehnt. Nicht Zugelassene könnten aber als Selbstzahlende in die Kurse aufgenommen werden.

Einnahmeausfälle
Für die VHS Leinfelden-Echterdingen bedeutet dies, dass „30 bis 40 Prozent der bisherigen Teilnehmenden ab sofort nicht mehr zugelassen werden“, sagt Gerlinde Schroth, die Fachbereichsleitung Volkshochschule. Geplante Kurse müssten mit weniger Teilnehmenden stattfinden, da die erwarteten Bewilligungen ausbleiben. „Lehrkräften fürchten um ihre Aufträge. Fachkräfte, die wegen mangelnder Sprachkenntnisse noch nicht arbeiten können, können sich die Kurse oft nicht leisten.“ Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell sagt: „Die Entscheidung kam überraschend und hat große Auswirkungen.“ Für die VHS bedeute das große Einnahmeausfälle. Die finanziell angeschlagene Stadt könne das nicht kompensieren. Inhaber des Stadtpasses A und B könnten aber sämtliche Kurse der VHS – also auch die Deutschkurse – deutlich vergünstigt bekommen.