Mit 300 Millionen Euro ist der Bund bei Curevac eingestiegen, das einen Covid-19-Impfstoff entwickelt. Doch das Unternehmen ist nicht die einzige Biotechfirma in der Region.
Stuttgart - Konjunktureinbruch, Kurzarbeit, steigende Arbeitslosenzahlen, Klagen – die Corona-Krisenstimmung in weiten Teilen der Wirtschaft in Deutschland passt so gar nicht zum Gemütszustand von Klaus Eichenberg. Der promovierte Biologe und Unternehmensberater ist Geschäftsführer der BioRegio Stern, einem Zusammenschluss von mehr als 230 Firmen der Medizintechnik und Biotechnologie in den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb. „Ich bin überrascht und begeistert von der Kreativität und dem Arbeitselan dieser Branche“, sagt Eichenberg, der seit dem Jahr 2004 im Amt ist.
Angesichts der Pandemie hätten viele Unternehmen ihre Forschung und Produktion rasch auf die Bekämpfung der Covid-19-Erkrankung umgestellt. „Die Firmen wollen Teil der Lösung sein – und stellen auch an sich diese Erwartung“, sagt Eichenberg, der angesichts der ansonsten „vorherrschenden Katastrophenstimmung“ darüber öffentlich reden will: „Das macht Mut, gerade weil wir sonst immer nur verzweifelte Stimmen hören.“
Mehrere Ansätze für Impfstoffe
Wie der Deckel auf den Topf passt da die 300-Millionen-Euro-Beteiligung des Bundes am biopharmazeutischen Unternehmen Curevac AG in Tübingen, die am Montag bekannt wurde. Curevac entwickelt Impfstoffe, die der Körper selbst produziert – auch ein Mittel gegen Covid-19 ist schon in der Erprobung. Doch Curevac ist nur eine von zahlreichen Firmen, die sich der Corona-Herausforderung stellt.
Auf eine andere Art will beispielsweise die Prime Vector Technologies, eine nur wenige Monate alte Firma, einen Impfstoff entwickeln. Auch das wird vom Bundeswirtschaftsministerium mit 1,3 Millionen Euro unterstützt. Andere Verfahren mit Antigenen verfolgen weitere Firmen. Eichenberg betont: „Es gibt weltweit rund 120 Forschungsansätze für einen Impfstoff gegen Covid-19, allein vier haben wir hier in der BioRegio Stern“.
Mehr als Curevac
Allerdings seien die Aktivitäten der hiesigen Firmen damit nicht erschöpft. Auch bei der Entwicklung von Medikamenten, von Akut- und Antikörpertests seien zahlreiche Firmen involviert, ganz zu schweigen von der Produktion von Schutzvisieren und speziellen Masken. Eichenberg kann die Namen und Methoden herunterrattern wie früher eine handbetriebene Rechenmaschine.
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Beispiel Medikamente: Atriva Therapeutics forscht eigentlich an einer besseren Behandlung der klassischen Grippe, indem die Vermehrung der Viren aufgehalten wird. Nun ist die Frage, ob das Verfahren auch beim Coronavirus wirkt und so die Schwere der Covid-19-Erkrankung mindert. Synovo stellt nicht nur Antikörper- und Akuttests her, sondern arbeitet auch an einem Medikament, das als Entzündungshemmer wirkt. Nun fragt man sich, ob das auch bei vom Coronavirus ausgelösten Lungenentzündungen funktionieren könnte.
Der Kaugummi, der bitter schmeckt
Beispiel Tests: Die Firma Mediagnost hat einen Antikörper entwickelt, den nun das Unternehmen CeGat bei seinen, für alle Interessierten nutzbaren, kostenpflichtigen Bluttests in Tübingen, Reutlingen und Stuttgart einsetzt – für Eichenberg ein Beispiel für funktionierende Zusammenarbeit in seinem Cluster. Wie Transformation aussehen kann, zeigt das in Frickenhausen (Kreis Esslingen) ansässige Start-Up 3a-Diagnostics GmbH, das einen Kaugummi entwickelt, der bei Kontakt mit Krankheitserregern schlagartig bitter schmeckt. Eigentlich sollten so nicht sichtbare Entzündungsherde im Mund aufgespürt werden, doch könnte das nicht auch beim Coronavirus funktionieren? „Das wäre dann ein echter Schnelltest, innerhalb von zwei Minuten hätte man das Resultat“, so Eichenberg. In einem Jahre rechnet er mit Ergebnissen. Andere Firmen wie Bosch Healthcare und Curetis aus Holzgerlingen (Kreis Böblingen) setzen Verfahren ein, die Tests auf den Coronavirus erleichtern und innerhalb weniger Stunden Ergebnisse liefern.
Handdesinfektion im Auto
Aber es gibt noch weitere Entwicklungen, die Eichenberg – und wohl nicht nur ihn – faszinieren: datenbasierte Software, die die Virus-Ausbreitung simuliert; Apparate, mit denen aus sicherer Entfernung (wie schon im Robert-Bosch-Krankenhaus erprobt) Körpertemperatur, Atemfrequenz und Herzschlag als mögliche Parameter für eine Erkrankung gemessen werden und die in Pflegeheimen, Kliniken, Flughäfen und anderswo zur Kontrolle einzusetzen wären. Geradezu „pfiffig“ findet der Geschäftsführer die Idee für einen berührungslosen Desinfektionsspender, der in Autos eingebaut wird.
Eichenberg, dessen zehnköpfiges Team im Homeoffice arbeitet, wird jedenfalls von Anfragen der Firmen geradezu überschwemmt. „Ich habe wochenlang durchtelefoniert“, sagt er. Auch deshalb, weil noch nie so schnell Genehmigungen für Versuche erteilt und Förderzusagen gegeben wurden wie in dieser Coronazeit. „Manchmal hat das gerade acht Tage gedauert“, sagt Eichenberg, „früher wären es Monate gewesen.“ Auch der Topf mit den Zuschüssen hänge nicht mehr so hoch.
Entscheidend ist die Motivation
Entscheidend sei freilich die Motivation der Wissenschaftler und Techniker. „Sie sagen: wir können etwas, und wir tun das, weil es jetzt gebraucht wird“, betont Eichenberg. Das sei gesellschaftliche Verantwortung, und das sei, so meint er, im Umfeld von so vielen Negativschlagzeilen doch auch ermutigend.