Der Bebenhäuser Pfleghof bietet vielfältige Möglichkeiten, Tradition und Moderne zu verbinden und damit eine einzigartige Bibliothek zu schaffen. So ließe sich der Innenhof der Stadtbücherei zum Wintergarten machen und damit ganzjährig nutzen. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Mit klarer Mehrheit haben die Esslinger Bürger für eine Modernisierung und Erweiterung ihrer Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof votiert und einen Gemeinderatsbeschluss für einen Neubau in der Küferstraße gekippt. OB Jürgen Zieger, der den Neubau favorisiert hatte, verspricht im Gespräch mit unserer Zeitung, nun alles für eine gelungene Bibliothek im Pfleghof zu tun.

EsslingenSeit einem Vierteljahrhundert wartet die Esslinger Stadtbücherei auf eine Erweiterung. Während Verwaltung und Gemeinderats-Mehrheit einen Neubau in der Küferstraße wollten, haben sich die Bürger mit klarer Mehrheit für eine Modernisierung und Erweiterung der Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof entschieden. Auch wenn er selbst den Neubau favorisiert hatte, versichert OB Jürgen Zieger im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er den Bürgerwillen ernstnehmen und nun alles für eine attraktive, funktionale und moderne Bücherei im Pfleghof tun will.

Sie hatten für einen Neubau plädiert. Können Sie mit der Entscheidung für eine moderne Bibliothek im Pfleghof leben?
Ich hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich mir beide Standorte vorstellen kann. Es gab für mich technische Gründe, die für den Neubau sprachen. Ich habe aber überhaupt kein Problem damit, den Pfleghof nun als gesetzten Standort zu akzeptieren und das klare Votum der Bürger als Auftrag für Verwaltung und Gemeinderat zu nehmen, dort eine attraktive und zukunftsfähige Bibliothek zu schaffen.

Von Gemeinderäten war zu hören, die Entscheidung sei wegen vieler Unwägbarkeiten nicht endgültig. Müssen die Bürger fürchten, dass ihr Votum gekippt wird?
Unabhängig von Einzelmeinungen gibt es weder bei mir noch im Gemeinderat Zweifel, dass der Bürgerentscheid rechtlich bindende Wirkung hat. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass wir nun alle Kräfte bündeln, um schnellstmöglich eine zukunftsweisende Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof zu realisieren.

Die Verwaltung steht ja auch im Wort, dass beide Standorte möglich sind. Ihre Mitarbeiter hatten Vorteile für einen Neubau gesehen, aber die Eignung des Pfleghofs nie grundsätzlich bezweifelt ...
Hätten wir vor sechs Jahren die finanziellen Möglichkeiten gehabt, hätten wir die Modernisierung und Erweiterung des Pfleghofs selbstverständlich als Aufgabe angenommen. Erst durch die lange Zeit des Wartens kamen andere Varianten ins Spiel. Für mich war immer klar, dass beide Standorte unterschiedliche Chancen und Risiken bieten, dass sie aber geeignet sind.

Ziehen jetzt wirklich alle an einem Strang?
Diesen Eindruck habe ich im Gemeinderat gewonnen. Das Verfahren für den Architektenwettbewerb, die Ausgestaltung der Bücherei-Abteilungen und die Einbeziehung von Bürgern und Experten wurden einvernehmlich beraten. Damit sehe ich bestmögliche Voraussetzungen und ein Höchstmaß an politischer Einigkeit.

Viele Bürger hatten den Eindruck, dass die Verwaltung beim Pfleghof mehr die Risiken als die Chancen betont hat. Bietet sich dort nicht die Möglichkeit, eine einzigartige Bibliothek zu schaffen, die Esslingen ein Alleinstellungsmerkmal beschert?
In einem historischen Gebäude dieser Qualität eine moderne Bibliothek zu schaffen, ist eine große Chance, auch wenn sie mit hohem Aufwand verbunden und nicht ganz einfach zu realisieren ist. Wir haben den Auftrag, das Raumprogramm der Bücherei dort umzusetzen. Dafür werden wir die besten Architekten suchen und jeden Expertenrat einholen, der uns hilft. Ab sofort tun wir alles für den Pfleghof.

Die Stadtverwaltung hat in dieser Diskussion nicht immer eine gute Figur gemacht – denken wir nur an die erste öffentliche Veranstaltung, in der sich der Beifall für die zuständigen Dezernenten in engen Grenzen hielt. Seit dem Bürgerentscheid scheint es besser zu laufen. Machen Sie die Bücherei noch mehr zur Chefsache?
Die Bücherei ist seit langen Jahren auf meiner Agenda. Ich habe schon vor fünf Jahren deutlich gemacht, dass wir mit den Entwürfen der Machbarkeitsstudie eine Riesenchance haben. Die Verwaltung arbeitet konzertiert an dieser Aufgabe, die uns durch das Votum der Bürger mit noch mehr Nachdruck gestellt wurde. Sie dürfen sicher sein, dass die Schaffung der bestmöglichen Bibliothek im Pfleghof für mich persönlich eine große Verpflichtung ist. Die Stadtbücherei ist die Kultureinrichtung Nummer eins und damit kulturpolitisch ganz oben auf meiner Agenda.

Aus anderen neu gebauten Büchereien hört man, dass die Planer das Sagen hatten und bibliothekarische Fragen ins Hintertreffen gerieten. Wie gewährleisten Sie, dass das in Esslingen anders läuft?
Wir wissen, dass darauf zu achten ist, und werden im Planungsverfahren sicherstellen, dass die Belange der Bücherei nicht zu kurz kommen. Dafür wird auch unsere Bücherei-Leitung mit ihrer hohen Fachkompetenz sorgen. Eine moderne Bibliothek braucht möglichst große Flexibilität, weil sich die Anforderungen kontinuierlich verändern. Das ist in einem historischen Gebäude nicht ganz einfach, bleibt aber unser Ziel. Da gilt der architektonische Grundsatz: „Die Form folgt der Funktion.“

In einer wichtigen Planungsphase geht erst der Kulturamtsleiter, dann der Kulturbürgermeister. Haben dann die Planer gegenüber der Bücherei mehr Gewicht?
Als ich vor fast 22 Jahren zum ersten Mal als OB kandidiert habe, lautete mein erster Satz: „Ohne Kultur stirbt Leben.“ An dieser Grundhaltung hat sich nichts geändert. Und ich werde bei der neuen Bücherei ganz persönlich darauf achten, dass die Belange der Kultur gewahrt bleiben.

Das Ergebnis des Bürgerentscheids war auch ein klares Signal, dass die Bürger bei der Planung stärker einbezogen werden wollen. Wie wollen Sie das erreichen?
Ein Expertengremium mit Vertretern unterschiedlichster Nutzer- und Interessengruppen wird den Planungsprozess intensiv begleiten. So werden die Pläne aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und bei Bedarf korrigiert. Es wird einen öffentlichen Workshop geben, in dem sich jeder Interessierte einbringen kann. Und wir werden den Prozess der Bürgerbeteiligung nicht mit dem Baubeginn enden lassen, sondern bewusst weiterführen bis zur Einweihung der neuen Bücherei und auch im späteren Betrieb. Das ist für uns als Verwaltung mit einem gewissen Lernprozess verbunden, aber wir sehen dieses Modell auch als eine große Chance.

Wie man hört, wollten Ihre Mitarbeiter den Beteiligungsprozess auf wenige Wochen anlegen. Nun erhalten die Bürger mehr Zeit, sich einzubringen. Ist das die Handschrift des Oberbürgermeisters?
Es wäre unangemessen, das für mich in Anspruch zu nehmen. Hinter allen guten Ergebnissen muss ein Team stehen. Ich habe allerdings ein Auge darauf, dass Bürgerbeteiligung so organisiert wird, dass sie glaubhaft ist und nicht nur Alibiveranstaltung. Dass sich so viele mit der Bücherei identifizieren, ist eine großartige Chance, die wir nutzen wollen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass Esslingen am Ende eine Bibliothek bekommt, die die mehr als 20 Jahre währenden Debatten über die Erweiterung rechtfertigt?
Ich bin immer in das Gelingen verliebt und ein absoluter Optimist. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass wir eine wunderbare Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof bekommen werden.

Das Interview führte Alexander Maier.

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