Die bundesweit beachtete Krawallnacht bringt den Ruf Stuttgarts als sichere Großstadt ins Wanken. Foto: dpa/Julian Rettig

Randale, Fahrverbote, Demonstrationen: Stuttgart hat zuletzt oft negative Schlagzeilen gemacht. Manche Bewohner und Besucher sind verunsichert, Tourismusexperten sorgen sich um den guten Ruf. Selbst wenn manche Statistik nicht dazu passen mag.

Stuttgart - Zehn Tage ist es her, da hatte Armin Dellnitz endlich mal wieder ein richtig gutes Gefühl. Es war das Wochenende nach den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt. Aus dem ganzen Land hatten Fernsehsender, Magazine und Zeitungen Berichterstatter in die Landeshauptstadt geschickt. Die schlugen sich im Schlossgarten und auf der Königstraße die Nacht um die Ohren, sendeten zum Teil live – und hatten nichts zu zeigen außer einer normalen Sommernacht in der Großstadt. Mal abgesehen von dem großen Polizeiaufgebot vielleicht. „Ich habe mich über schöne Bilder gefreut. Das war sehr gut“, sagt der Tourismuschef von Stadt und Region mit hörbarer Erleichterung.

Am Wochenende zuvor dagegen war das genaue Gegenteil zu beobachten. Mehrere Hundert Chaoten legten sich mit der Polizei an und zerstörten Geschäfte in der Innenstadt. Die Bilder davon verbreiteten sich nicht nur bundesweit, sondern auf der ganzen Welt. Eine Szenerie, die jedem Touristiker, Gastronomen, Einzelhändler oder Hotelier den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Zumal in der Coronakrise, die so viele Menschen und Betriebe ohnehin hart getroffen hat. „Wir waren verwundert über die Intensität der Berichterstattung“, sagt Dellnitz. Viele Kollegen aus anderen Städten hätten ihn kontaktiert – zum Teil mit einem süffisanten Ton, weil die Sicherheitslage dort viel schlechter ist, ohne dass Verwunderung und Empörung darüber derartige Wellen schlagen. „Aber vielleicht kann man das auch positiv sehen“, sagt Dellnitz. „Offenbar hatte man so etwas ausgerechnet von Stuttgart nicht erwartet.“

Die Schwabenmetropole gilt vielerorts als Synonym für Sauberkeit und Sicherheit. Die Übernachtungszahlen kannten bis zur Coronakrise seit vielen Jahren nur eine Richtung: nach oben. Der Wohlstand ist hier zu Hause, das Wissen, die Industrie, die Kunst und Kultur. Und jetzt das. Ungebändigte Randalierer, viele von ihnen mit Migrationshintergrund. Dabei sieht sich die Stadt seit vielen Jahren auch als Musterbeispiel für gelungene Integration.

Besucher sind verunsichert

Doch der Zwischenfall ist nicht die erste kritische Entwicklung. Seit einiger Zeit rückt Stuttgart zunehmend mit negativen Beispielen in die öffentliche Wahrnehmung. Fahrverbote und Dieseldemos, Diskussionen über Luftverschmutzung und Parkplatzabbau, Übergriffe auf Frauen an Silvester vor ein paar Jahren, zuletzt immer offenere Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten und die großen Proteste gegen die Corona-Bestimmungen – das alles hinterlässt bei manchen ein ungutes Gefühl.

„Ich habe den Eindruck, dass man in Stuttgart keinen Wert mehr darauf legt, dass Leute von außerhalb in die Stadt kommen“, sagt ein Mann aus der Region. Er als Autofahrer fühle sich zunehmend gegängelt. Eine Frau aus dem Kreis Tübingen hat ebenfalls so ihre Erfahrungen gemacht. Zufällig geriet sie vor einiger Zeit in eine Kurden-Demo, mit allem, was dazu gehört: Polizei, aggressive Stimmung, Provokationen aus dem Zug heraus und von Gegnern am Rande. „Das brauche ich beim Einkaufen nicht mehr“, sagt sie – und bleibt seither weg.

Und die Stuttgarter selbst? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Das beste Beispiel dafür ist ein Ehepaar, das am Rande der Innenstadt wohnt und die Entwicklung seit Jahren mitbekommt. „In meiner Wahrnehmung hat sich nichts verändert“, sagt die Frau. Extreme Ausschreitungen wie vor gut zwei Wochen seien zwar etwas Neues, „ansonsten habe ich aber nicht den Eindruck, dass groß was anders ist als früher“. Es habe schon immer Leute gegeben, die sich anständig verhalten, und solche, die es eben nicht tun und auffallen.

Problemgruppe ist auf Stress aus

Ihr Mann dagegen, der häufiger in der Innenstadt ist, sieht das ganz anders. „Es wird immer schwieriger in der Stadt, vor allem nachts. Inzwischen überlege ich mir, ob ich noch durch einen Park gehe.“ Das Problem sei aber nicht die Partyszene. „Es gibt eine Gruppe, die zum Großteil aus Migranten besteht und immer auf Stress aus ist. Wenn man das ausspricht, wird man aber sofort Rassist genannt“, sagt der Mann, der selbst Wurzeln im Ausland hat. Er könne auch das Gejammer wegen der angeblichen Langeweile in der Coronakrise nicht mehr hören: „Da hilft es auch nicht, wenn die Clubs wieder öffnen. Die beschäftigen ja Türsteher, damit genau diese Leute nicht reinkommen.“ Behörden und Politik müssten aufhören, diese Entwicklung schönzureden und stattdessen durchgreifen. Im Vergleich zu manchen anderen Ecken auf der Welt aber, das sagt der Stuttgarter auch, sei es hier harmlos.

Das bestätigen zumindest die meisten Zahlen. Seit langem trägt Stuttgart das Mantra vor sich her, eine der sichersten Großstädte in Deutschland zu sein. Und der Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik bestätigt das. Bundesweit liegt man, gemessen an der Zahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner, in der Spitzengruppe der sichersten Städte weit vor Berlin oder gar Frankfurt am Main. Wohnungseinbrüche, Straßenkriminalität, gefährliche Körperverletzung, Taschendiebstähle und Sexualdelikte sind zuletzt zurückgegangen. Gerade Straßen- und Gewaltkriminalität haben dabei den niedrigsten Wert seit zehn Jahren erreicht. Also genau jene Taten, die sich im öffentlichen Raum abspielen und das Sicherheitsgefühl der Menschen beeinträchtigen.

Trügt also das Gefühl, dass etwas aus den Fugen geraten ist in Stuttgart? Vielleicht – aber nicht in jedem Punkt widerspricht die Statistik dem bloßen Eindruck. Der Anteil von Migranten unter den Tatverdächtigen zum Beispiel wächst. Zuletzt hatten 47 Prozent keinen deutschen Pass, ein Viertel davon waren Geflüchtete. Der offizielle Ausländeranteil der Stadt liegt aber nur bei 25,8 Prozent. Wie in allen Metropolen lockt gerade die Innenstadt auch Straftäter von außerhalb an. Und die Zahl der Demonstrationen ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Erst durch die Proteste gegen Stuttgart 21, in der Folge aber auch wegen vieler anderer Konflikte. Im vergangenen Jahr sind es 1520 gewesen.

Immer mehr Demonstrationen

„Das gehört natürlich auch zur Großstadt und man muss es ertragen“, sagt Citymanager Sven Hahn. Die meisten der Versammlungen konzentrierten sich aber auf Freitag und Samstag und fast alle Veranstalter wollten in die Innenstadt. „Manches davon läuft nicht nett und friedlich ab“, beobachtet Hahn. Zu Hause zu bleiben ist für ihn aber nicht nur von Berufs wegen die falsche Reaktion: „Viele Leute sind durch die Corona-Bestimmungen nicht da. Wir brauchen das Publikum des Nachtlebens, der Läden, der Restaurants und der Kultur. Ein vernünftiges Stadtleben macht die Stadt sicherer.“ Derzeit arbeitet der Citymanager an einem Bündnis, das eine solche Entwicklung zurück zur Normalität anschieben will.

Das wäre auch im Sinne von Armin Dellnitz. „Die Leute sind durch Corona ohnehin verunsichert. Sie sind vorsichtig und wägen genau ab, was sie tun. Wenn dann durch Ereignisse wie die Ausschreitungen der Eindruck entsteht, man könne am Wochenende nicht mehr in die Stadt kommen, weil es tagsüber Demos und nachts Randale gibt, dann wäre das fatal.“ Der Touristiker weiß, dass die harten Faktoren wie Museen und sonstige Attraktionen nur die eine Seite der Medaille sind. „Das Wohlgefühl einer Stadt ist genauso wichtig. Das muss man sich erarbeiten“, so Dellnitz. Dafür müssten Unbeschwertheit und Sicherheit sich verbinden.

Eine große Hoffnung haben alle in der Stadt. „Diese hässlichen Szenen dürfen sich nicht wiederholen“, sagt Dellnitz. Der Mensch sei vergesslich, das Image einer Stadt nicht sofort kaputt. Es sei denn, es gäbe solche Bilder immer wieder. Dann hätte auch der Chefwerber kein gutes Gefühl mehr.

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