Soll das Gendersternchen in Schulaufsätzen und -prüfungen verwendet werden dürfen oder nicht? Darum ist im Land eine Debatte unter Schülerinnen und Schülern, Lehrervertretern und in der Politik entbrannt. Wer welche Position vertritt.
Stuttgart - Wie es ist, in einer Prüfung zu gendern, weiß Elisabeth Schilli vom Landesschülerbeirat aus eigener Erfahrung: „Ich habe in meiner Abiturprüfung in Deutsch mit dem Doppelpunkt gegendert“, erzählt die Abiturientin aus der Nähe von Offenburg. Negative Reaktionen darauf habe sie von den Korrigierenden nicht bekommen. „So höre ich es auch aus anderen Schulen bislang. Dort wird es auch nicht angestrichen, wenn Schülerinnen oder Schüler Genderzeichen verwenden“, erzählt Schilli.
Wie sollen Schulen im Land mit Gendersternchen, Doppelpunkt und Unterstrich in Aufsätzen und Prüfungen umgehen? Darüber wird derzeit diskutiert. Auslöser ist die Berichterstattung unserer Zeitung, in der Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) es den Schulen offen ließ, ob sie diese zulassen oder nicht. „Es ist gut, wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule für geschlechtergerechte Sprache sensibilisiert werden, und das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist ja auch im Bildungsplan verankert“, sagte Schopper unserer Zeitung. Und weiter: „Gut ist es auch, wenn Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern auch eine Schreibweise bezüglich der Sonderformen beim Gendern vereinbaren.“
Landesschülerbeirat will Wahlfreiheit
Diese Aussage sorgte für Unmut unter Eltern-, Schülerinnen- und Lehrervertretern. „Wir finden es gut, dass eine Diskussion darüber entstanden ist, wie geschlechtergerechte Sprache in den Schulen angewendet wird“, sagt Elisabeth Schilli, Sprecherin des Landesschülerbeirats, „aber wir hätten uns eine einheitliche Regel gewünscht“. So müsse jede Schule ihren eigenen Weg finden und könne sich eben auch gegen Genderzeichen entscheiden. Der Landesschülerbeirat spricht sich für eine einheitliche Regelung von Seiten des Ministeriums aus, die es Schülerinnen und Schülern offen lässt, ob sie Genderzeichen verwenden wollen oder nicht.
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In der Forderung nach einer verbindlichen, landesweiten Regelung, ist sich der Landesschülerbeirat unter anderem mit den Bildungsverbänden VBE und GEW einig. So befürchtet etwa der VBE, dass die Schulen nun dem Druck „meinungsstarker Eltern“ ausgesetzt würden. Die GEW-Vorsitzende Monika Stein sagt: „Unser Eindruck ist, dass das Thema im Schulalltag an Relevanz gewinnt. Vor allem Schüler und Schülerinnen fordern gendergerechte Sprache immer wieder aktiv ein und sorgen so auch für Diskussionen in den Lehrerzimmern.“ Allerdings sei es – ebenso wie in der gesamten Gesellschaft – auch in Schulen ein umstrittenes Thema, bei dem es Gegner wie Befürworter gebe.
Elternvertreter: „Wir sind doch nicht im Zoo“
Harte Kritik an Schopper kommt vom Philologenverband (PHV) und dem Landeselternbeirat (LEB). So sieht der PHV-Landesvorsitzende Ralph Scholl derzeit weitaus dringlichere Probleme in den Schulen – wie etwa den Einbau von Luftfilteranlagen – als die Frage, ob gegendert wird. Und LEB-Chef Michael Mittelstaedt sagte der „Schwäbischen Zeitung“: „Rechtschreibung wird nicht zwischen Lehrer und Schüler vereinbart – wir sind doch nicht im Zoo“.
Generell gilt in Schulen bei der Vermittlung der Deutschen Sprache ebenso wie bei der Korrektur von Aufsätzen das Amtliche Regelwerk für die deutsche Orthografie. Dessen Urheberinnen und Urheber vom Rat für deutsche Rechtschreibung hatten zuletzt im März 2021 die Aufnahme von Gendersternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt, mit der die Vielfalt der Geschlechter zum Ausdruck kommen soll, nicht empfohlen. Sie hatten dabei vor allem auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit der Texte verwiesen. Auch in Schulbüchern werden bislang zwar männliche und weibliche Formen verwendet, aber keine Sonderzeichen.
Bislang wird männliche und weibliche Form verwendet
Schülerinnen und Schüler für gendersensible Sprache zu sensibilisieren, ist laut Kultusministerium auch bisher schon ein wichtiges Ziel in den Schulen. So werden im Bildungsplan 2016 fast durchgängig die weibliche und männliche Form verwendet oder neutrale Ausdrücke wie Lehrkräfte oder Studierende. Ähnliches gilt für die Rahmenlehrpläne der Berufsschule und sonstigen Bildungspläne. Sich mit der Sprachdebatte rund ums Gendern kritisch auseinander zu setzen, ist außerdem Unterrichtsinhalt und war dieses Jahr auch Kommentar-Thema im Deutschabitur.
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Bei den bislang gängigen Regeln zu bleiben, fordert auch CDU-Generalsekretärin Isabell Huber: „Anstatt das Trennende mit Sternchen oder Binnen-Is überzubetonen, spricht doch nichts dagegen, klassisch, schlicht und einfach beide Geschlechterformen zu nennen.“ Dass die Kultusministerin jetzt die Tür für andere Regeln an Schulen öffne, lasse „Beliebigkeit in Wort und Schrift in unsere Schulen einziehen“, so Huber. „ Wenn das Kultusministerium jetzt sagt, dass jede Schule oder gar jede Klasse das Gendersternchen handhabt, wie sie gerade möchte, entsteht ein Flickenteppich.“ Huber spricht sich deshalb dafür aus, sich in Baden-Württemberg weiterhin an das Regelwerk über die deutsche Sprache zu halten und verweist auch auf den grün-schwarzen Koalitionsvertrag. In diesem habe man auch keine Genderzeichen verwendet.
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